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Sep
27

Huub Stevens wird Schalke-Trainer – Ein Rückfall ins 20. Jahrhundert?

Nun ist es offiziell: Huub Stevens ist der Nachfolger des am Burn-Out-Syndrom erkrankten Ralf Rangnick als Trainer von Schalke 04. Es ist Stevens‘ zweite Amtszeit in Gelsenkirchen, wo er bereits von 1996 bis 2002 Coach war. Damals war er zweifellos der richtige Trainer zur richtigen Zeit. Doch ist Huub Stevens auch anno 2011 noch eine gute Wahl für die „Königsblauen“?

„Die Null muss stehen!“ Kein Satz beschreibt die Philosophie des Trainers Huub Stevens so gut wie dieser Sinnspruch. Nicht zuletzt dank einer massierten Defensive konnten die „Königsblauen“ unter der Leitung des Niederländers 1997 sensationell den UEFA-Cup gewinnen. In allen sechs Heimspielen hielt man hinten dicht, vorne waren Youri Mulder, Martin Max oder Marc „Willi das Kampfschwein“ Wilmots für die Treffer zuständig. Das Spiel der „Eurofighter“ war nicht immer schön, aber voller Leidenschaft. In Ermangelung von technisch versiertem Spielermaterial war das auch genau der richtige Weg. Schalke war der Underdog, der über das Team die besseren Einzelspieler vom FC Valencia oder Inter Mailand schlug.

Ein Schuss Nostalgie…

Der Baumeister des Erfolgs hieß Huub Stevens. Er befehligte eine Truppe, die noch so richtig nach Ruhrpott und Maloche roch: Mulder, Max und Wilmots, aber auch Yves Eigenrauch, Mike Büskens, Ingo Anderbrügge,Thomas Linke oder Jiri Nemec kamen nicht gerade aus der Abteilung „Hacke, Spitze, eins, zwei, drei“, sondern waren echte Fußballarbeiter.

Denkt man an diese Zeit, hat man schnell ballonseidene Trainingsanzüge vor Augen, weiterhin viel zu weit geschnittene Trikots, die Frisur von Jiri Nemec, Flutlichtspiele bei Nieselregen im zugigen alten Parkstadion – und Charly Neumann, den legendären Mannschaftsbetreuer, der die Bundesliga um die Fangesang „Steh auf, wenn Du ein [Einwohner der jeweiligen Stadt einfügen] bist“ bereichert hat. Sogar die Mannschaft, die Stevens 2001 zur „Meisterschaft der Herzen“ sowie 2001 und 2002 zum DFB-Pokalsieg führte, hatte trotz eines Andreas Möller, Ebbe Sand oder Emile Mpenza immer noch ein wenig den Anstrich einer Malochertruppe. Doch die Zeit steht nun einmal nicht still…

Stevens und Schalke: Passt das (noch)?

Nun ist der Niederländer – nach den Zwischenstationen Berlin, Köln, Kerkrade, Hamburg, Eindhoven und Salzburg – wieder zurück in Gelsenkirchen. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Nicht unbedingt bei Stevens, der immer noch der gleiche knorrige und geradlinige Typ ist. Auch sein Fußball hat sich kaum verändert. Stevens‘ System ist immer noch defensiv ausgerichtet, selten schön anzuschauen, aber in der Regel erfolgreich.

Beim S04 hat sich in den vergangenen Jahren ein wenig mehr getan: Die schmucke Multifunktionsarena kennt Stevens noch aus seiner letzten Saison als Schalke-Chef; doch auch die Qualität der Mannschaft, die Ansprüche im Umfeld und nicht zuletzt die Schulden sind seit seinem Weggang vor über neun Jahren massiv gewachsen.

Seit heute hat Stevens eine Truppe mit launischen Stars (Raul, Jefferson Farfan, Klaas-Jan Huntelaar), launischen Möchtegern-Stars (Ciprian Marica), aber auch fast durchweg mit guten Fußballern zu betreuen, die an guten Tagen fast jeden Gegner an die Wand spielen kann und bei aller Balance einen eher offensiven Stil pflegt.

Hierzu mag der Defensiv-Verfechter Stevens irgendwie nicht so recht passen. Bei Fans und Vorstand hat er zwar immer noch ein gutes Standing, doch selbst der Ultra aus der „Buerschenschaft“ möchte heute nicht mehr nur Leidenschaft, sondern auch attraktiven Fußball sehen. Er wird Beton nur dann tolerieren, wenn man um den Titel mitspielt (oder zumindest den BVB im Derby bezwingt).

Mangel an Alternativen?

Auf mich wirkt die Verpflichtung von Huub Stevens daher irgendwie wie ein Rückgriff in eine längst vergangene Epoche, womöglich aus einem Mangel an Alternativen. Denn wer ist schon auf dem Markt? Christian Gross, den Manager Horst Heldt einst nach Stuttgart geholt hatte? Marcel Koller, der seit drei Jahren fast überall gehandelt wird, aber nie den Zuschlag erhält? Oder vielleicht ein Jungtrainer, der sich erst seine Sporen im Oberhaus verdienen muss und mit dem man das Erreichen des Saisonziels (mindestens Platz 6) gefährdet sieht? Oder gar Lothar Matthäus?! (Nun wirklich nicht, wenn auch aus Unterhaltungssicht unbezahlbar.)

Mit Stevens hat sich Schalke auf den ersten Blick für die „Nummer sicher“ entschieden. Er kennt den Verein (auch wenn die Verantwortlichen heute andere sind als vor neun Jahren) und genießt eine gewissen Kredit im Umfeld. Doch mich würde es nicht wundern, wenn man seine Verpflichtung rückblickend als Fehler betrachten wird – es sei denn, Stevens schafft es, seinen Stil dem seiner Mannschaft anzupassen. Doch dann wäre Huub Stevens nicht mehr Huub Stevens.

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