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Mrz
20

Hildebrand ist nicht der Letzte – Gesellschaftliche Gefahr Cyber-Mobbing

Die DFL hat im Dezember ein Maßnahmenpaket verabschiedet, das den Zuschauern ein „sicheres Stadionerlebnis“ ermöglichen soll. Wer aber sorgt dafür, dass die Spieler ein „sicheres Fußballerleben“ haben? Der Cyber-Mobbingfall Timo Hildebrand dürfte nicht mehr sein als ein vorläufiger Tiefpunkt. Unsere (Fußball-)Gesellschaft hat Probleme, die nicht nur durch die Anonymität der Blöcke in den Stadien, sondern auch durch die Macht und Mechanismen des Web 2.0 immer größer werden.

„du dummer basdart! Erschieß dich bitte. du kanns nix“, lautet der mittlerweile berühmte Eintrag, den Facebook-User „Don Jannis“ am vergangenen Samstag nach der 0:3-Niederlage des FC Schalke 04 auf der Pinnwand von Keeper Timo Hildebrand hinterlassen hat. In diesem Spiel hat Hildebrand zwar keine souveräne Vorstellung hingelegt, war jedoch bei allen Gegentoren chancenlos. Losgelöst davon, dass „Don Jannis“ womöglich kein intellektueller Überflieger ist, wie seine Orthographie erahnen lässt, zeigt dieser Satz beispielhaft, wie niedrig die Hemmschwelle in der glitzernden Internet-Welt angesiedelt ist.

Fluch und Segen des Web 2.0

Dabei ist das Web 2.0 im Grunde ein System, das gerechter und freiheitlicher nicht sein kann: Jeder hat das Recht, seine Meinung kundzutun. Kein Statement ist mehr wert als das andere, jeder kann in gleichem Maße zu Wort kommen und gehört werden. Das Problem ist jedoch, dass einige Menschen mit dieser Freiheit nicht verantwortungsvoll umgehen können.

Wer in der Lage ist, ein (gefaktes) E-Mail-Konto einzurichten und sich mit Hilfe seiner E-Mail-Adresse in Communities und Netzwerken ein Profil anzulegen, das weder Hinweise auf den Namen noch das Aussehen geben muss, kann mitmischen in der schönen neuen Welt. Da dies die meisten schaffen, ist die „Einstiegshürde“ ziemlich niedrig.

Verlockende Anonymität

Früher musste man sich noch die Mühe machen, einen Brief zu schreiben, wenn man sich medial mitteilen und sein Anliegen vorbringen wollte. Diese Briefe wurden womöglich gelesen, mitunter beantwortet und ganz ganz ganz vielleicht irgendwo abgedruckt – natürlich mit wochenlanger Verzögerung, dramatisch gekürzt und von inhaltlichen sowie stilistischen No-Gos bereinigt. Heute funktioniert der Prozess der Meinungsäußerung über den Bekanntenkreis hinaus sehr viel einfacher: Alles geht in Echtzeit vonstatten. Kaum ist die Enter-Taste gedrückt, kann man sein Werk auch schon online bestaunen und die Reaktionen abwarten.

Diese Unmittelbarkeit ist verlockend und lässt einen emotional werden: Hier mal kurz pöbeln, da mal kurz durch eine provokante These einen Streit vom Zaun brechen, dort den krassen Post der anderen überbieten – die Grenzen aus Spaß und Ernst sind fließend, weil manche Menschen womöglich gar nicht realisieren, was sie mit einer unbedachten Äußerung anrichten können.

Schließlich steht man in solchen Augenblicken nicht persönlich für seine Statements gerade, sondern wird nur durch ein virtuelles Ich bzw. einen Avatar vertreten und fühlt sich sozusagen anonym. Studien haben gezeigt, dass Anonymität die entscheidende Zutat ist, die Menschen die Grenzen der Moral und des Gesetzes vergessen lässt.

Shitstorms sind keine Lösung, nur Respekt

Lynchjustiz in Form eines Shitstorm kann allerdings keine Lösung sein. „Don Jannis“, der sein Facebook-Profil mittlerweile gelöscht hat (was nebenbei komplizierter ist, als sich bei dem Netzwerk zu registrieren), dürfte den einen oder anderen bösen Kommentar geerntet haben von Leuten, die Timo Hildebrand zur Seite springen wollten. Doch auch hier unterschätzt man die Wirkung auf den Betroffenen, wenn wildfremde Menschen den Stab über einen brechen, so wie „Don Jannis“ es bei Timo Hildebrand getan hat.

Unsere Gesellschaft hat sich dahingehend entwickelt, dass viele Menschen jeden Fliegenschiss mit der Welt teilen und auch der Ansicht sind, alles kommentieren zu müssen. Dabei geht oftmals die Sachlichkeit verloren. Doch auch in unserer gläsernen Welt besteht noch ein Recht auf respektvollen Umgang – egal ob auf dem Sportplatz oder außerhalb, egal ob Prominenter oder Normalo.

Auch wenn es vermutlich abwegig ist und reaktionär anmuten mag, aber wer sich in Foren, Communities und Netzwerken kritisch äußern möchte, sollte dies unter seinem Namen und mit seinem Foto tun MÜSSEN. Im richtigen Leben muss man schließlich auch für seine Aussagen gerade stehen – und überlegt sich aus diesem Grund zweimal, was man sagt…

1 Kommentar

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  1. hans_dampf sagt:

    lieber marco,

    wieder einmal muss ich dich, für diesen mehr als gelungenen artikel, beglückwünschen! du triffst mal wieder den nagel auf den kopf.

    ich glaube allerdings das viele dieser beiträge, auf verschiedenen plattformen von kindern / jugendlichen stammen, die sich über die tragweite und möglichen konsequenzen ihrer aussagen, nicht im klaren sind….

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