«

»

Mrz
06

FC Bayern: Van Gaal vor dem Aus – und dann?

Nach dem 1:3 von Hannover, der dritten Pflichtspielniederlage in Folge, steht Trainer Louis van Gaal beim FC Bayern allem Anschein nach vor dem Aus. Doch wäre eine Entlassung tatsächlich die beste Lösung für den FC Bayern?

Misserfolg ist relativ. Beim FC Bayern München spricht man schon von einer miesen Saison, wenn man nicht deutscher Meister wird. Von einer katastrophalen Saison ist die Rede, wenn man die Champions League-Qualifikation verpasst. Angesichts der Ansprüche des Vereins und des teuren Kaders leuchtet daher ein, dass sich die Bayern-Bosse bei derzeit 5 Punkten Rückstand auf den Champions League-Qualifikationsplatz mit dem Thema Trainerwechsel auseinandersetzen. So wie 2007 und 2009.

2007 & 2009: Notbremse Trainerwechsel mit unterschiedlichem Erfolg

2007 übernahm Ottmar Hitzfeld für Felix Magath nach dem 19. Spieltag. Hitzfeld verpasste das Minimalziel Platz drei, durfte aber trotzdem im Amt bleiben – weil der Vorstand die Schuldigen im Kader ausgemacht hatte. Bayern ging also im Sommer 2007 auf Shopping-Tour und holte u.a. Franck Ribéry, Luca Toni, Miroslav Klose, Zé Roberto oder Marcell Jansen. 2008 gewann der FCB dann das Double.

Danach übernahm Jürgen Klinsmann die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld. Die Bayern-Bosse verzichteten damals auf große Einkäufe, der bestehende Kader sei stark genug, hieß es damals. Einzig die ablösefreien Jörg Butt, Tim Borowski und Massimo Oddo stießen dazu. Im Frühjahr 2009 war die CL-Quali dann erneut in Gefahr. Gleiches Schema wie 2007: Der alte Trainer ging, ein neuer kam. Dieses Mal war es der alte Hoeneß-Freund Jupp Heynckes, der die Bayern auf den letzten Drücker noch auf Platz zwei führte.

Handeln die Bayern-Bosse im Zwei-Jahres-Rhythmus?

Heynckes‘ Engagement war bis zum Saisonende begrenzt, das wussten alle Beteiligten. Also schauten sich die Bayern-Bosse frühzeitig nach einem neuen Trainer um, holten Louis van Gaal als neuen Übungsleiter und verstärkten den scheinbar dann doch zu schwach besetzten Kader (vgl. 2007) mit neuen teuren Stars: Für Mario Gomez, Arjen Robben, Anatoliy Tymoshchuk, Danijel Pranjic, Ivica Olic & Co. legten die Bayern insgesamt 75 Millionen Euro auf den Tisch. Van Gaal baute den Kader und die Spielweise um, zauberte die Bayern-Talente Badstuber und Müller aus dem Hut – und gewann das Double (vgl. 2008) und beinahe auch noch die Champions League.

Vor der laufenden Saison lief es dann wieder ähnlich wie im Sommer 2008: Die Bayern wurden auf dem Transfermarkt kaum aktiv und kamen anschließend in der Liga nicht so recht in die „Pötte“. Nach dem 25. Spieltag befindet sich der FC Bayern nun also scheinbar in einer ähnlichen Situation wie im Frühjahr 2007 und im Frühjahr 2009. Für alle, die an das Gesetz der Serie glauben, scheint klar, was nun passieren wird: Hoeneß und Rummenigge entlassen den aktuellen Trainer, holen spätestens im Sommer einen neuen Coach mit „Perspektive“, gehen wieder auf große Shopping-Tour und gewinnen 2012 das Double. Durchaus möglich, dass es so kommt. Doch wie lässt sich erklären, dass der FC Bayern seit geraumer Zeit im einen Jahr national dominiert und im nächsten nichts „reißt“?

These 1: Die Bayern zahlen die Zeche für die Nationalmannschaft

Es ist auffällig, dass Bayern München seit 2003 am Saisonende entweder mit dem Double aus Meisterschaft und Pokal (2003, 2005, 2006, 2008, 2010) oder mit leeren Händen dastand (2004, 2007, 2009, 2011). Bemerkenswert ist hierbei, dass sich die Bayern vor allem in den Spielzeiten nach Welt- oder Europameisterschaften schwer tun. Nimmt man die noch laufende Saison hinzu, sind die Bayern schon dreimal in Folge im Jahr nach einem großen Turnier ohne Titel geblieben.

Fakt ist: Natürlich stellen die Bayern bei einem großen Turnier mehr Spieler ab als jeder andere Bundesligisten. Doch wer sich die besten Spieler im Kader hält, muss mit diesem Umstand umgehen können. Qualität hat eben nicht nur auf dem Transfermarkt ihren Preis. Und ein müder Schweinsteiger ist im Zweifel immer noch ein besserer Fußballer als ein topfitter Mittelklassekicker. Ein Blick über den Tellerrand zeigt zudem, dass die vielen Nationalmannschafts-Abstellungen den FC Barcelona, Real Madrid, Manchester United, Arsenal London oder den AC und Inter Mailand scheinbar nicht aus dem Rhythmus gebracht haben.

These 2: Louis van Gaal lässt den falschen Fußball spielen

Vor nicht einmal einem Jahr wurde Louis van Gaal noch überschwänglich gefeiert. Das Spiel des FC Bayern war schön anzuschauen, auch die Erfolge waren da. Dass dabei viel über eigenen Ballbesitz und Spielkontrolle lief, stimmt. Aber letzten Endes lief auch viel über Arjen Robben. Mit der Taktik, dem Niederländer den Ball zu geben und dann abzuwarten, was sich daraus ergibt, sind die Bayern höchst erfolgreich gefahren – weil Robben in der Regel gesund und in Top-Form war.

In dieser Saison spielt der FC Bayern immer noch einen Fußball, der vor allem auf den eigenen Ballbesitz ausgerichtet ist. Doch weil hin und wieder der Esprit und Robben fehlten und somit die Erfolge ausblieben, ist nun der Trainer in der Bredouille. Käme morgen ein neuer Übungsleiter, würde der aber vermutlich einen ähnlichen Fußball spielen lassen (müssen).

These 3: Die Bayern-Bosse haben den falschen Trainer geholt

Für den FC Bayern ist Platz 4 in etwa genauso schlimm wie Platz 18 für Borussia Mönchengladbach. Und auch in München wird man nervös, wenn man sich zu einem fortgeschrittenen Saisonzeitpunkt in der „Super-GAU-Zone“ befindet. Das Einzige was da helfen würde, wäre ein Trainer, der einen erst gar nicht in diese Zone bringt. Doch eine solche Garantie kann kein Trainer der Welt ausstellen. Dazu benötigt man nämlich nicht nur Fachwissen, sondern auch eine gut besetzte Mannschaft, das Vertrauen der Spieler und des Vorstandes und nicht zuletzt jede Menge Glück.

Zu den einzelnen Punkten: Van Gaals Fachwissen stand vom ersten Tag an außer Frage. Er konnte sich zudem eine Mannschaft weitgehend nach seinen Vorstellungen bauen (Müller, Badstuber, auch Alaba und Contento rein; Lahm nach rechts, Schweinsteiger ins Zentrum). Durch diese Maßnahmen und das Quäntchen Glück, das ihm den Erfolg in den entscheidenden Spielen beschied, gewann van Gaal schließlich trotz seiner kauzigen Art das Vertrauen der Spieler. Wer ihm nicht mehr folgte, wurde peu à peu aussortiert (Lucio, Toni). Hart, aber im Sinne der eigenen Linie. Das alles führte zu einer herausragenden ersten Saison und vergrößerte das Vertrauen im Vorstand.

Der versuchte, seinem Erfolgstrainer vor der laufenden Saison einige gestandene Spieler schmackhaft zu machen. Van Gaal wies jedoch die Verpflichtung von Khedira, Coentrao, van der Wiel oder Bosingwa zurück. Er baute stattdessen weiter auf den eigenen Nachwuchs, in der Hoffnung, dass es noch einmal so gut funktionieren würde. Das mag man als blind und ignorant abtun, doch Hand aufs Herz: Nachdem Müller und Badstuber eingeschlagen hatten, haben nicht wenige van Gaal geglaubt, dass auch Alaba oder Contento den Sprung schaffen könnten oder dass Badstuber sich weiterentwickelt und die Probleme in der Innenverteidigung behebt.

Rückblickend muss man sagen: Wenn es so etwas wie einen „optimalen“ Zeitpunkt gegeben hat, van Gaal zu entlassen, dann wäre damals gewesen. Doch wer tut so etwas schon, wenn der Erfolg da ist? Und wer kann garantieren, dass es mit einem anderen Trainer oder den angesprochenen Spielern besser gelaufen wäre?

Am Ende gibt einem nur der Erfolg Recht – Warum Louis van Gaal bleiben sollte

Wäre es van Gaal in seinem zweiten Bayern-Jahr gelungen, Badstuber, Contento oder Breno entscheidend weiterzuentwickeln, würde der FCB heute vermutlich besser in der Tabelle dastehen. Dass es anders gekommen ist, liegt an den Fehleinschätzungen des Trainers bzw. am mangelnden Durchsetzungsvermögen des Vorstands gegen einen starken Trainer.

Fakt ist aber: Die Bayern haben im Sommer 2009 mit der Personalie Louis van Gaal eine richtige Entscheidung getroffen und sich fußballerisch in die Richtung entwickelt, wo sie über Jahre hinwollten. Es ist im Fußball ganz normal, dass man im Misserfolg dran glauben muss. Nur würde ein kurzfristiger Trainerwechsel die Situation kaum verbessern. Ein nach den Maßstäben des FC Bayern „besserer“ Trainer ist derzeit nicht auf dem Markt, und Jürgen Klopp dürfte im Sommer wohl ebenso wenig zu haben sein wie José Mourinho. Das Beste, was der Vorstand tun könnten, wäre bereits jetzt an der Mannschaft für die neue Saison zu arbeiten und mit Louis van Gaal einen neuen Versuch zu unternehmen. In der aktuellen Lage ist sicherlich auch van Gaal offen für neue Namen. Außerdem fängt der frühe Vogel auch auf dem Transfermarkt den Wurm. Das einzige Problem ist, dass man trotzdem in dieser Saison noch irgendwie unter die ersten drei in der Liga kommen muss, wenn man zur kommenden Saison gute Spieler nach München holen möchte…

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*