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Feb
02

Gewagte T(h)ese – Warum Chong Tese kein Fehlgriff ist

Seit der 1.FC Köln am 30. Januar die Verpflichtung von Chong Tese bekannt gegeben hat, wurde der Nordkoreaner von vielen Medien und Fans beinahe wie eine Sau durch die Domstadt getrieben. Man mag als FC-Fan angesichts seiner Verpflichtung nicht in grenzenlose Euphorie verfallen, doch man sollte Chong Tese auch nicht zu früh als Flop oder Witzfigur abstempeln.

Ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit rückte Chong Tese (27) erstmals bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika. Vor dem Gruppenspiel gegen Brasilien weinte der in Japan geborene und aufgewachsene Nordkoreaner so herzzerreißend, dass kein WM-Rückblick ohne ihn auskam. Bald darauf sicherte sich Zweitligist VfL Bochum die Dienste des Torjägers, der aufgrund seiner schnellen und kraftvollen Spielweise in Asien oft mit Wayne Rooney verglichen wird. Dass Tese nicht an die Klasse des Engländers heranreicht, versteht sich von selbst. Ansonsten hätte er in Bochum mehr zu Stande gebracht als 14 Tore in 39 Spielen und würde heute eher für Real Madrid spielen als für den 1. FC Köln.

Jede Menge Spott zur Begrüßung

Dort hätte man nach der Bekanntgabe seiner Verpflichtung fast glauben können, dass das prestigeträchtige Köln Comedy Festival in diesem Jahr in den Januar vorverlegt wurde. Der Spott von allen Seiten war Tese und FC-Sportdirektor Volker Finke sicher. Der sonst so gut unterrichtete „Express“, der erst am vergangenen Sonntag Wind vom anstehenden Wechsel bekommen hatte, witzelte schon von „marketingstrategischen Gründen“. Auch viele Fans machten ihrem Unverständnis Luft. Auf der Facebook-Seite der „Geißböcke“ wurde die Tese-Verpflichtung mit viel Häme und Spott quitiert. Manche forderten die Verpflichtung von Toni Polster, andere die von Bum Kun Cha. Auch der unvermeidliche Vergleich mit Alexandru Ionita und Manasseh Ishiaku machte die Runde. Am häufigsten las man jedoch das viel sagende Wort „Flop“.

Eine Chance für Chong Tese

Natürlich ist Tese nicht der große „Kracher“. Doch wer hat allen Ernstes an die Verpflichtung eines Star-Stürmers geglaubt? Dass die FC-Kassen leer sind, ist hinlänglich bekannt. Insofern musste jedem klar sein, dass eine Verpflichtung der aussortierten Wolfsburger Stürmer Patrick Helmes (verdient kolportierte vier Millionen Euro im Jahr) oder Srdjan Lakic (ca. drei Millionen Euro Jahresgehalt) einen Wahrscheinlichkeitsgehalt von 0,0 Prozent hatte.

Und was die immer wieder ins Gespräch gebrachten Eder (vom Express „Meister Eder“ getauft), Santini und Diouf angeht, muss man attestieren, dass diese trotz mehrfacher Nennungen in den einschlägig bekannten Medien auch keine Tor-Garantie liefern.

Der Portugiese Eder (24/Academica Coimbra) konnte sich in der international zweitklassigen Super Lig bislang keinen Namen als ausgewiesener Torjäger machen: In 83 Ligaspielen stehen für ihn gerade einmal 12 Treffer zu Buche.

Der Kroate Ivan Santini (22/NK Zadar) unternahm schon einmal einen Versuch in Deutschland. Er scheiterte vor drei Jahren bei Zweitligiste Ingolstadt. In der laufenden Saison erzielte er in der kroatischen Liga immerhin 10 Treffer. Das rief Bundesliga-Schlusslicht Freiburg auf den Plan. Die Breisgauer liehen den 1,90m-Mann bis zum Saisonende aus. Nichts gegen Freiburg, aber trotz leerer FC-Kassen ist Santini sicher nicht des Geldes wegen in den Schwarzwald gewechselt. Hätte Köln ihn unbedingt haben wollen, wäre er wohl in die Domstadt gekommen.

Der dritte Dauerkandidat, Mame Biram Diouf (24), hat sich Hannover 96 angeschlossen. Stolze 1,8 Millionen Euro Ablöse hat der Europa League-Teilnehmer für den Senegalesen von Manchester United hingelegt. In Dioufs Fall darf man sich aber nicht vom Arbeitgeber blenden lassen: Der Senegalese kam in dieser Saison nur in der Reserve League zum Einsatz. Hinzu kommen drei Partien im League Cup, den United-Coach Sir Alex Ferguson traditionell dazu nutzt, seinem zweiten und dritten Anzug Spielpraxis zu geben.

Pro-Tese

Was diese drei Kandidaten von Chong Tese unterscheidet? Keiner hat gezeigt, dass er in Deutschland Tore schießen kann. Santini mag in Ingolstadt möglicherweise zu unerfahren gewesen und hat nun womöglich die Reife, doch das wird man erst sehen. Eder und Diouf ist der deutsche Fußball gänzlich fremd, ihre Klasse beruht nur auf Eindrücken, die man nicht 1:1 auf die Bundesliga übertragen kann. Tese hat – wenn auch „nur“ in der 2. Bundesliga – sein Potenzial gezeigt. In seinem ersten Halbjahr überzeugte er alle in Bochum (8 Tore in der Hinrunde 2010/11). Danach hatte er mit Verletzungen zu kämpfen und sucht seitdem nach seiner Top-Form.
Ein weiteres Plus: Mit einer Ablöse von 400.000 Euro ist er eine verhältnismäßig günstige Lösung. Diuof (s.o.) und Eder hätten mehr als das Vierfache gekostet.

Man stelle sich nur einmal vor, Köln hätte sein letztes Geld zusammengekratzt, um Diouf oder Eder für schätzungsweise 1,5 Millionen Euro Ablöse (zzgl. Gehalt) in die Domstadt zu lotsen – und der Spieler wäre nicht eingeschlagen?! Dieses Risiko konnte die sportliche Führung um Volker Finke nicht eingehen.

Anti-Tese

Allerdings ist Chong Tese auch nicht mehr als eine 1B-Lösung. Er wurde geholt, um Milivoje Novakovic ein wenig Druck zu machen und den Slowenen im Verletzungsfall zu ersetzen. Tese wurde aber nicht verpfichtet, um Lukas Podolskis Platz einzunehmen – was durch dessen Verletzung auf einmal nötig geworden ist.

Tese ist aber nicht der Spielertyp, der die Podolski-Rolle des Halbstürmers übernehmen kann. Lukas Podolski ist aktuelle für den FC nicht zu ersetzen. Mato Jajalo, der seine Position interimsmäßig übernehmen dürfte, hat weder die Spritzigkeit noch die Abschlussstärke des Prinzen – ebenso wenig wie ein anderer Spieler im Kader.

Syn-Tese: Nur für die Breite gekauft

Tese ist nur als Stoßstürmer im 4-2-3-1 oder in einem 4-4-2 mit zwei „echten“ Stürmern zu gebrauchen. Beide Optionen scheint der Trainer aber nicht ernsthaft zu erwägen, zumal sich Novakovic und Tese womöglich sprichwörtlich auf den Füßen stehen würden. Tese wird sich somit hinten anstellen müssen. Startelf-Chancen hat er fürs Erste vermutlich nur bei einem Novakovic-Ausfall oder einem Rückstand – was der Fußballgott beides verhüten möge.

Damit reiht sich Tese ein zu Mikael Ishak und dem derzeit verletzten Nachwuchsstürmer Mark Uth. Sie sind nur Helden aus der zweiten bzw. dritten Reihe. Und für einen solchen „Rollenspieler“ muss ein so klammer Verein wie der 1.FC Köln nun wirklich keine Million locker machen.

1 Kommentar

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  1. Die Sichtweise eines Optimisten sagt:

    Ich glaub an die T(h)ese. Wette einen Sechserträger mit dir, dass der Junge mindestens 5 Buden in dieser Saison macht. Das Scouting beim FC hat noch nie versagt… ;-)

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