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Mai
05

Gewinnspieleinlösung: Rudi Völler – Darf der eigentlich alles?

Markus aus Köln, der Gewinner des Aktives Abseits-Quiz aus dem Monat April, hat sich einen kritischen Artikel über Rudi Völler gewünscht. Hier ist das gute Stück.

Alle paar Jahrzehnte gibt es diesen Typ Fußballer: Spieler, die nicht nur ihre Leistung auf dem Platz bringen, sondern auch quer durch alle Bevölkerungsschichten gewaltige Sympathien genießen. „Uns Uwe“ Seeler war so einer, Lukas „Prinz Poldi“ Podolski ist so einer, und auch Rudi „Tante Käthe“ Völler war so einer. Doch woher kam Völlers Popularität zu Spielerzeiten?

„Tante Käthe“: Einer aus dem Volk

Ok, der Hesse schoss viele wichtige Tore für seine Arbeitgeber (u.a. Werder Bremen, AS Rom, Olympique Marseille) und die deutsche Nationalmannschaft. Doch das haben auch andere geschafft, die weniger populär waren, wie beispielsweise Klaus Fischer, Oliver Bierhoff oder Ulf Kirsten.

Völler war einfach einer aus dem Volk. An der (mittlerweile schneeweißen) Lockenmatte hat er entgegen dem Zeitgeist bis zum heutigen Tage unbeirrt festgehalten. Auch der Schnäuzer steht wie eine Eins, seit beim pubertierenden Rudi der Bartwuchs eingesetzt hat. Dazu keine Skandale, immer ein Lächeln und ein Augenzwinkern, außerdem der kauzige Spitzname „Tante Käthe“ – so einen ließ man eher in sein Herz als den manchmal arrogant daherkommenden Lothar Matthäus, den als Weichei verschrienen Andreas Möller oder den „Feuerkopf“ Matthias Sammer.

Rudi Völler: Popularität über das Karriereende als Spieler hinaus

Und Rudi Völlers Popularität hielt auch über sein Karriereende hinaus an. Im Jahr 1996 tauschte Völler die Fußballschuhe gegen den Anzug und wechselte bei seinem letzten Verein Bayer Leverkusen ins Management. Dort verlebte er vier relativ ruhige Jahre an der Seite (bzw. im Schatten) von Manager Reiner Calmund und Erfolgstrainer Christoph Daum.

Ins Rampenlicht kehrte er im Jahr 2000 dann etwas unfreiwillig zurück. Nach dem EM-Debakel und einer schier endlosen Suche nach einem neuen Bundestrainer entschied sich der DFB letztlich für Christoph Daum. Weil Bayer Leverkusen Daum aber nicht vor 2001 aus seinem Vertrag entlassen wollte, musste eine Interimslösung her. Die Wahl fiel auf Rudi Völler. Der besaß zwar keinen Trainerschein, durfte sich also wie einst Franz Beckenbauer offiziell nur „Teamchef“ nennen, hatte aber einen großen Vorzug: seine Popularität. So einer tut gut in Zeiten der Krise, dem fliegen die Sympathien zu, dem verzeiht man auch mal eine Niederlage. (Außerdem hatte Völler in Leverkusen als rechte Hand von Reiner Calmund eher den Posten eines „Frühstücksdirektors“ inne, weswegen auch Bayer seinen Abgang verkraften konnte).

Erste Erfolge als DFB-Teamchef

In der Tat erwies sich Völlers Installierung als Glücksgriff. Zum Start legte die Nationalmannschaft drei Siege hin (4:1 gegen Spanien, 2:0 gegen Griechenland, 1:0 in England). Als dann die Daum-Bombe platzte und der Koks-Konsum des designierten Bundestrainers publik wurde, stellte sich die Frage nicht mehr, wer nun das Nationalteam führen sollte – mit Völler war die Idealbesetzung gefunden. Zumindest scheinbar.

Ich will rückblickend nicht alles schlecht machen, aber im Grunde war Völlers Mission mit dem Entfachen der Aufbruchstimmung im Herbst 2000 erfüllt. Dann hätte jemand übernehmen müssen, der den deutschen Fußball voranbringt. Natürlich hat die Mannschaft bei der WM 2002 den zweiten Platz belegt, aber die Umstände sind bekannt (Oliver Kahn, Losglück, Michael Ballack, Oliver Kahn, Schussglück, Oliver Kahn). Die „Es gibt nur ein’n Rudi Völler“-Gesänge legten damals allerdings nahe, dass das Hauptverdienst beim Teamchef lag.

Rudi Völler: Konkursverwalter der Ären Vogts und Ribbeck

Der ließ aber letztlich ein antiquiertes System spielen: Carsten Ramelow gab als Abwehrchef eine Art Libero, Thomas Linke und Christoph Metzelder fungierten als Manndecker, hinzu kamen die Außenverteidiger Ziege bzw. Bode (links) sowie Frings (rechts; ja, der war wirklich Rechtsverteidiger). Fertig war der Fünfer-Abwehrriegel. Der Erfolg gab Völler Recht, bis zum Finale kassierte Deutschland nur ein Gegentor.

Doch was 2002 noch Erfolg brachte, erwies sich bei der EURO 2004 endgültig als überholt. Der Fußball gegen stärkere Gegner war uninspiriert, die Abwehr anfällig. Am Ende schaffte die deutsche Bestbesetzung gegen Lettland gerade mal ein glückliches 0:0, gegen die B-Elf der Tschechen setzte es sogar ein 1:2. Allenfalls beim 1:1 gegen die Niederlande wusste die Mannschaft streckenweise zu überzeugen. Zwei Punkte und zwei Tore genügten jedoch nicht fürs Weiterkommen. Deutschland war zwei Jahre vor der Heim-WM wieder (fast) am Tiefpunkt, Rudi Völler trat am Tag nach dem EM-Aus zurück.

Bemerkenswert: Damals suchte niemand die Schuld beim Trainer. Vielmehr wurde Rudi Völlers Rücktritt mit Bedauern aufgenommen, das Gros der Medien und der Fans hätte seinen Verbleib gutgeheißen. Insofern muss man rückblickend sagen: Danke Rudi, dass Du damals den Weg frei gemacht hast. Denn letzten Endes hat „Rudi Nazionale“ den bitter nötigen Neustart um vier weitere Jahre hinausgezögert, und mit seinem Verbleib hätte er ihn um weitere zwei Jahre verschoben.

Rudi Völler war der Konkursverwalter der Ären Vogts und Ribbeck. Er hatte trotz seiner Popularität und seines Standings nicht die „Eier“, beim DFB Strukturen aufzubrechen. Dazu musste erst der „Revoluzzer“ Jürgen Klinsmann kommen, der anfangs belächelt, dann kritisiert, 2006 gefeiert und mittlerweile wieder belächelt wird. Auch wenn man heute weiß, dass Jogi Löw bereits als Klinsmanns Co und nicht erst als Cheftrainer einen großen Einfluss auf Taktik und Spielphilosophie hatte, darf man Klinsmanns Verdienste durchaus häufiger würdigen. Denn bei allem Respekt für die Arbeit von Löw, wer hätte 2004 schon einen mäßig erfolgreichen und zu der Zeit arbeitslosen Vereinstrainer als Bundestrainer installiert – geschweige denn, dessen Reformvorschläge umgesetzt?! Doch weiter im Text…

Rudi Völler: Ausraster, Pöbeleien – darf der Mann alles?!

Mittlerweile ist Völler wieder Sportdirektor bei Bayer Leverkusen. Dort macht er vor allem mit verbalen Entgleisungen von sich reden. So echauffierte er sich am vergangenen Samstag nach dem 0:2 seiner Mannschaft beim 1.FC Köln über Schiedsrichter Deniz Aytekin: „Pfeif doch Frauenfußball! So ein Mist, jeden Mückenstich pfeift der, das ist unfassbar.“ Botschafter für die Frauenfußball-WM, die auch in Leverkusen ihre Zelte aufschlägt, wird Rudi Völler so nicht mehr.

Legendär auch Völlers provokante Aussage in Richtung des rheinischen Rivalen 1.FC Köln, wonach „die Leute nur wegen der 20 Minuten vor dem Spiel ins Rhein Energie-Stadion gehen“. Besser kann man ein „Warum hat uns denn keiner lieb?“ kaum kaschieren.

Doch der „liebe Rudi“ kann auch ganz offen aggressiv sein: Einigen Fußball-Fans ist sicher noch der Ausraster aus dem Jahr 2005 in Wolfsburg bekannt. Damals fühlte sich der Bayer-Sportdirektor bei der 1:2-Pleite von Leverkusen beim VfL dermaßen benachteiligt, dass er mit hochrotem Kopf und Zornesfalte auf der Stirn das Unparteiischen-Gespann um Peter Sippel gestenreich und lautstark noch auf dem Platz zusammenfaltete.

Der DFB strengte damals übrigens ein Verfahren an. Ergebnis: keins. Der „liebe Rudi“, 90-facher Nationalspieler und ehemaliger DFB-Teamchef, durfte also ungestraft seiner Wut vor einem Millionenpublikum freien Lauf lassen und die Autorität des Schiedsrichters öffentlich untergraben. Das fällt wohl in die Rubrik “Emotionen, die zum Fußball gehören“. Naja, er wäre wohl nicht so glimpflich davon gekommen, wenn Mikrofone Völlers Wutausbruch aufgezeichnet hätten. Aber war da nicht auch mal was? Genau…

Island 2003: Tiefpunkt des deutschen Fußballs und/oder Völlers Tiefpunkt?

Wirklich jeder kennt den Völler-Ausraster von Reykjavik im August 2003. Deutschland hatte sich in der EM-Qualifikation gerade ein 0:0 auf Island erzittert, und Rudi Völler platzte, angestachelt von der Kritik von ARD-Moderator Gerhard Delling und Experte Günter Netzer, zur besten Sendezeit der Allerwerteste. Völler nahm Ausdrücke wie „So ein Scheiß“ in den Mund und übte eine Generalkritik an den deutschen Medien und deren Verständnis von der Fußballwelt. Ferner unterstellte er Waldemar Hartmann, während der Arbeit zu trinken. (Ok, „Waldi“ hat das mit dem Weizenbier seinem Duzfeund Rudi nicht krumm genommen, vielmehr hat er sogar noch davon profitiert und sein Einkommen dank ein paar Werbespots für einen Weizenbierhersteller aufgebessert. Besser macht das die Sache aber nicht).

Und all das geht einfach nicht. Wären Christoph Daum, Berti Vogts oder sonst irgendwem diese Worte „rausgerutscht“, wären sie rausgeschmissen worden, ehe sie selbst hätten zurücktreten können. Doch „dem Rudi“ verzeiht man so was. Vielmehr erhielt Völler sogar noch Beifall. Viele Politiker, Schauspieler und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bekannten freimütig, dass sie auch einmal gerne so vom Leder ziehen würden. Warum sie es dann nicht einfach tun? Vermutlich, weil sie dann ihren Job los wären und ihr Image irreparabel geschädigt wäre. Doch warum ist das bei Völler anders? Eine rationale Antwort darauf gibt es nicht. Man hat das Gefühl, dass Rudi Völler (und vielleicht noch Franz Beckenbauer) totale Narrenfreiheit in ihren Äußerungen besitzen. Doch mit welcher Legitimation?!

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