«

»

Jun
22

Highway to Hellas – Teamcheck Griechenland

Viele Experten hatten vor dem EM mit einem Viertelfinale Deutschland – Polen oder Deutschland – Russland gerechnet. Die stets unterschätzten und für ihre destruktive Spielweise belächelten Griechen haben aber wieder einmal alle überrascht. Was ist für den Sensations-Europameister von 2004 gegen Deutschland drin?

Ein überraschendes 1:1 gegen Polen zum Auftakt, dann eine 1:2-Pleite gegen die Tschechen – vor dem letzten Gruppenspiel gegen Russland hätte kaum jemand mehr einen Pfifferling auf einen Viertelfinaleinzug der Griechen gesetzt. Doch mit einer Mischung aus Disziplin, Wille und Glück zwangen die Hellenen die höher eingeschätzten Russen mit 1:0 in die Knie und sicherten sich das Ticket für die K.O.-Runde. Damit hat Griechenland schon vor dem Spiel gegen Deutschland sein Soll mehr als erfüllt – doch nicht nur das macht das Team von Trainer Fernando Santos so gefährlich.

Typisch griechisch

Die Griechen gehören nicht gerade zu den spielstärksten Mannschaften des Kontinents. Angesichts der Tatsache, dass aber selbst technisch versierte Teams wie die Portugiesen gegen Deutschland das Hauptaugenmerk auf die Defensive gelegt haben, dürfte es niemanden wundern, wenn die Griechen am Freitagabend zwischen 20:45 Uhr und 22:40 Uhr (und vielleicht sogar darüber hinaus?) äußerst tief und kompakt stehen.

Selbst wenn das deutsche Team früh in Führung gehen sollte, dürften die Griechen kaum allzu zeitig aufmachen. Vielmehr werden sie – wie in allen bisherigen Partien – geduldig weiterspielen, auf Standards und gelegentliche Konter lauern und darauf hoffen, die wenigen sich bietenden Chancen zu nutzen.

Das System

Griechenland spielt nominell mit einem 4-3-3-System, weil die offensiven Außenpositionen mit gelernten Stürmern besetzt sind. Links wird vermutlich der lange Georgios Samaras (27/Celtic) auflaufen, rechts der quirlige Dimitrios Salpingidis (30/PAOK Saloniki). Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Die beiden Außen werden eher aus dem Mittelfeld kommen und dosiert in die Spitze stoßen. Die deutschen Außenverteidiger Philipp Lahm und Lars Bender (bzw. Jerome Boateng) sollten daher Raum haben, ihre Flügelpartner (vermutlich Podolski links und Müller rechts) zu unterstützen.

Dahinter bietet Griechenland in aller Regel drei defensiv orientierte Mittelfeldspieler auf, wobei mit Georgios Karagounis (35/Panathinaikos) der Kapitän und Siegtorschütze aus dem Russland-Spiel wegen einer unberechtigten zweiten Gelben Karte im Turnier gesperrt fehlen wird. Ein schwerer Schlag, den die Mannschaft aber über das starke Kollektiv auffangen dürfte.

Die Viererkette verfügt mit den bundesligaerfahrenen Innenverteidigern Kyriakos Papadopoulos (20/Schalke) und Sokratis Papastathopoulos (24/Bremen) über zwei extrem robuste und kopfballstarke Spieler, die die deutsche Mannschaft gerade bei generischen Freistößen und Eckbällen im Auge haben sollte. Über die defensiven Außenbahnen hat sich die Mannschaft bislang deutlich angreifbarer gezeigt. Auch im Tor steht mit Michalis Sifakis (27/Aris Saloniki) ein solider Spieler, aber keinesfalls ein Spitzenmann.

Stärken und Schwächen

Die Mannschaft agiert extrem diszipliniert und ist kaum aus der Ruhe zu bringen. Die deutsche Mannschaft wird ihre liebe Mühe und Not haben, den griechischen Abwehrwall zu durchbrechen, der bei gegnerischem Ballbesitz aus vier Verteidigern und fünf Mittelfeldspielern besteht, die sich extrem weit zurückziehen und die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen gering halten. Gegen die Portugiesen und vor allem gegen die Dänen konnten „Jogis Löwen“ das aber schon einmal üben.

Rasante Kombinationen über mehrere Stationen sind bei den Griechen die Ausnahme. Die Offensivspieler werden in der Regel lang angespielt und versuchen den Ball zu halten, damit das Mittelfeld geordnet nachrücken kann.

Die größte Gefahr geht von Standards aus – zumal die deutsche Abwehr hier gegen die Dänen einige Defizite offenbart hat. Auch der wendige, oft ab- und dann plötzlich auftauchende Theofanis Gekas (32/Samsunspor) ist (leider) immer für ein Tor gut. Allerdings ist seine Spielweise den deutschen Verteidigern aus zahlreichen Bundesliga-Duellen nur allzu gut bekannt.

Extra-Kick: Die aktuelle Lage in Griechenland

Nicht unterschätzen sollte man den Willen der Griechen, der auch schon in Interviews mit den Spielern deutlich wurde. Die schwierige wirtschaftliche und politische Lage in der Heimat hat der Mannschaft einen enormen Motivationsschub gegeben. Dass am Freitag auch noch „Buhmann“ Deutschland der Gegner ist, dürfte die griechischen Spieler zusätzlich beflügeln und das gesamte Land hinter die Mannschaft bringen. Ob man die politische Komponente in dieses Spiel bringen sollte, darf jeder für sich entscheiden. In griechischen Medien wird die „Merkel-Karte“ jedenfalls schon seit Montag gespielt. Mal schauen, wann der griechische Boulevard die guten alten Hitler-SS-Vergleiche auspackt.

Prognose: Sehr unangenehm, aber schlagbar

Individuell sind die Deutschen dem Gegner auf jeder Position überlegen. Dennoch wird es ein Geduldspiel für die Löw-Elf. Ähnlich wie über weite Strecken gegen Portugal und Dänemark, wird die Mannschaft den Gegner einschnüren und „zermürben“ müssen, ehe man beim 10. oder 15. Versuch den entscheidenden Stich setzt. Dass auf dem Niveau einer Europameisterschaft Kantersiege fast ein Ding der Unmöglichkeit sind, hat der bisherige Turnierverlauf gezeigt. Wer ein schönes Spiel sehen möchte, der sollte den Fernseher lieber nicht anmachen. Und wer doch schaut, der sollte nicht schon nach 20 Minuten nörgeln…

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*