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Jun
03

Geschichte der Europameisterschaft – Zwischen Zeitverschwendung und heimlicher WM

Im Schatten der WM musste die Europameisterschaft lange um Anerkennung kämpfen. Mittlerweile ist die EURO aber fast genauso prestigeträchtig – und mit erstmals 24 Teilnehmern bei der EM 2016 in Frankreich auch fast so groß wie das Weltturnier.

„Eine Europameisterschaft, was soll das bitte?!“ Bundestrainer-Legende Sepp Herberger war alles andere als angetan von der Idee, an einem Turnier teilzunehmen, das nur die Vorbereitung auf die sehr viel wichtigere Weltmeisterschaft stört. So kam es, dass der DFB freiwillig auf die Teilnahme an den ersten beiden EM-Turnieren 1960 und 1964 verzichtete.

Erst vor der dritten Auflage 1968 war man auch in der Otto-Fleck-Schneise zu der Auffassung gelangt, dass sich der EM-Pokal ganz gut im Trophäenschrank machen würde. Pointe: Die zunächst so arroganten Deutschen verpassten durch ein 0:0 im letzten Qualifikationsspiel in Albanien das Ticket nach Italien. Es ist bis heute das einzige Mal, dass Deutschland in der Qualifikation für ein großes Turnier gescheitert ist.

Diesen Fehltritt hat die DFB-Elf aber mittlerweile korrigiert. Bei elf Teilnahmen bis 2012 (Rekord) gewann Deutschland dreimal den Titel (Rekord gemeinsam mit Spanien), wurde dreimal Zweiter (Rekord) und erreichte acht Mal mindestens das Halbfinale (natürlich ebenfalls Rekord). Unrühmlich waren allein die Turniere 1984, 2000 und 2004, als bereits nach der Vorrunde Schluss war. Hier eine kleine Geschichte der  Europameisterschaft.

1960 bis 1968: Kampf um Anerkennung

Sepp Herberger war nicht der einzige, der zunächst wenig für die EURO übrig hatte. Dabei ist die Idee der Europameisterschaft vor dem „ersten Mal“ 1960 gar nicht sonderlich neu gewesen. Vielmehr wurde in den 1920er Jahren mit dem sogenannten Europapokal der Fußball-Nationalmannschaften bereits ein Vorläufer der EM ausgespielt. Allerdings nahmen an diesem Turnier, das bis 1960 sechsmal stattfand und sich stets über mehrere Jahre zog, fast ausschließlich süd- und osteuropäische Mannschaften teil. Rekordsieger war Italien mit zwei Titeln (1930, 1935), auch die Österreicher durften mal (1932).

Die 1954 gegründete Europäische Fußball-Union gab unter Federführung ihres Generalsekretärs Henri Delaunay, nach dem der noch heute vergebene Siegerpokal benannt ist, dem Format aber mit aller Entschlossenheit neues Gesicht. Die erste offizielle Europameisterschaft 1960 war dennoch eher eine traurige Veranstaltung. So verzichteten neben Deutschland auch die Fußball-Großmächte England und Italien auf eine Teilnahme.

Bereits bei der ersten Auflage wurde jedoch der Modus des „Final Four“ durchgeführt, welcher bis 1976 beibehalten wurde: Wer sich in der Qualifikation das Ticket für das Halbfinale gesichert hatte, konnte sich bei der UEFA als Ausrichter einer Mini-Endrunde mit zwei Halbfinals, dem Spiel um Platz 3 und dem Endspiel bewerben.

Bei der Premiere 1960 ging der Zuschlag an Frankreich, den Turniersieg holte sich die Sowjetunion mit einem 2:1 nach Verlängerung gegen Jugoslawien. 1964 verzichtete nur noch die DFB-Auswahl. Der Titel ging an die Spanier, die auch Gastgeber der Endrunde waren. 1968 wollte endgültig ganz Europa mitspielen. Sieger wurde Gastgeber Italien, das 210 Minuten benötigte, um die Jugoslawen im Finale zu bezwingen (1:1 nach Verlängerung, 2:0 im Wiederholungsspiel). Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Weiteres Kuriosum: Italien hatte das Finale durch Münzwurf erreicht, nachdem im Halbfinale gegen die Sowjetunion auch nach Verlängerung immer noch kein Tor gefallen war.

1972 bis 1980: Die „deutschen“ Jahre

Die folgenden drei Turniere wurden von der deutschen Nationalmannschaft geprägt. 1972 gewann die bis vermeintlich beste DFB-Elf aller Zeiten in souveräner Manier den Titel. Auf den sagenumwobenen ersten Sieg einer deutschen Nationalmannschaft in Wembley gegen England (3:1 im Viertelfinal-Hinspiel) folgten beim Finalturnier in Belgien zwei glanzvolle Siege gegen die Gastgeber im Halbfinale (2:1, zwei Mal Gerd Müller) sowie die Sowjetunion im Endspiel (3:0; zwei Mal Gerd Müller, Herbert Wimmer).

1976 gelang der Elf von Bundestrainer Helmut Schön um ein Haar die Wiederholung. Bei einem dramatischen Endturnier in Jugoslawien wurde zunächst der Gastgeber im Halbfinale nach 0:2-Rückstand mit 4:2 nach Verlängerung bezwungen. Der Kölner Dieter Müller traf bei seinem Länderspieldebüt dreimal. Auch im Endspiel von Belgrad konnte Deutschland einen 0:2-Rückstand gegen die Tschechoslowakei durch Dieter Müller und den Frankfurter Bernd Hölzenbein noch aufholen. Die Verlängerung blieb torlos. Der berühmte Fehlschuss von Uli Hoeneß im Elfmeterschießen und der darauf folgende, frech in die Mitte gechipte Elfmeter von Antonin Panenka bescherten allerdings den Osteuropäern den Titel.

Die EM-Endrunde 1980 in Italien wurde auf acht Teilnehmer und eine Dauer von knapp zwei Wochen ausgeweitet. Deutschland bot nicht gerade spielerische Glanzleistungen, erreichte beim torärmsten EM-Turnier der Geschichte (1,93 pro Spiel) aber dennoch das Finale von Rom und bezwang dort Belgien durch einen Doppelpack von Horst Hrubesch mit 2:1.

1984 bis 1992: Andere dürfen auch mal

1984 drückte Gastgeber Frankreich dem Turnier im eigenen Land den Stempel auf. Die Équipe Tricolore erlebte in dieser Zeit ihre erste Blüte und gewann mit begeisterndem Offensivfußball souverän den Titel. Vor allem ihr Spielmacher, der mittlerweile suspendierte UEFA-Präsident Michel Platini, prägte das Turnier. Seine neun Treffer in fünf Spielen sind nicht nur Rekord für eine Endrunde, mit dieser Bilanz führt Platini auch bis heute die ewige EM-Torjägerliste an. Deutschland sagte nach einer bescheidenen Leistung bereits nach der Vorrunde adieu. Das 0:1 gegen Spanien im dritten Gruppenspiel war der letzte Arbeitstag von Bundestrainer Jupp Derwall, danach kam der „Kaiser“.

1988 fand die Endrunde zum ersten und bislang einzigen Mal in Deutschland statt. Zwei Jahre vor dem überlegenen Gewinn der Weltmeisterschaft in Italien mangelte es dem Team von Franz Beckenbauer aber noch an spielerischer Klasse. Waschechte „Holzfäller“ und Fußballarbeiter à la Uli Borowka bescherten der DFB-Elf das Image einer Klopper-Truppe. Im Halbfinale war gegen die Niederländer um die überragenden Marco van Basten und Ruud Gullit mit 1:2 Schluss. „Oranje“ holte sich gegen die Sowjetunion im Finale mit 2:0 verdient ihren bis heute einzigen Titel. Und das ausgerechnet in München, dem Ort, wo die vermeintlich überhöhte niederländische Generation um Johan Cruyff 1974 das WM-Finale gegen Deutschland verloren hatte.

Bei der Europameisterschaft 1992 stand auf dem Papier erneut alles im Zeichen des Duells Deutschland gegen Holland. Niemand hatte dabei die Dänen auf der Rechnung, die erst kurz vor Turnierbeginn für die wegen des Bürgerkriegs im eigenen Land ausgeschlossenen Jugoslawen nachrückten, und ohne Vorbereitung und jeden Druck den Titel holten. In der Vorrunde waren die Engländer und die Franzosen fällig, im Halbfinale die Niederländer und im Finale beim 2:0 die von Berti Vogts trainierten Deutschen. Der sagte nach der Finalniederlage den schönen Satz: „Wenn ich übers Wasser laufen würde, würden meine Kritiker sagen, ‘Nicht mal schwimmen kann er‘.“

1996: Football’s coming home

Die Europameisterschaft in England war ein besonderes Turnier. Erstmals nahmen 16 Mannschaften an einer Endrunde teil. Gespielt wurde in einigen der traditionsreichsten Stadien Europas, wie dem alten Wembley-Stadion, im Old Trafford von Manchester oder an der Anfield Road in Liverpool. Deutschland gewann den Titel im Finale gegen das Überraschungsteam aus Tschechien durch das Golden Goal des heutigen Nationalmannschaftsmanagers Oliver Bierhoff mit 2:1. Das beste Spiel des Turniers war aber das dramatische Halbfinale zwischen Deutschland und England in Wembley (1:1 n.V., 6:5 nach Elfmeterschießen), in dem beide Mannschaften mehrere Gelegenheiten hatten, das Spiel vorzeitig durch Golden Goal zu entscheiden.

2000: Frankreich wie vom anderen Stern

Der amtierende Weltmeister Frankreich überstrahlte bei der Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden alles. Mit brillantem Fußball sicherte sich die Mannschaft um Starspieler Zinédine Zidane ihren zweiten EM-Titel. Einzig die an ihrer Arroganz gescheiterten Niederländer und der mauernde Finalgegner aus Italien waren phasenweise in der Lage, den Franzosen Paroli zu bieten. Alles in allem waren Les Bleus aber 2000 sogar noch einen Tick besser als beim WM-Gewinn zwei Jahre zuvor. Das von Erich Ribbeck trainierte deutsche Team verabschiedete sich mit seiner schwächsten Turniervorstellung seiner Geschichte (1 Punkt, 1:5 Tore) bereits nach der Vorrunde.

2004: Das griechische Fußballwunder

Schön und begeisternd haben sie nicht gerade gespielt, die Griechen. Mit Fünfer-Abwehrriegel mauerte sich die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel in Portugal zum Titel. Allerdings: Wer die spielerisch besten Mannschaften des Turniers (Frankreich, Tschechien, Portugal) in der K.O.-Runde ausschaltet, hat den Titel wohl doch irgendwie verdient. Frei nach Dieter Bohlen: „Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.“ Apropos Erfolg: Den hatte die deutsche Mannschaft auch 2004 nicht. Mit einer unwesentlich besseren Bilanz von zwei Punkte und 2:3 Toren als vier Jahre zuvor war auch für Rudi Völler und sein Team bereits nach der Vorrunde Schluss.

2008: Triumph des ewigen Viertelfinalisten

Die „Bergtour“ in Österreich und der Schweiz war das erste Turnier von Joachim Löw als Bundestrainer. Mit der Hypothek der schwachen Europameisterschaften 2000 und 2004 tat sich der WM-Dritte von 2006 in der Vorrunde schwer und zitterte sich ins Viertelfinale. Dort zeigte die DFB-Elf jedoch ihre beste Turnierleistung und bezwang die in der Vorrunde überragenden Portugiesen mit 3:2. Im Halbfinale folgte ein glückliches, aber nicht unverdientes 3:2 gegen die Türkei. Der Weg zum Titel schien frei, wartete im Finale doch „nur“ Spanien. Die Iberer waren bis dahin so etwas wie der Lieblingsgegner der deutschen Mannschaft, hatten der DFB-Auswahl mit Ausnahme der EM 1984 in wichtigen Spielen nie weh getan. Doch 2008 sollte sich alles ändern: Der ewige Viertelfinalist war nicht nur spielerisch die beste Mannschaft des Turniers, sondern agierte auch abgeklärt wie nie. Die Selección demontierte die Löw-Elf im Finale von Wien – auch wenn die Partie „nur“ 0:1 endete. Nach der Neuauflage im WM-Halbfinale von 2010 mit dem gleichen Ergebnis war für 2012 noch eine Rechnung offen…

2012: Fiesta, Teil zwei

Doch zum vermeintlichen Traumfinale zwischen den fußballerisch und taktisch besten Mannschaften jener Zeit sollte es in Polen und der Ukraine nicht kommen. Nachdem die deutsche Mannschaft in seiner starken Vorrundengruppe ihre Spiele gegen Portugal, die Niederlande und Dänemark allesamt gewann und im Viertelfinale über die Griechen hinweg fegte, kam im Halbfinale der Knock-Out gegen Italien. Der ewige Angstgegner der deutschen Elf entschied die Partie durch zwei Kracher von Skandalnudel Mario Balotelli mit 2:1. Deutschland lag am Boden, lernte aber aus diesem Spiel mehr als aus einem möglichen Titelgewinn – der dann zwei Jahre später bei der WM in Brasilien folgte. Den Sieg bei der EURO verteidigte als erstes Team Spanien erfolgreich. Die „Furia Roja“ um die Supertechniker Xavi und Andres Iniesta ließ Italien im Finale von Kiew mit 4:0 keine Chance.

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