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Jun
26

„Idioten!“ – Peter Neururer meldet sich aus dem Glashaus

Ein Freund diplomatischer Worte war Peter Neururer nie. Die einen vergöttern den On-Off-Trainer dafür. Andere – meine Wenigkeit inklusive – können bei seinen Sprüchen nach einem kurzen Schmunzeln nur fassungslos mit dem Kopf schütteln.

„Ich kann nur die Frage stellen, was für Idioten fußballerischer Art das sind, die den Stellenwert des deutschen Fußballs, der sogar an dem von Spanien vorbeigeschossen ist, für völlig belanglose Spiele gegen die USA und gegen Ecuador aufs Spiel setzen, statt die entsprechenden Spieler für die U21-EM in Israel abzustellen. Da wird das, was man in Jahren aufgebaut hat, mit einem Schlag wieder umgehauen.“ (Peter Neururer am 25.6.2013 auf ran.de)

Wie ist das nochmal mit dem Spruch „Im Nachhinein ist man klüger“? Das vielbeachtete Interview von VfL Bochum-Trainer Neururer mit ran.de hat mächtig Wellen geschlagen. Wie sollte es auch anders sein, nachdem Neururer in seiner typischen Manier darin alles und jeden kritisiert hat, der im deutschen Fußball über ihm steht. Wie schon bei seinen Tanzeinlagen im Bochumer Stadion anno 2004 oder seinen blau-weiß gefärbten Haaren anno 2013 dürfte dieses Interview einer dieser Momente sein, die Neururer im Nachhinein bereuen dürfte.

König des Populismus

Herausgreifen möchte ich Neururers Kritik am DFB (siehe Zitat oben). Der hätte seiner Meinung nach die stärkste verfügbare Elf zur U-21-EM schicken sollen. Rückblickend gibt es dafür gewiss Argumente. Doch das ändert nichts daran, dass Neururers Reaktion darauf nicht allein in der Wortwahl einseitig, unsachlich und populistisch ist. Sie ist ein klassischer Fall von „Ich melde mich mal, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist“.

Vor der U-21-EM wusste jeder, dass der DFB nicht die bestmögliche Mannschaft nach Israel schicken würde. Und die meisten konnten sich damit anfreunden, schien doch eine lange Erholungspause für die A-Nationalspieler ein Jahr vor der WM wichtiger zu sein als ein paar Turniereinsätze zu sammeln. Oder ging vor dem Turnier ein Aufschrei (ohne #) durch das Land, als Gündogan, Draxler oder Schürrle nicht nominiert wurden? Nicht einmal der sonst so meinungsfreudige Neururer hat sich damals zu Wort gemeldet.

Auch gab es in der Öffentlichkeit Verständnis dafür, dass die Spieler, die die Qualifikation für Israel bewerkstelligt haben, dort antreten sollten und eben nicht durch „de luxe“-Spieler verdrängt werden sollten, die allein für das Endturnier berufen wurden. Man versetze sich nur mal in einen Spieler wie Patrick Herrmann, der mitgeholfen hat, nach Israel zu kommen. Hätte man ihn für „Bessere“ aus der A-Nationalmannschaft zu Hause lassen sollen? Hierfür hätten im Vorfeld sicherlich nur wenige Verständnis gezeigt.

Klare Linie: Die A-Nationalmannschaft geht vor

Der DFB hat sich in seiner Nominierungspolitik für die U-21-EM bzw. die A-Nationalmannschaft auf eine klare Linie eingelassen, indem man festgelegt hat, dass die A-Nationalmannschaft wichtiger ist als ein gutes Abschneiden der U21 bei der EM 2013.

Natürlich dürften sich auch Bundestrainer Joachim Löw und vor allem der mittlerweile geschasste U-21-Trainer Rainer Adrion ein besseres Abschneiden gewünscht haben (vermutlich haben sie sogar damit gerechnet), doch man sollte das Turnier nicht höher hängen als es ist.

Der U-21 längst entwachsen

Dass die Niederländer und die Spanier im Gegensatz zu den Deutschen mit vielen „Stars“ angetreten sind, lässt sich relativ einfach erklären: Die Elftal hat einen Umbruch vollzogen nach der schwachen EM 2012, Bondscoach Louis van Gaal hat seitdem viele U-21-Spieler ausprobiert. Doch nicht jeder von ihnen ist im A-Team längst etabliert.

Gleiches gilt für die Spanier, die über eine so starke A-Mannschaft verfügen, dass selbst Akteure wie Thiago Alcantara oder Isco (noch) ihre Probleme haben, dort zum Kader zu gehören. Für diese Spieler war die U-21-EM noch einmal eine große Bühne.

Für die Schürrles, Gündogans oder Draxlers, die der U21 leistungsmäßig längst entwachsen sind, weil sie bereits jetzt zu den 15 bis 20 besten Fußballern in Deutschland gehören, wäre sie es nur bedingt gewesen…

2 Kommentare

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  1. h.chinaski sagt:

    Peter Neururer ist unbestritten ein König des Populismus. Aber er legt den Finger auch in eine Wunde.

    Wieso wurde Rainer Adrion nach der EM entlassen bzw. ersetzt? Hinter vorgeschobenen Gründen steht die Tatsache dass die U21 sang- und klanglos ausgeschieden ist.

    Wenn man Erfolg bei einer solchen Veranstaltung wünscht, dann muss man auch die besten Spieler entsenden. Und mit den genannten Spielern hätte die U21 sehr wahrscheinlich deutlich besser abgeschnitten.

    Auch Mesut Özil war schon Mitglied der A-Nationalmannschaft, ist im Jahr 2009 dennoch mit der U21 nach Schweden gefahren (Ausgang des Turniers ist ja bekannt). Das Argument dass Gündogan, Schürrle, Draxler schon zum (erweiterten!) Kader der A-Mannschaft zählen, kann man also nur bedingt durchgehen lassen. Auch Khedira und Boateng haben kurz vor ihren Debuts in der A-Mannschaft noch an der U21-EM teilgenommen. Hätte man hier nicht auch, auf Rücksicht auf die A-Mannschaft, auf eine Teilnahme an der EM verzichten sollen?

    Das „Problem“ in diesem Fall war – ganz eindeutig – der Ausflug in die USA. Ich bin mir sehr sicher dass die „Generation Gündogan“ sehr gerne bei der U21-EM geholfen hätte. Allerdings hätte dann der Kader beim USA-Ausflug noch schlechter, und vermutlich auch hilfloser, ausgesehen.

    Ich für meinen Teil sehe hier einen gewissen Egoismus bei den Herren Niersbach, Löw und Bierhoff. Die Rechnung hierfür durfte Rainer Adrion dann begleichen.

  2. Heibel sagt:

    Ich stimme dir insofern zu, als dass Rainer Adrion salopp ausgedrückt die dümmste Sau ist. Seine Entlassung ist nicht zuletzt das Ergebnis eines Zick-Zack-Kurses der Verbandsspitze. So wurde beispielsweise im Vorfeld eine zu hohe Zielsetzung kommuniziert, gerade mit Blick auf die starke Konkurrenz in der Vorrundengruppe. Auch die Jobgarantie durch Niersbach, auf die wenige Tage später die Entlassung folgte, wirft kein gutes Licht auf den aktuell etwas kopflos erscheinenden DFB.

    Dennoch: André Schürrle beispielsweise hat bereits 24 A-Länderspiele auf dem Buckel. In der Qualifikation für die U-21-EM wurde er nicht ein einziges Mal für die U-21 nominiert, weil er diese Klasse längst übersprungen hatte – auch wenn er in der A-Elf eher Joker als Stammspieler ist. Gleiches gilt für die verletzten Toni Kroos und Mario Götze, die vom Alter her ebenfalls hätten dabei sein dürfen. Julian Draxler hätte sogar theoretisch noch in der Qualifikation für die U-19-EM mitspielen können. Auch er ist dem bereits entwachsen. Ich kann daher nachvollziehen, wenn Löw die weit entwickelten Spieler im Seniorenbereich einsetzen möchte, wo sie sich ja früher oder später eh integrieren müssen. In der Tat wäre das allerdings besser rübergekommen, wenn WM-Qualifikationsspiele oder der Confed Cup angestanden hätten und nicht zwei Freundschaftsspiele gegen Ecuador und die USA…

    Eine Facette sollte man in der gesamten Diskussion nicht außer Acht lassen: Den Vereinen dürfte es gewiss lieber gewesen sein, dass ihre Stars bereits Anfang Juni in den Sommerurlaub konnten und zum Trainingsauftakt mitwirken können, als nach der U-21-EM erst verspätet ins Training einzusteigen. Nicht auszuschließen, dass beispielsweise Schalke das im Falle Draxler gegenüber dem DFB auch so kommuniziert hat.

    Bei Gündogan, dem ich keine Verweigerung zur U-21-EM unterstellen möchte, kommt noch hinzu, dass er inklusive CL-Finale eine fast zehn Monate lange Saison mit zig englischen Wochen in den Beinen hatte. Mit Blick auf die WM 2014, an der er bei konstanter Weiterentwicklung nicht nur für Trainingsspiele nominiert werden dürfte, kann er mit der Pause womöglich mehr anfangen als mit einer nochmals um drei Wochen verlängerten Saison (Stichwort: Verheizen) – auch wenn es freilich um einen Titel ging und Turniererfahrung gerade für einen jungen Profi unerlässlich ist. Doch auch die hatte er bereits: Bei der EM 2012 war Gündogan dabei, wenn auch ohne Einsatz.

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