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Mrz
10

Hennes-Gate: Chronik einer Real-Satire

Nach dem 4:2 des 1. FC Köln gegen Eintracht Frankfurt überschlug sich das Netz vor mehr oder weniger originellen Wortspielen sowie Äußerungen der Entrüstung zum „Angriff“ von FC-Topscorer Anthony Ujah auf Maskottchen Hennes VIII. Mittlerweile hat sich sogar die Tierschutzorganisation PETA in der Causa um Deutschlands beliebtesten Geißbock eingeschaltet. Die Chronik einer Real-Satire.

Sonntag, 17:15: „Hennes-Gate“ nimmt seinen Lauf

Anthony Ujah drischt den Ball in der 82. Minute des Bundesliga-Spiels gegen Eintracht Frankfurt (Endstand: 4:2) zum entscheidenden 4:1 in die Maschen. Das mit 50.000 Zuschauern gefüllte Rhein-Energie-Stadion explodiert förmlich an diesem Frühlingstag vor Freude und Erleichterung: Zweiter Sieg des Effzeh im zwölften Heimspiel der Saison, zugleich ein ekstatischer Big Point im Kampf um den Klassenerhalt.

Voller Adrenalin stürmt Ujah auf Maskottchen Hennes zu, der an der rechten Außenlinie nahe der Eckfahne steht, und nimmt den wie so oft unbeteiligt dreinblickenden Geißbock an den Hörnern. Der ist sichtlich überrascht und sträubt sich kurz gegen das Wirken des „Wiederholungstäters“- schon Anfang 2013 und im November 2014 bezog Ujah das Maskottchen in seine Jubelarien ein.

Sekunden später thronte Hennes aber bereits wieder in altbekanntem Stoizismus über den Dingen. Wer seit fast sieben Jahren 17 Pflichtspieleinsätze vor der Südtribüne mitmacht, den bringt so schnell nichts aus dem Takt.

Sonntagabend: Sorry

Anthony Ujah entschuldigt sich via Twitter: „Sorry Hennes!“ Am Montag zitiert ihn der „Express“: „Ich war so erleichtert, nachdem ich die zwei Riesenchancen ausgelassen hatte. Das musste einfach raus. Hennes ist mein bester Freund.“

Montagvormittag: „Alles in bester Ordnung“

Der „Kölner Stadtanzeiger“ veröffentlicht auf seiner Homepage ein Interview mit Christopher Landsberg, Vorstandschef des Kölner Zoos und damit gewissermaßen „Herbergsvater“ von Hennes. Weil der Geißbock selbst leider (aus Sicht der Medien) beziehungsweise zum Glück (aus seiner Perspektive) nicht sprechen kann, versucht Landsberg der Causa den Wind aus den Segeln zu nehmen. Seine Worte sind klar – und so gut, dass man fast der Zusatz „Vorsicht, Satire“ vermisst:

„Dem Bock geht es gut. Er hat eine ruhige Nacht verbracht. Jetzt ist er schon wieder mit seiner Ziegen-Freundin Anneliese zusammen und frisst ganz normal. Alles ist in bester Ordnung. […]

Schmerz wird er durch Ujahs Ziehen nicht verspürt haben. Ganz nebenbei erfordert Tierquälerei einen Vorsatz. Und den kann man Ujah nun wirklich nicht vorwerfen. Vielleicht sollte er dem Geißbock das nächste Mal einfach eine Möhre zuwerfen. […]

Man sollte jetzt aufpassen, worüber man redet. Menschen gehen mit ihren Hunden auch an stark befahrenen Straßen spazieren. Das ist doch auch kein Problem, oder? Außerdem ist es ja nicht so, dass Hennes das noch nie erlebt hätte. Er ist Menschen und seit sechseinhalb Jahren auch die Stadionatmosphäre gewohnt. Das kann man ja sehen, er steht mit seinem Betreuer Ingo immer ganz ruhig am Spielfeldrand.“

Montagmittag und -nachmittag: International Hennes

Hennes-Gate schlägt auch international Wellen. Der englische „Mirror“, die Sportblätter „L’Équipe“ (Frankreich), „Gazzetta dello Sport“ (Italien) sowie Real Madrids Hauspostille „Marca“ greifen den skurrilen Fall auf. Der Tenor schwankt zwischen Belustigung und der Frage nach dem Wohlergehen des Tieres.

Beim FC sieht man das Ganze noch betont gelassen. „Er bekommt eine Nackenmassage und ein ABC-Pflaster. Dann ist alles wieder gut“, scherzte etwa Sportchef Jörg Schmadtke.

Dienstagvormittag: Es ist Liebe

Eine Delegation des 1. FC Köln um Vizepräsident Toni Schumacher und – natürlich – Anthony Ujah stattet Hennes VIII. zu dessen achtem Geburtstag einen Besuch im „Geißbockheim“ am Kölner Zoo ab. Neben einem Trikot mit seinem Namen bekommt Hennes eine Kratzbürste sowie einen liebevoll zusammengestellten Geschenkekorb mit Möhren und anderen Leckereien, den er sogleich gemeinsam mit seiner „Lebensgefährtin“ Anneliese verputzt.

Diese ist – Schock schwere Not – seit ein paar Wochen trächtig. Allerdings nicht von Hennes, der kastriert ist. Der Gehörnte darf sich dennoch trösten, denn mit Ujah ist längst wieder alles in Butter. Der Nigerianer kümmert sich rührend um das Maskottchen. Die „Bild“ lässt es gar so richtig menscheln und schreibt: „Es ist Liebe!“

Dienstagmittag: PETA schaltet sich ein

Wegen einer angeblichen „Misshandlung“ beschwert sich die Tierrechtsorganisation PETA offiziell beim 1. FC Köln. In einer Mitteilung unter der Überschrift „Rote Karte für den 1. FC Köln: Geißbock Hennes bei Torjubel misshandelt“ moniert die Organisation den Umgang von Ujah mit dem FC-Wappentier.

„Tiere haben in einem Fußballstadion absolut nichts zu suchen, für die Misshandlung von Geißbock Hennes zeigt PETA dem 1. FC Köln die Rote Karte in Sachen Tierschutz“, so Peter Höffken, Fachreferent für Tiere in der Unterhaltungsbranche: „Es bringt dem Verein mit Sicherheit weder Glück noch Erfolg, sein vierbeiniges Maskottchen derartigem Stress auszusetzen.“

PETA merkte zudem an, Hennes sei bei vergangenen Spielen „einige Male nur knapp vom Ball verfehlt“ worden, zudem „von Betreuern und Ordnern unsanft wieder eingefangen“ worden: „Die fehlende Möglichkeit, sich bedrohlichen oder unbehaglichen Situationen zu entziehen, bedeutet für das Tier Stress und Leiden.“ Die Empfehlung der Organisation: Ujah solle „freiwillig mehrere Stunden in einem Kölner Tierheim bei der Versorgung der Tiere mithelfen“.

Macht er sicher gern. Und dann am besten Deckel auf die Geschichte.

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