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Jun
28

#Hstrschr Tfpnkt

Ich bekenne es offen: Das frühe WM-Aus der Nationalmannschaft hat mich emotional kaum tangiert. Wenn überhaupt, dann habe ich mich dabei ertappt, beim Stand von 0:0 in der 80. Minute zu denken: Wenn Mats Hummels, Toni Kroos, Mario Gomez oder wer auch immer jetzt noch einen reinmacht, dann schiebt er das Aus nur um ein Spiel hinaus. Nach dem 0:2 der Asiaten dachte ich dann sogar: Das war’s, und es ist gut so! Selten ist ein Titelverteidiger so verdient bei einer WM gescheitert. Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal so fühlen würde.

Zur Einordnung: Ich bin 1981 geboren. Das erste großes Turnier, das ich bewusst wahrgenommen habe, gewann Deutschland: die WM 1990 in Italien. Franz Beckenbauer war für mich hernach eine Art Heiliger, Lothar Matthäus der wohl beste Fußballer, den es je gab. Ich bin also gewissermaßen mit dem Selbstverständnis aufgewachsen, dass allein Deutschland das Maß aller Dinge im Weltfußball sein kann. Entsprechend habe ich erst nicht verstanden, dass Deutschland 1992 im Finale gegen den Zwerg Dänemark verlieren konnte. Das musste ein einmaliger Fauxpas sein! Folglich war für mich klar, dass 1994 bei der WM in den USA nichts anderes als der nächste Titel rausspringen musste. Immerhin waren doch so viele Helden von 1990 dabei!

Mit dem Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien kam für mich die bittere Erkenntnis, dass mein fußballerisches Weltbild wohl nicht mehr ganz korrekt war. Und es begann eine Phase des Leids – und auch der Emotionalität. 1998 verarbeitete ich als 16-Jähriger das WM-Aus im Viertelfinale gegen Kroatien mit Freunden und reichlich Kaltgetränken. Stundenlang diskutierten wir angeregt, wie es mit dem deutschen Fußball wieder aufwärts gehen könne. Zwei Jahre später nach dem Vorrunden-Aus bei der EM dasselbe.

Mit dem Titel 2014 kam ein Bruch – auf allen Ebenen

Wirklich Spaß machte die Nationalmannschaft erst wieder ab 2006. Beim Sommermärchen wollte ganz Deutschland den Titel so sehr. Und irgendwie schien es nur fair nach zehn Jahren des mehrheitlichen Schämens für die eigene Nationalelf. An die Stunden nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien in Dortmund kann ich mich kaum noch erinnern – obwohl ich an diesem Abend nur ein paar Bier getrunken hatte. Ich weiß nur noch, wie sich eine enorme Taubheit über mich gelegt hat, die ich in Bezug auf Fußball niemals wieder erlebt habe. Und ich weiß, dass ich „Deutschland – ein Sommermärchen“ jahrelang ausgeschaltet habe, wenn Grosso eingewechselt wurde.

Die Sehnsucht nach dem Titel wuchs – und der Schmerz, wenn es wieder einmal nicht klappte, wollte nicht kleiner werden. 2010 mussten neben dem üblichen Bier auch einige Schnäpse helfen. Spätestens 2012, bei der EM in Polen und der Ukraine, wähnte ich Jogi Löw und seine Jungs dann aber endgültig titelreif. Wieder nix… Die logische, hochverdiente und eigentlich längst überfällige Krönung kam dann 2014 in Brasilien. Der Rausch des 7:1 im Halbfinale gegen den Gastgeber wurde nur noch getoppt durch den Jubel über den WM-Titel und die lange, lange Nacht vom 13. auf den 14. Juli 2014.

Mit der Erfüllung des langersehnten Titeltraums setzte bei mir – und offenbar auch bei vielen anderen deutschen Fußballfans – eine Entfremdung ein. Die Generation Podolski/Schweinsteiger/Klose/Lahm/Mertesacker, mit der man den Aufschwung ab 2004 verbunden hatte, löste sich auf. Nach dem Erreichen des großen Ziels schien bei Fans und auch den Spielern, die nun auf dem Rasen standen, das Feuer raus zu sein.

„Die Mannschaft“ driftet ab

Oft genug berauschte sich Deutschland an sich selbst und seinem kunstvollen, aber häufig brotlosen Ballbesitzfußball. Eine Anleihe der Spanier, die damit 2014 nach drei Turniersiegen in Serie auf die Fresse gefallen waren. Deutschland unter der Führung von Weltmeistertrainer Joachim Löw blieb aber ungeachtet dessen immer weiter bei diesem Konzept, der Trainer und die Spieler selbst erhoben sich immer mehr in eine Sphäre der Erhabenheit und Unangreifbarkeit, die schließlich gefährlich wurde: Weil man ja Weltmeister geworden ist und es allen gezeigt hatte, wisse man immer noch am besten, wie es geht.

Mit diesem Selbstverständnis und einem guten Dutzend Titelträgern von 2014 hätte es bei der EM zwei Jahre später fast noch einmal zum Titel gereicht. Doch die Luft war bereits raus. Manager – heute: Direktor Nationalmannschaften – Oliver Bierhoff und der gewaltige Stab hatten längst eine PR-Maschinerie in Gang gesetzt, die anstatt der angestrebten emotionalen Verbindung der (zahlenden) Fans zur DFB-Elf das genaue Gegenteil bewirkt hat.

Claims wie „Die Mannschaft“, „Best never rest“ oder „ZSMMN“, die unaufhörlich durchs globale Dorf getrieben wurden, verdeutlichen die Entrückung der einstigen Lieblinge der Nation von der DFB-Spitze heraus. Die Nationalelf, einst ein Flaggschiff zum Anfassen, wurde immer mehr zu einem Hochglanzprodukt. Kritik – wenn überhaupt – nur intern erlaubt. Wer kritisch-sachlich von außen berichtet, wird schnell zum Nestbeschmutzer.

Die Erfolge der Vergangenheit und der feste Glaube, bei Turnieren eigentlich immer auf den Punkt da zu sein, haben die deutsche Führung aber blind gemacht. Es fehlte der Plan B in der Taktik und im Kopf. Natürlich verlaufen Spiele ganz anders, wenn man mal in Führung geht. Doch dass dies der DFB-Elf in Russland nur in der Nachspielzeit des Schweden-Spiels überhaupt einmal geglückt ist, lässt sich nicht nur mit fehlendem Glück begründen. Und weil irgendwann eine gewisse Beratungsresistenz vorhanden war, darf sich niemand wundern, wenn das Gros der Fans am Mittwoch nicht mehr enttäuscht, sondern nur noch sarkastisch, wütend oder einfach gleichgültig war.

Die Abfuhr war in Form des ersten WM-Vorrunden-Aus der DFB-Geschichte gut. Vielleicht sogar das Beste, was Fußball-Deutschland passieren konnte. Ein glückliches Weiterkommen, gefolgt von einem wahrscheinlichen Achtelfinal-Aus gegen Brasilien („gegen den Rekordweltmeister kann man ja mal ausscheiden“) hätte nur zu Augenwischerei und womöglich einer „Weiter-so-Haltung“ geführt.

So aber gibt es genug Anlass zum Ansetzen:

  • Das Team befand sich in einer Blase. Die Spieler erinnerten sich nur zu gut an ihre eigene Klasse, haben diese aber nie abgerufen. Jetzt muss alles wieder neu bewiesen werden.
  • Der Trainer wusste es nicht besser, als demonstrative Zuversicht auszustrahlen. Wenn Joachim Löw im Amt bleiben will/darf, muss er mit der gesamten Führungsriege alte Zöpfe abschneiden und mit Blick auf die WM 2022 eine Mannschaft aufbauen. Es könnte das Ende vieler der verbliebenen Weltmeister sein.
  • Teile des Teams sind über ihren Zenit. Es ist ein typisches Problem von großen Mannschaften: Verdiente Spieler haben ihre Plätze (zu) lange sicher. Ein echter Verdrängungswettkampf kommt kaum zustande.
  • Der DFB braucht wieder eine Streitkultur. Kritik soll nicht unterbunden werden, sondern darf erlaubt sein – sofern sie konstruktiv ist. Probleme wie die Erdogan-Affäre werden nicht nur aussitzen gelöst.
  • Jeder im Team, vom Bundestrainer über den Spieler Nummer 23 bis hin zum letzten Stabmitglied muss sich hinterfragen.

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