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Sep
29

Historisch schlecht – aber auch die Deppen von Europa?

Sechs Spiele, sechs Niederlagen: Die Bundesliga hat in dieser Woche im Europapokal so schlecht abgeschnitten wie nie. In der Fünfjahreswertung ist die „Weltmeister-Liga“ mit dem Milliarden-Fernsehvertrag auf Rang vier zurückgefallen. In dieser Saison ist die Bundesliga bislang schwächer als die Vertreter Zyperns, Sloweniens, Aserbaidschans oder Mazedoniens. Die Gründe sind vielfältig.

Bayern München: Mia san verblendet

Der FC Bayern sieht sich wie immer als natürlicher (Mit-)Favorit auf den Champions-League-Titel. Immerhin ist man ja so traditionsreich, und hat ja auch erst vor ein paar Jahren die Krone innegehabt. Doch die Saison 2012/13, in welcher der FC Bayern mit megadominantem Powerfußball durch alle Wettbewerbe stürmte, ist längst Geschichte – und viele Stützen des Triples sind fünf Jahre älter geworden. In einem sich verändernden Fußballgeschäft ist der FC Bayern zwar noch die Nummer eins in Deutschland, doch in Europa investieren andere Vereine buchstäblich mehr.

Beinahe knuffig wirkte es vor der 0:3-Demontage bei Paris St. Germain, als die Bayern-Verantwortlichen das Duell mit dem Scheich-Klub aus Frankreich zum „Kampf der Kulturen“ ausriefen. Klar, Paris bewegte in den letzten fünf Jahren so viel Geld wie kein anderer Klub, doch der FC Bayern ist nun wirklich alles andere als ein „Ausbildungsverein“. 2010 schaffte der letzte aus dem eigenen Nachwuchs den Sprung in die Stammelf, seitdem (und auch schon davor) wurden zig Weltklasseleute geholt.

Allerdings, und das ist der Unterschied zu PSG & Co., nicht die allererste Garde der verfügbaren Leute. An die wird der FC Bayern aber wohl rangehen müssen, selbst wenn der Nachfolger des geschassten Carlo Ancelotti die Mannschaft vom Teamgeist und auch taktisch wieder auf Zack bringt. Denn die Mittdreißiger Franck Ribery und Arjen Robben sind Auslaufmodelle (wenn auch auf hohem Niveau), das Gros der Stammspieler ist um die 30 Jahre alt.

Tipp: In den anstehenden Duellen mit dem schottischen Meister Celtic Glasgow wird Bayern den zweiten Platz in der Gruppe absichern. Wie weit es in der K.o.-Phase geht, ist offen. Titelfavoriten sind die Münchner aber spätestens seit der Lehrstunde von Paris nicht mehr.

Borussia Dortmund: Totale Offensive, maximaler Lerneffekt

Der BVB spielt unter dem neuen Trainer Peter Bosz einen atemberaubenden Offensivfußball mit offenem Visier und Dauerdruck. Wenn das Umschaltspiel unter dessen Vor-Vorgänger eine „Vollgasveranstaltung“ war, dann wird unter dem Niederländer Überschallfußball praktiziert. In der Liga wurden die Gegner so überrollt, Köln oder Gladbach etwa fanden sich nach ihren Spielen im Westfalenstadion in Einzelteile zerlegt wieder.

Doch in Europa ticken die Gegner anders – sie nutzen die durchaus vorhandenen Lücken in der Dortmunder Hintermannschaft effektiver aus. Diese sind der Preis, den Bosz gegen Tottenham Hotspur und Real Madrid (je 1:3) in Kauf nahm. Nun sind Titelverteidiger Real und die Spurs als das wohl am meisten unterschätzte englische Top-Team alles andere als internationale Leichtgewichte. Die Niederlagen schmerzen dennoch, doch wenn die Borussia eine etwas bessere Balance findet, wird sich auch der Erfolg auf internationalem Parkett einstellen.

Tipp: Siege in den beiden Spielen gegen Underdog Nikosia sind Pflicht, dann muss Tottenham zuhause geschlagen werden. Auch das ist möglich, doch das Weiterkommen wird dennoch schwierig. Bei einem „Abstieg“ in die Europa League wäre der BVB im kleineren Europacup aber ein Titelkandidat.

RB Leipzig: Das Lehrgeld der Begabten

Leipzig zahlt in der Champions League klassisches Lehrgeld. Gegen Mannschaften, die allesamt international weit mehr Erfahrung mitbringen als die „U25“ des deutschen Emporkömmlings, kommt RB auch mit seinem Mut nicht mehr weiter. Die Sachsen können sich trösten: Auch das Dortmund unter Klopp musste durch ein paar Lehrjahre im Europacup gehen, ehe 2012/13 die Reife für den Finaleinzug da war.

Tipp: Leipzig wird in diesem Jahr das Achtelfinale verpassen, vielleicht geht es ab Februar in der Europa League weiter.

Hoffenheim, Köln und Hertha: Die Leiden der Neuen

Was für Leipzig gilt, trifft eine Klasse tiefer auch auf 1899 Hoffenheim, den 1. FC Köln und Hertha BSC zu. Hoffenheim ist erstmals international dabei, der FC zum ersten Mal seit 25 Jahren, Berlins letzter Auftritt liegt auch schon mehr als sieben Jahre zurück. Das allein kann in der Europa League aber keine Entschuldigung sein. Abgesehen von einigen Schwergewichten, wie Kölns Gruppengegner FC Arsenal, gibt es kaum herausragend besetzte Teams im kleinen Europacup.

Eigentlich müsste in diesem Wettbewerb also jeder Bundesliga-Vertreter in der Lage sein, zumindest die Gruppenphase zu überstehen. Dazu wird es aber zum wiederholten Mal nicht. Köln nimmt den Negativlauf aus der Liga mit in die Europa League, wo trotz zwei ansprechenden Leistungen null Punkte stehen. Hoffenheims mieses Abschneiden verwundert am meisten: Die Kraichgauer sind in der Bundesliga noch ungeschlagen, mischen ganz oben mit. International aber scheint das Team des ehrgeizigen Trainers Julian Nagelsmann blockiert zu sein.

Tipp: Köln schafft den Turnaround nicht mehr, für Hoffenheim und Hertha wird es sehr schwer.

Wie steht es langfristig um die Bundesliga?

Sorgen sind erlaubt, aber nicht erst seit dieser Saison. Immerhin schaffte es seit 2013 keine deutsche Mannschaft mehr in ein internationales Endspiel. Die Liga verliert insgesamt an Niveau, wie man an jedem Wochenende sehen kann. Daran ändern auch die schönen TV-Millionen nichts. Was jeder Klub in Zeiten des Hyperventilierens braucht, ist eine klare Philosophie. Die Bayern etwa werden früher oder später nicht daran vorbeikommen, ebenfalls dreistellige Transferbeträge für einen Spieler zu bezahlen. Alternative: Selbst wieder die besten „Neuzugänge“ entwickeln. Das hat den deutschen Fußball in den letzten Jahren so stark gemacht.

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