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Sep
17

Hamburger SV: Fink ist weg, die Probleme bleiben

Die Entlassung von Thorsten Fink als HSV-Trainer kam nicht gerade erwartet, sie ist aber auch keine Sensation. Der Bundesliga-Dino hat in zwei Jahren unter dem ehrgeizigen Trainer keine nennenswerten Fortschritte gemacht. Finks Nachfolger ist nicht zu beneiden – weil dem Kader die Balance fehlt.

In den vergangenen Wochen und Monaten ist ausführlich darüber berichtet worden, woran es beim Hamburger SV krankt. Sich hinter dem ausufernden Verwaltungsapparat zu verstecken, ist eine Möglichkeit. Ebenso kann man anführen, dass der Klub heute noch die Zeche für die (zu) ehrgeizigen Pläne des früheren Vorstandsvorsitzenden Bernd Hofmann zahlt. In letzter Konsequenz ist eine Mannschaft aber immer nur so gut, wie sie zusammengestellt ist und wie sie trainiert wird.

Kaum individuelle Verbesserungen unter Fink

Was das Training angeht, muss man attestieren, dass Thorsten Fink in seiner 23-monatigen Amtszeit keinen Spieler des aktuellen Kaders nennenswert nach vorne gebracht hat. Lediglich beim im Sommer für zehn Millionen Euro nach Leverkusen abgewanderten Heung-Min Son muss man Fortschritte attestieren. Bei dem jungen Koreaner darf allerdings die Vermutung gestattet sein, dass dieser sich aufgrund seines Talents unter jedem Trainer gut entwickelt hätte.

Auffällig in der Ära Fink war zudem die „Variabilität“ in der Grundordnung und deren Besetzung. So wurde beispielsweise Rafael van der Vaart, bei dem man die Sinnhaftigkeit seiner Rückkehr durchaus in Frage stellen darf, von Fink mal als Sechser, mal als Achter, mal als Zehner und mal als hängende Spitze aufgeboten – je nachdem, wer gerade fit war und nach welchem System dem Trainer gerade war. Mal war es ein 4-2-3-1, mal ein 4-4-2 mit Raute oder mit flacher Vier, mal ein 4-1-4-1, am vergangenen Samstag bei Borussia Dortmund probierte es Fink sogar einmal mit einer Dreierkette – um nach 20 Minuten und einem 0:2-Rückstand wieder auf die Viererabwehr umzustellen.

Mannschaft blieb immer eine Wundertüte

Konstant war unter Fink allein, dass die Mannschaft an guten Tagen nahezu jedem Gegner Paroli bieten konnte, an schlechten Tagen aber fast auf Ansage auseinanderfiel. Die beiden Siege gegen Borussia Dortmund aus der Vorsaison seien als Beispiele angeführt, aber eben auch das 2:9 bei Bayern München am Karsamstag oder das 1:5 gegen 1899 Hoffenheim am 2. Spieltag sowie das 2:6 am vergangenen Wochenende beim BVB.

Konstant war unter Fink weiterhin, dass der Trainer hohe Ziele formulierte – so wie er es als Spieler bei Bayern München gelernt hatte: Als der 45-Jährige im Oktober 2011 in Hamburg seinen Dienst antrat, lautete die Zielsetzung, so schnell wie möglich in den Europapokal einzuziehen. So etwas kommt in Hamburg natürlich an, führte aber an der Realität vorbei. In der rettete sich der HSV erst am 33. Spieltag der Saison 2011/12 vor dem Abstieg. Vom „Abstiegskampf“ sprach der Trainer weiland erst, als der HSV nach dem 27. Spieltag auf den Relegationsplatz gerutscht war.

Für das „Bayern-Gen“ bestraft?

Auch in der abgelaufenen Saison blieb der Coach in seinen Aussagen ambitioniert. Angesichts der engen Tabellenlage in der Liga hinter den Top drei war das durchaus verständlich. Nur hat die Mannschaft 2012/13 nie eine Konstanz an den Tag gelegt, die zu ernsthaften Europapokalträumen berichtigt hätte.

Vor der noch jungen Saison nun das Gleiche: „Mindestens Platz sechs“ wurde von Fink und dem neuen Sportdirektor Oliver Kreuzer unisono als Saisonziel ausgegeben. Daran konnte auch eine katastrophale Vorbereitung mit unzähligen peinlichen Niederlagen nichts ändern. Fink ist nun zu einem Teil sicherlich auch Opfer der hohen Erwartungshaltung geworden.

Auch seine Naivität, freie Tage selbst nach Liga-Klatschen aufrechtzuerhalten und dem Boulevard so Futter zu geben, war in der Endphase seiner Amtszeit alles andere als hilfreich und hat zum aktuellen Negativ-Image des Klubs beigetragen.

Keine Balance zwischen Offensive und Defensive

Finks Hauptproblem wird er allerdings seinem Nachfolger „vererben“: Dem Kader fehlt die Balance zwischen Offensive und Defensive. Das ist in diesem Fall nicht nur eine Frage der Einstellung der Spieler sowie der Vermittlungsfähigkeit des Trainers, sondern vor allem eine Frage der Kaderzusammenstellung.

Der HSV verfügt mit René Adler und Jaroslav Drobny über zwei Klasse-Torhüter und dazu, inklusive der ausgebooteten Mancienne und Rajkovic, über sechs gelernte Innenverteidiger. Dünn wird es dagegen auf den Außenbahnen, wo Dennis Diekmeier (rechts) in der Offensivbewegung deutlich stärker ist als in der Abwehrarbeit. Noch eklatanter ist es auf der linken Seite, wo mit Zhi Gin Lam und Marcell Jansen zwei Spieler verteidigen, die aufgrund ihrer Anlagen und ihres Defensivverhaltens eigentlich eine Position weiter nach vorne gehören. Gleiches gilt für den nach Schalke abgeschobenen Dennis Aogo, der die Linksverteidigerposition jahrelang mehr schlecht als recht bekleidete.

Oft sieben bis acht Offensivkräfte

Im defensiven Mittelfeld wird es nicht besser: Dort ist Tomas Rincon der einzige „defensiv denkende“ Spieler. Milan Badelj, Petr Jiracek, Tolgay Arslan und die ebenfalls ausgebooteten Gojko Kacar und Robert Tesche sind Akteure mit deutlich offensiver Ausrichtung – was dazu führt, dass zwischen Abwehr und Mittelfeld mitunter Löcher von der Größe des Stadtgebiets klaffen. Auf die Spitze getrieben, tritt der HSV regelmäßig mit sieben bis acht Offensivspielern an. Dass dann die Balance verloren geht, darf nicht verwundern.

Natürlich agieren Bayern München und Borussia Dortmund oft ähnlich offensiv, wenn sich die Außenverteidiger einschalten und nur der Keeper, die Innenverteidiger und ein defensiver Mittelfeldspieler sich zurücknehmen. Doch diese beiden internationalen Top-Mannschaften können sich dieses risikoreiche Offensivspiel auch erlauben, weil sie über die nötige Ballsicherheit verfügen und weil die Spieler die Automatismen in der Rückwärtsbewegung besser verinnerlicht haben.

Dem HSV geht diese Sicherheit ab, weswegen nicht nur verbal, sondern auch auf dem Feld eine gewisse Demut und eine defensivere Ausrichtung zu empfehlen sind. Sonst könnte den Hamburgern ein ähnliches Schicksal drohen wie 1899 Hoffenheim im Vorjahr – wobei es dann ganz gut passen würde, wenn der als Top-Favorit gehandelte Markus Babbel am Volkspark anheuern würde…

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