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Dez
20

Paul Breitner – Revoluzzer aus Spaß an der Freude

Henning, der Gewinner des Aktives Abseits-Quiz im Monat Dezember, hat sich eine Hommage auf den „ewigen Revoluzzer“ Paul Breitner gewünscht. Kurz vor Weihnachten kann ich einen solchen Wunsch nicht abschlagen. Ich habe tief in der Mottenkiste gewühlt, um die besten Geschichten über die Frisuren- und Bartikone, den Beinahe-Bundestrainer und ewigen Querulanten zu finden. Hier sind sie!

Bundestrainer für einen Tag

Paul Breitner, das sind 60 Jahre geballte Lebenserfahrung, 40 Jahre lebende Fußball-Geschichte – und nicht einmal 24 Stunden als Bundestrainer. „Papa, ein Herr Braun ist dran.“ Diesen denkwürdigen Satz sprach Max Breitner, pubertierender Sohn des Welt- und Europameisters Paul Breiter, im September 1998 zu seinem Vater. Jener „Herr Braun“, seines Zeichens DFB-Präsident, rief an, weil er händeringend einen neuen Bundestrainer suchte. Nun war Paul Breiter im Herbst 1998 beileibe nicht die erste Wahl. Der DFB hatte für die Vogts-Nachfolge eine Absage nach der anderen kassiert, u.a. von Ottmar Hitzfeld, Christoph Daum und Otto Rehhagel.

Als die Öffentlichkeit allmählich ungeduldig wurde, zauberte Egidius Braun schließlich Paul Breitner aus dem Hut. Dessen Trainererfahrung erstreckte sich bis dato zwar nur auf die E-Jugend des TSV Brunnthal, doch das hielt Braun nicht von einem Angebot ab. Vielmehr schien Breitner für den Präses genau der Richtige für die Aufgabe zu sein. War er doch ein kritischer Geist, der schonungslos Unzulänglichkeiten ansprach. So einen brauchte man nach dem WM-Debakel von 1998!

Dumm nur, dass Breitner in einem Zeitungsinterview, das er kurz vor dem Telefonat mit Braun gegeben hatte und das kurz nach dem Telefonat veröffentlicht wurde, einen kompletten Austausch der DFB-Führungsriege wegen Inkompetenz forderte – weswegen Egidius Braun letztlich vom Vertragsschluss absah.

Die Pointe der Geschichte: Nach weiteren Tagen des Suchens legte sich der DFB schließlich auf die Doppel-Spitze Erich Ribbeck/Uli Stielicke fest. Da lag Breiter womöglich doch nicht so falsch mit der Inkompetenz…

Dauer-Zwist mit Beckenbauer

Paul Breitner war nie darauf bedacht, von allen gemocht zu werden (er war gewissermaßen ein Anti-Lahm). So übernahm er 1984 das Amt des Kolumnisten bei der Bild-Zeitung von Franz Beckenbauer, nachdem dieser zum Teamchef der Nationalmannschaft aufgestiegen war. Zwischen 1984 und 1990 war Breitner der größte Kritiker des „Kaisers“. So nannte er ihn in seiner Kolumne einmal den „Totengräber des deutschen Fußballs“. Ferner kritisierte Breitner regelmäßig die destruktive Spielweise der DFB-Elf („Horror-Taktik“, „Riesenmist“). Beckenbauer schmollte manchmal wochenlang, auf dem Gipfel der Fehde witterte er sogar eine Hetzkampagne Breitners und des Sport Bild-Kolumnisten Udo Lattek gegen sich. Ziel: sein Job. Nur am Rande: Der „Kaiser“ selbst hat nicht zuletzt durch seine bissigen Kolumnen dafür gesorgt, dass sein Vorgänger Jupp Derwall 1984 seinen Hut nehmen musste…

Dass Breitner und der „Kaiser“ lange Zeit nicht miteinander warm wurden, hatte vermutlich auch mit der politischen Einstellung des „roten Paul“ zu tun. Breitner und Franz Beckenbauer („Die beiden schlimmsten Dinge auf der Welt sind Krankheiten und der Kommunismus.“) sind in politischen Fragen sicher nie auf einen Nenner gekommen…

Beckenbauer war es auch, der Breitner für seinen Wechsel zu Real Madrid im Jahr 1974 harsch kritisierte. Immerhin waren die „Königlichen“ der Lieblingsverein des faschistischen spanischen Diktators Franco. Der „Kaiser“ dazu 1975 in der Bild-Zeitung: „Bis auf Hoeneß war am Ende die ganze Mannschaft gegen Paul eingestellt, weil er gegen jeden und alles war. Er soll froh sein, dass er keine Prügel bekam. […] Breitner war der einzige Intrigant, der jemals bei Bayern spielte. Er ist einer der größten Neidhammel, die es gibt. […] Bei einem Freundschaftsspiel in Bilbao hat er die Spanier Faschistenschweine genannt, jetzt sind sie plötzlich die Größten. Er dreht eben sein Fähnchen immer nach dem Wind.“ Angesichts solcher Aussagen kann man sich kaum vorstellen, dass der „rote Paul“ und der „schwarze Franz“ heute oft einträchtig nebeneinander auf der Ehrentribüne der Allianz-Arena sitzen.

Do it Mao!

Die sicherlich bekannteste und am häufigsten zitierte Breitner-Anekdote ist die Mao-Geschichte aus den frühen Siebzigern. Von vielen wurde es damals als radikales Statement, ja sogar als Revolution aufgefasst, als sich der Afro- und Vollbartträger Breitner mit einer Ausgabe der „Peking-Rundschau“ in der Hand vor einem Mao-Poster ablichten ließ.

Dabei war Paul Breitner einfach ein hervorragender PR-Mann. Konnte ernsthaft jemand glauben, dass Paul Breitner so zu Hause lebt?! Indem Breitner sich als intellektueller Revoluzzer inszenierte („Ich verehre Mao, weil er jeden Tag 800 Millionen Menschen eine Schale Reis verschafft“), polarisierte er nicht nur, sondern spielte auch den geschickten Doppelpass mit den Medien. 08/15-Kicker gab und gibt es schließlich genug. Breitner war einfach anders – und zwar, weil er anders sein wollte. Jahre später „enthüllte“ er dem Nachrichtenmagazin Focus sein Kalkül: „Es war einfach so interessant, gegen etwas zu sein. […] Ich habe viel Blödsinn gemacht, was mir wiederum geholfen hat, dass sich die Leute mit mir selber nicht mehr beschäftigt haben. Die haben Stoff gekriegt, ich hab Schlagzeilen geliefert, und hab dann meine Ruhe gehabt.“

Feier-Biest

Im Leben eines anständigen Revoluzzers darf auch der Alkohol, das Schmiermittel eines jeden Umsturzes, nicht fehlen. Legendär sind die Geschichten von den Saufgelagen im Vorbereitungs-Trainingslager der Nationalmannschaft zur WM 1982 am Schluchsee („Schlucksee“). Der damals 30-jährige Paul Breitner war zwar nicht der Kapitän der Mannschaft, aber sehr wohl der ton- und taktangebende Mann im Team. Beachtlich: Trotz des Alkoholkonsums wurde die Mannschaft Zweiter bei einer ereignisreichen WM („Nichtangriffspakt“ gegen Österreich, Schumacher-„Attentat“ auf Frankreichs Battiston). Nicht auszudenken, wenn man damals solider gelebt hätte…

Zum Feier-Biest gibt es aber noch eine weitere Geschichte. Angeblich soll Paul Breitner 1974 nicht nur wegen der Peseten von München nach Madrid gewechselt sein, sondern auch, weil er sich von der Party nach dem Sieg im Europacup der Landesmeister mehr erhofft hatte: „In diesem Scheißverein kann man nicht mal richtig feiern“.

Liebling der Sponsoren

In Madrid traf der frisch gebackene Weltmeister Paul Breitner auf einen alten Bekannten: Günter Netzer war bereits 1973 zu den „Königlichen“ gewechselt. In den folgenden drei Jahren bildeten die beiden ein kongeniales Duo im Mittelfeld, Real gewann zwei Meisterschaften und einmal den Pokal.

Doch 1977 wollte Paul Breitner eine Luftveränderung, eine Rückkehr nach Deutschland war das Ziel. Dummerweise hatte Real horrende Ablöseforderungen: Nicht weniger als die damals enorme Summe von 1,6 Millionen Mark wurde aufgerufen. Der einzige deutsche Verein, der bereit war, das zu zahlen, war die von Mäzen Günther Mast („Jägermeister“) unterstützte Eintracht aus Braunschweig. So wechselte Paul Breitner 1977 in die niedersächsische Provinz, überwarf sich – stilecht – mit den Teamkollegen und erklärte bereits ein Jahr später seinen Abschied. Breitners viel sagende Worte: „Ich tue euch jetzt einen Gefallen und gehe.“

Breitners neuer Arbeitgeber wurde 1978 der FC Bayern. 1,96 Millionen Mark ließen sich die Münchner Breitner kosten – eine Summe, die der Verein allein dank eines Zuschusses von Sponsor Magirus-Deutz aufbringen konnte. So umstritten Breitner also war – u.a. wurde er sieben Jahre lang aus der Nationalelf verbannt – so beliebt war er bei den Sponsoren und Klubbossen. Wobei…

Königsmörder

…natürlich hat Paul Breitner auch die Köpfe seiner Vorgesetzten rollen lassen. Beim FC Bayern machte er gleich nach seiner Rückkehr 1978 mobil gegen Trainer Gyula Lorant. Präsident Wilhelm Neudecker gab nach und entließ den Ungarn. Ende gut, alles gut? Von wegen. Neudecker wollte als Nachfolger nämlich den früheren „Löwen“-Trainer Max Merkel verpflichten. Damit provozierte er eine Kraftprobe mit Breitner und der Mannschaft, die für den Fall eines Merkel-Engagements mit Streik drohte. Ergebnis: Neudecker nahm seinen Hut nach fast 20 Jahren als Präsident und vier Titeln im Europapokal.

Breitner und Hoeneß – Wie ein altes Ehepaar

Ein besonderes Verhältnis verbindet Paul Breitner mit Uli Hoeneß. Zunächst wären sie 1969 fast gemeinsam mit Trainer Udo Lattek zu Werder Bremen gewechselt. Nur weil sowohl Lattek als auch die Spieler beim Werder-Vorstand wenig Eindruck machten, scheiterte der Deal. Die drei wechselten anschließend zum damals noch kleinen FC Bayern.

Dort wurden Hoeneß und Breitner schnell zu einem „alten Ehepaar“: Sie gründeten eine Wohngemeinschaft, es existieren sogar Aufnahmen, in denen sie mit freiem Oberkörper im Doppelbett liegend (klarer Sieger im Brustpelz-Contest: Hoeneß) über das Leben als Profi philosophieren. Angeblich soll der Uli den Paul sogar im Keller versteckt haben, als die Feldjäger vor der Tür standen, um Breitner zum Wehrdienst zu zwingen.

Doch irgendwann endete auch ihre Freundschaft, und zwar ausgerechnet an so etwas Banalem wie einer Freundschaftsspielreise nach der Saison. 1983 wütete Manager Hoeneß in der Bayern-Kabine, weil die Mannschaft zur Pause 0:1 gegen eine Südostsaien-Auswahl hintenlag. Daraufhin platzte Breitner der Allerwerteste, er schrie Hoeneß vor versammelter Mannschaft an, warf ihm sein Trikot nach – und beendete kurzerhand seine Karriere.

24 lange Jahre gingen ins Land, ehe sich die beiden wieder zusammenrauften: 2007 holte Hoeneß Breitner nach einem klärenden Gespräch als Berater in den Verein. Ein geschickter Schachzug: Immerhin hat Hoeneß so nicht nur die Kompetenz in der Führung vergrößert, sondern auch den größten Kritiker des Vereins zum Schweigen gebracht. Selbst für Breiter-Sohn Max (der vom Telefon, s.o.) konnte ein Plätzchen in der Pressestelle des FC Bayern gefunden werden. Und das, obwohl Max als Journalist der Münchner „tz“ nur ein Jahr zuvor Bastian Schweinsteiger fälschlicherweise mit der Wettmafia in Verbindung gebracht hatte…

Moviestar, oh Moviestar

Eine Episode aus dem Leben des Paul Breitner, die defintiv nicht fehlen darf, ist sein Ausflug ins Filmgeschäft. Fast jeder hat schon einmal von Breitners Auftritt in dem Western „Potato Fritz“ aus dem Jahr 1976 gehört, die wenigsten haben dieses Stück Filmgeschichte jedoch gesehen. Was wenige wissen: Breitner hätte die Rolle des „Sergeant Stark“ um ein Haar nicht annehmen dürfen. Immerhin hatte bereits Real-Legende Alfredo di Stefano einige Jahre zuvor in einem Streifen mitgespielt und damit weder sich noch dem Verein einen Gefallen getan. Weil sie aus Fehlern gelernt hatten, wollte der Vorstand der „Königlichen“ vorsichtshalber erst das Drehbuch einer Qualitätskontrolle unterziehen. Kenner des Films werden nun sicher die Vermutung anstellen, dass man bei Real am Ende doch zu faul war, einen Blick ins Skript zu werfen…

Breitner jedenfalls schien Gefallen am Filmbusiness gefunden zu haben. „Potato Fritz“ blieb nicht seine einzige Rolle. Hier seine komplette Filmographie: „Potato Fritz“, „Lauter Glückspilze“ (TV-Serie), „Kunyonga – Mord in Afrika“, „Der Zappler“, „Profis“, „Zwei gegen Tod und Teufel“ und „Libero“ (der legendäre Streifen über und mit Franz Beckenbauer aus den frühen Siebzigern).

Paul Breitner Facts

Damit nicht der Eindruck entsteht, ich würde die Leistungen von Paul Breitner nicht zu würdigen wissen, hier ein Überblick über seine Taten auf dem Fußballplatz:

Weltmeister 1974
Europameister 1972
Europapokal der Landesmeister 1974
Deutscher Meister 1972, 1973, 1974, 1980, 1981
DFB-Pokal-Sieger 1971, 1982
Spanischer Meister 1975, 1976
Spanischer Pokalsieger 1975
Deutschlands Fußballer des Jahres 1981
369 Erstligaspiele in Deutschland und Spanien, 103 Tore
48 Länderspiele, 10 Tore

Paul Breitner erzielte Tore in zwei verschiedenen WM-Finals (1974 und 1982). Das gelang außer ihm nur den Brasilianern Pelé und Vavá sowie dem Franzosen Zinédine Zidane.

Breitner und Karl-Heinz Rummenigge bildeten Anfang der Achtziger Jahre das torgefährlichste Spielmacher-Mittelstürmer-Duo Europas (Kampfname: Breitnigge).

Da Capo: Bedeutendste Zitate von Paul Breitner

„Solche Leute wie den Ratinho oder den Ailton, die kannst Du an der Copacabana im Rudel mit ‘nem Lasso einfangen.”

„Marcio Amoroso ist der Prototyp des Spielers, der nach einem 1:10 höchst zufrieden nach Hause geht, weil er das einzige Tor geschossen hat.”

„Sie sollen nicht glauben, dass sie Brasilianer sind, nur weil sie aus Brasilien kommen.” (über die Dortmunder Profis Dédé und Evanilson, um 2000)


„Ich habe nur immer meinen Finger in Wunden gelegt, die sonst unter den Tisch gekehrt worden wären.”


„Da kam dann das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief’s ganz flüssig.”

2 Kommentare

1 Ping

  1. Mao sagt:

    Großes Tennis! Schade, dass in der heutigen Zeit die großen Charakter-Spieler wie ein Paule fehlen. Jedenfalls weiß ich jetzt, welche Filme demnächst geschaut werden müssen. Freue mich schon aufs nächste Gewinnspiel und die nächsten spannenden Artikel.

    Viele Grüße

  2. Chori_Pan sagt:

    Chapeau! Sehr guter Artikel.

    „Profis“ ist übrigens eine Doku über die „Eheleute Breitner/Hoeneß“, die in den 70ern von einem gemeinsamen Freund über eine ganze Saison aufgezeichnet wurde.

    Absolut sehenswert!

    Nicht nur weil der Film justament die o.g. Saison mit dem Abgang Lorants skizziert, sondern auch weil sie nach heutigem Verständnis zum Schreien komisch ist. Beispielsweise, durch die „Vermarktung“ des Uli H., der als Hauptgewinn eines Preisausschreibens regelmäßig die Gewinner zu Kaffee und Schnittchen in seinem Eigenheim begrüßt.

  1. Franz Beckenbauer: Habe im Privatleben manches falsch gemacht sagt:

    […] ich mag diese Sprüche grins Bzgl Franz darf man einfach nicht zuviel erwarten fundierte Gewinnspieleinlösung: Paul Breitner Revoluzzer aus Spaß an der Da lag Breiter womöglich doch nicht so falsch mit der Inkompetenz DauerZwist mit Beckenbauer So […]

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