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Mrz
16

Geschichtsstunde: Wer hat eigentlich den Catenaccio erfunden?

Catenaccio steht nicht gerade für die attraktive Seite des Fußballs, dafür aber (leider) für eine sehr erfolgreiche. Wie sonst hätte Italien vier WM-Titel gewinnen können?! Erstaunlich ist jedoch, dass der Catenaccio überhaupt keine italienische Erfindung ist…

Die Schweiz ist vor allem für Käse, Schokolade, Uhren und Banken bekannt. Doch mindestens eine weitere bedeutende Erfindung entstammt der Alpenrepublik: der Sicherheitsfußball, auch bekannt als Catenaccio. Um seine Entstehung zu erklären, muss man erst ganz weit zurückgehen.

Aus totalem Angriff wird „Safety first“

Angefangen hat alles im späten 19. Jahrhundert, als das Erzielen von Toren noch das einzige Ziel des Fußballspiels war. An die Defensive dachte damals niemand. Gespielt wurde vorwiegend in einem 1-0-9-System. Der Torhüter und der eine Verteidiger waren wahrlich nicht zu beneiden. Damals wusste man noch, was es heißt, das Mittelfeld schnell zu überbrücken – es gab nämlich keines…

Im Lauf der Jahre wurde das Spiel immer defensiver. Tore zu verhindern wurde irgendwann mindestens genauso wichtig, wie welche zu erzielen. So wurde ab den 1920er Jahren zunächst in England und später auf der ganzen Welt das WM-System populär, bei dem die Angriffsreihe in der Form eines „W“ und die Abwehrreihe in der Form eines „M“ agierte. De facto standen also immer noch drei echte Spitzen (Linksaußen, Mittelstürmer, Rechtaußen) und zwei Halbstürmer auf dem Platz, während sich fünf Feldspieler vor allem um die Defensive kümmerten.

Dem Österreicher Karl Rappan war dieses System allerdings immer noch zu offensiv. Als Trainer von Servette Genf rechnete er sich in den 1930er Jahren größere Erfolgschancen aus, wenn seine Mannschaft einen Tick defensiver spielen und auf Konter lauern konnte. Daher beorderte er einen seiner fünf Stürmer in die Abwehr und sorgte so in der Defensive für eine Überzahl. Der “Sweeper“, „Ausputzer“ oder „Libero“ war geboren – und mit ihm ein neues System, das zunächst als „Schweizer Riegel“ oder „Verrou“ (französisch für „Schloss“) bekannt wurde. Rappan führte es erfolgreich fort, u.a. als Trainer der Grasshoppers Zürich sowie der Schweizer Nationalmannschaft, mit der er u.a. bei der WM 1938 Deutschland im Achtelfinale ausschaltete.

Catenaccio: Synonym für Defensivfußball

Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich das Sicherheitsdenken dann auch in Italien breit. Nachdem in den 1950er Jahren die Provinzvereine Padua und Triest mit extrem defensivem Fußball in die Phalanx der Spitzenklubs vorstoßen konnten, übernahmen in der Folge Juventus Turin, AC Mailand und Inter Mailand die Idee des „Riegels“, welcher ins Italienische übersetzt „Catenaccio“ heißt. Dadurch waren die alten Machtverhältnisse bald wieder hergestellt.

Insbesondere der Argentinier Helenio Herrera, von 1960 bis 1968 Trainer von Inter Mailand, „verfeinerte“ Rappans Riegel – eine Maßnahme, die ihm den zweifelhaften Beinamen „Totengräber des Fußballs“ einbrachte. Mit einem 4-5-1 bzw. 5-4-1 gewann er mit Inter zahlreiche Titel, darunter zwei Mal den Europapokal der Landesmeister. Aufgrund dieser Erfolge wurde der Catenaccio in Italien stilprägend und ist es bis heute geblieben.

Der Catenaccio als das System der Gegenwart und Zukunft?

Dabei tut man den Italienern im Nachhinein zumindest ein wenig Unrecht. Wie die letzte WM in Südafrika gezeigt hat, spielen mittlerweile fast alle Nationen nur noch mit einer echten Spitze, sei es in einen 4-5-1 oder in einem 4-2-3-1. Einzig in der Interpretation dieses Systems unterscheiden sich die Teams.

Mittlerweile hat der Begriff Catenaccio allerdings nicht mehr viel mit dem zu tun was Rappan, Herrera und Co. einst praktizierten. Vielmehr ist “Catenaccio” heute zu einem Synonym für einen sehr defensiven, destruktiven und ergebnisorientierten Fußball geworden. Dass dieser erfolgreich sein kann, haben u.a. die Titelgewinne der Griechen bei der Europameisterschaft 2004 und der Italiener bei der Weltmeisterschaft 2006 gezeigt. Und solange man mit dieser Art Fußball zu spielen Erfolg haben kann, wird auch der Catenaccio ein gängiger Begriff in der Fußballsprache bleiben…

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