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Okt
08

Geschichtsstunde: Wer hat eigentlich die Gelbsperre „erfunden“?

Ex-Bayern-Star Mark van Bommel, mittlerweile in seiner Heimat beim PSV Eindhoven unter Vertrag, hat neulich das Kunststück vollbracht, bereits am 6. Spieltag der Eredivisie-Saison eine Sperre für die fünfte Gelbe Karte der Saison absitzen zu müssen. Eine bessere Steilvorlage für die Frage, wer eigentliche die Gelbsperre „erfunden“ hat, kann es gar nicht geben.

61 Erst- und 68 Zweitligaspiele für den 1.FC Kaiserslautern und den FC St. Pauli lassen auf den ersten Blick nicht gerade auf eine eindrucksvolle Fußballerkarriere schließen. Doch Walter Frosch (geboren am 19. Dezember 1950) hat den deutschen Fußball so stark geprägt wie nur wenige andere Spieler: Seine sagenhaften 27 Gelben Karten in 37 Zweitligaspielen der Saison 1976/77 für den FC St. Pauli sind nämlich nicht nur ein Rekord für die Ewigkeit, sondern waren auch der Grund für die Einführung der Gelbsperre in der Bundesliga.

Bis 1977 hatte der Deutsche Fußball-Bund nur nach Roten Karten Sperren ausgesprochen. Die Gelb-Rote Karte wurde erst 1991 eingeführt, Gelbe Karten wurden eher als Kavaliersdelikte angesehen. Die Inflation der Verwarnungen im Falle Walter Froschs veranlasste die Verbandsoberen jedoch 1977 zu einer härteren Gangart.

Anfangs musste man in deutschen Profiligen nach jeder vierten Gelben Karte eine Partie aussetzen, doch bald erbarmte sich der DFB und hob das Niveau auf fünf Gelbe Karten an – vermutlich auch, weil sich selbst Walter Frosch, der „Erfinder“ der Gelbsperre, im weiteren Verlauf seiner Karriere zügelte und bei Weitem nicht mehr an seine Rekordmarke herankam. So etwas nennt man wohl Lerneffekt.

Walter Frosch: Tragische Kultfigur

Man kann Walter Frosch getrost als tragische Kultfigur bezeichnen. Neben seinen Qualitäten auf dem Platz – die abgesehen von seiner harten Gangart gar nicht so schlecht gewesen sein können, immerhin wäre er 1974 um ein Haar beim FC Bayern München gelandet – zeichnete sich Frosch vor allem durch seine Sprüche und seinen Lebensstil aus.

So quittierte Frosch eine Einladung zur B-Nationalmannschaft im Jahr 1976 mit den Worten „Ein Walter Frosch spielt nur in der A-Mannschaft oder in der Weltauswahl.” Berühmt ist auch sein selbstreflektierender Ausspruch „Mein schwerster Gegner war immer die Kneipe“. Bereits zu Profizeiten “vernichtete“ der gelernte Schornsteinfeger täglich rund 60 Zigaretten sowie das eine oder andere alkoholische Kaltgetränk. Kultcharakter hat Frosch spätestens, seit er beim Abschiedsspiel von St. Pauli-Torwartlegende Klaus Thomforde im Jahr 1999 mit Kippe im Mundwinkel auflief. Wenige Jahre später verzichtete er bei einem „Tag der Legenden“ zumindest auf das Rauchen auf dem Platz, die Schachtel Zigaretten war trotzdem für alle Fälle sicher im Stutzen verstaut.

Die legendärste Frosch-Geschichte spielte sich allerdings 1976 vor einem Spiel seines 1. FC Kaiserslautern gegen den FC Schalke 04 ab. In der Nacht vor dem Spiel stiftete der bereits ordentlich benebelte Frosch seine Trinkkumpanen zu einem 400-Meter-Wettrennen um zehn Liter Bier an. Der FCK-Profi gewährte seinen Mitstreitern 100 Meter Vorsprung und gewann trotzdem. Am Spieltag von seinem Trainer Erich Ribbeck auf seine geröteten Augen angesprochen, verwies Frosch auf eine Bindehautentzündung – und durfte in der Startelf ran. Auch mit erheblichem Restalkohol hatte Frosch seinen Gegenspieler Erwin Kremers locker im Griff. Der Europameister von 1972 wurde bereits nach 18 Minuten ausgewechselt, nachdem Frosch ihn „dreimal über die Bande gehauen“ hatte, „damit da Feierabend war.“

Doch bei aller Heiterkeit: Walter Froschs Lebensstil verhinderte nicht nur eine größere Karriere, sondern führte auch zu mehreren Krebsoperationen. Nach einem akuten Organversagen im Jahr 2008 musste Frosch das Sprechen und Gehen wieder neu erlernen.

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