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Sep
10

Europas heimlicher Transfermeister: CFC Genua 1893

50 neue Spieler hat der italienische Erstligist CFC Genua 1893 in der Sommertransferperiode unter Vertrag genommen. Viele von ihnen hat man längst wieder weitergereicht. Der Handel mit Transferrechten zur Gewinnoptimierung hat System in der ligurischen Hafenstadt. Der große sportliche Erfolg bleibt dabei logischerweise aus.

Um 1900 herum war der CFC Genua 1893 die erste Adresse im italienischen Fußball. Zwischen 1898 und 1904 gewann der Verein sechs nationale Meisterschaften in sieben Jahren. 1915, 1923 und 1924 kamen noch die Scudetti Nummer sieben bis neun dazu. Doch seitdem hechelt der CFC dem Erfolg hinterher. Seit seinem siebten Wiederaufstieg in die Serie A zur Saison 2007/08 setzt der Verein auf eine eigenwillige und in Europa vermutlich einmalige Transferpolitik.

Insgesamt 256 Spieler wurden seitdem als Neuzugänge geführt, allein zur Saison 2012/13 waren es 50(!) Neue. Zur Beruhigung: Selbstverständlich hat Genua nicht 70 bis 100 Spieler in seinem Kader für die laufende Saison. Viele der Neuen haben kein einziges Spiel für die Rot-Blauen bestritten und werden wohl auch nie in diese Situation kommen. Genua hat sich nämlich darauf „spezialisiert“, Talente zu verpflichten, sofort wieder zu verleihen und – in der Hoffnung auf eine Wertsteigerung in der Fremde – mit Gewinn weiterzuverkaufen.

Wie an der Börse – Spekulationsobjekte Boateng, Milito, Destro & Co.

Der prominenteste Fall ist der Transfer von Kevin-Prince Boateng im Sommer 2010. Der Ghanaer war nach starken Leistungen bei der Weltmeisterschaft in Südafrika u.a. in den Fokus des AC Mailand geraten. Doch anstatt direkt zu den Lombarden zu wechseln, unterschrieb Boateng einen Vierjahresvertrag beim CFC Genua, welcher den Spieler prompt nach Mailand verlieh. Die offizielle Sprachregelung lautete, dass Boateng die ersten zwei Jahre in Mailand und die letzten zwei in Genua spielen sollte. De facto hatten die Rossoneri zu diesem Zeitpunkt aber nicht das nötige Kleingeld, um Boateng direkt zu kaufen. Genua wusste das und legte Boatengs bisherigem Arbeitgeber Portsmouth ein Angebot über sechs Millionen Euro vor, bei dem die Konkurrenz ausstieg. Für eine Leihgebühr von drei Millionen Euro ging Boateng noch im Sommer 2010 nach Mailand. Bereits nach einem Jahr wollte der 18-malige Italienische Meister den Spieler fix verpflichten und kaufte ihn für knapp acht Millionen Euro aus dem Vertrag in Genua. Für den CFC bedeutete die Aktion einen Reingewinn von fünf Millionen Euro.

Noch mehr ins Risiko ging man bei Diego Milito. Der argentinische Stürmer wechselte 2004 ablösefrei in die Kolumbus-Stadt. Nach dem Abstieg in die Serie B verlieh Genua Milito 2005 für 2 Millionen Euro an den spanischen Erstligisten Real Saragossa. In seinem ersten Jahr erzielte er 14 Treffer, woraufhin Saragossa die Kaufoption für 5 Millionen Euro zog. Milito entwickelte sich weiterhin prächtig, erzielte in den nächsten beiden Spielzeiten 22 bzw. 15 Primera-Division-Treffer. 2008 machte Genua von seinem Rückkaufrecht Gebrauch und holte den Argentinier, der längst an die 20 Millionen Euro wert war, für 13 Millionen Euro zurück in die Serie A. Nach sensationellen 24 Toren für den CFC in der Saison 2008/09 verkaufte man ihn schließlich für 25 Millionen Euro zu Inter Mailand, das er 2010 mit seinen zwei Finaltreffern gegen Bayern München zum Sieg in der Champions League schoss.

Ein aktuelles Beispiel ist der Stürmer Mattia Destro. Der 21-jährige Jungnationalspieler ist eines der begehrtesten Talente der Serie A. Destro wechselte im Januar 2011 als 19-jähriger von der A-Jugend von Inter Mailand („Primavera“) nach Genua. Im Juli 2011 verlieh ihn der CFC für 1,5 Millionen Euro an den AC Siena. Destro schlug in der Toskana ein, erzielte in seiner ersten Seria-A-Spielzeit 12 Treffer. Siena zog zum 1.7.2012 die Kaufoption für läppische 1,3 Millionen Euro. Genua, das seinerseits ein Rückkaufsrecht für 7 Millionen Euro vereinbart hatte, holte den Spieler nur 18 Tage später zurück – um ihn nur weitere 11 Tage später für 11,5 Millionen Euro an den AS Rom weiterzuverkaufen.

Nicht jede Investition lohnt sich

Natürlich kann die Spekulation mit Spielerwerten nicht immer aufgehen. So kaufte Genua 1893 im Sommer 2009 für 15 Millionen Euro den damals 21-jährigen Stürmer Robert Acquafresca, verlieh ihn sogleich für eine Million Euro an Atalanta Bergamo und wartete auf eine Wertentwicklung.

Doch die blieb in Bergamo ebenso aus wie auf Acquafrescas weiteren Leihstationen in Cagliari und zuletzt in Bologna, wohin man den Stürmer im Sommer 2012 letztlich für 2,5 Millionen Euro verkaufte. Inklusive aller Einnahmen aus Leihgebühren (insgesamt 1,5 Millionen Euro) hat man mit dem Spieler also 11 Millionen Euro Verlust gemacht.

Hohe Umsätze, wenig Erfolg

Aufgrund der enormen Personalfluktuation gehört der CFC Genua 1893 regelmäßig zur europäischen Top Ten der Ein- und Verkäufer. Ein paar Zahlen: Allein im Sommer 2012 setzte man auf dem Transfermarkt rund 70 Millionen Euro um (15,1 Mio. Euro Ausgaben, 54,3 Mio. Euro Einnahmen). Auch in der 2011er Bilanz standen Transferausgaben In Höhe von 60 Mio. Euro Einnahmen im Bereich von 70 Millionen Euro gegenüber. 2010 verbuchte der Klub jedoch Ausgaben in Höhe von fast 70 Millionen Euro, nahm aber „nur“ 50 Millionen Euro ein. Zwischen 2007 und 2010 fuhr man gar einen Verlust von insgesamt 40 Millionen Euro ein. Merke: Mittelfristig halten sich die Transfergewinne beim CFC Genua mit den Ausgaben ungefähr die Waage.

Hinzu kommt die sportliche Seite: Die Mannschaft dümpelt seit Jahren in der unteren Tabellenhälfte der Serie A herum. Ein Kevin-Prince Boateng in der Form der letzten Jahre hätte dem CFC nach 2010 sportlich gewiss weitergeholfen. Wer weiß, womöglich hätte man sich mit ihm für den Europapokal qualifiziert, könnte auf andere Einnahmequellen als auf Transfergewinne spekulieren und würde zumindest in Ansätzen an die Erfolge der goldenen Ära anknüpfen. So aber liefert der Verein ein Paradebeispiel dafür, warum fehlende Kontinuität immer wieder als Merkmal für sportlichen Misserfolg angeführt wird. Das Transfer-„System“ des CFC Genua ist in der Tat einmalig. Weil man gewiss auch mit weniger finanziellem Risiko um Platz 12 bis 15 in Italien mitspielen kann, wird es hoffentlich niemals Schule machen…

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