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Sep
06

In dubio pro Jogi – Ein Plädoyer für den Bundestrainer

Zehn Wochen sind seit dem Halbfinal-Aus bei der Europameisterschaft vergangen. Das war genug Zeit, um der Mannschaft und dem Trainerstab mit mehr oder weniger angebrachten Vorwürfen verbal den Hintern aufzureißen. Nichtsdestotrotz ist Jogi Löw immer noch im Amt, auch die Mannschaft für den Start in die WM-Qualifikation ist fast identisch mit dem EM-Kader. Das ist gut so. Denn es ist alternativlos.

Man stelle sich einmal vor, Jogi Löw wäre in seinem Sommerurlaub zu dem Schluss gekommen, der falsche Mann für den Posten des Bundestrainers zu sein. Mitte/Ende Juli hätte er dann seinen Rücktritt bekannt gegeben, um den Weg für einen Trainer freizumachen, der dem Team neue Impulse gibt. Der eine oder andere Fan und so manche Gazette hätten erst einmal jubiliert. Weg ist er, der Schönwettertrainer, der sogar Spieler aufstellt, die nicht einmal die Hymne singen!

Keine Alternative zu Löw

Bald darauf wäre aber das böse Erwachen gekommen: Wen soll man jetzt auf den Stuhl des Bundestrainers setzen? Alle Bundesliga-Vereine sind in der Saisonvorbereitung, die von vielen favorisierte Lösung Jürgen Klopp wäre somit nicht zu haben gewesen – mal abgesehen davon, dass sich Klopp vermutlich tödlich langweilen würde, nur alle paar Wochen mal auf dem Trainingsplatz zu stehen. Matthias Sammer, der ewige Schattenbundestrainer, war soeben Sportvorstand beim FC Bayern geworden. Pep Guardiola wäre auf dem Markt gewesen, zugegeben. Aber der spricht weder Deutsch, noch wäre er für den DFB erschwinglich gewesen. Außerdem hatte der Spanier ein Sabbat-Jahr bis 2013 angekündigt.

Am Ende hätte man – wie schon 1998, 2000 und 2004 – lange gesucht und wäre entweder ein Experiment mit einem „Jungtrainer“ eingegangen, hätte sich bei den Arbeitslosen umgeschaut oder hätte einfach den genommen, der am lautesten seinen Namen ruft. Ich kann mir das Beckenbauersche Plädoyer via Bild-Zeitung ausmalen: „Nehmt’s den Lothar.“ Wahlweise auch: „Nehmt’s den Effenberg.“ Tolle Aussichten wären das gewesen.

Bestmögliches Personal

Und was hätte der neue Bundestrainer verändert? Mesut Özil eine Denkpause verordnet, Miroslav Klose wegen seines Alters aussortiert? Zehn Neue nominiert? Vermutlich nicht. Joachim Löw arbeitete und arbeitet bereits mit dem bestmöglichen Spielermaterial. Dabei profitiert er ohne Frage von der guten Nachwuchsarbeit der letzten Jahre. Auf diese Spieler würde auch jeder andere Bundestrainer zurückgreifen. Schließlich hat Löw bei der Europameisterschaft keinen Spieler zu Hause gelassen, der unbedingt hätte nominiert werden müssen. Nach der Nicht-Nominierung von Helmes oder Cacau hielt sich der Aufschrei jedenfalls in Grenzen.

Die (Spieler-)Typen-Diskussion wird immer aufkommen. Klar kann man einen Kevin Großkreutz nominieren, weil er eher über den Kampf als über die Kunst kommt und damit ein anderes Element in die Mannschaft brächte. Das sind Feinheiten, über die jeder Bundestrainer frei entscheiden kann.

Taktik & Spielphilosophie

Löw lässt seit 2008 fast durchgängig ein 4-2-3-1 spielen. Nicht nur, weil es internationaler Standard ist, sondern vor allem, weil er die Spielertypen dafür hat. Besäße Deutschland vier Mittelstürmer von Weltniveau, aber nur wenige gute Außenstürmer, sähen Spielsystem und Ausrichtung der Nationalmannschaft gewiss anders aus.

Die Interpretation eines Spielsystems beruht immer auf dem Wechselspiel aus Aktion und Reaktion: In der Regel reagiert die schwächere Mannschaft (bzw. die Mannschaft, die sich selbst als schwächer einschätzt) auf die vermeintliche Aufstellung und Ausrichtung des stärkeren Gegners. In den meisten Spielen tritt Deutschland dominant auf und zwingt dem Gegner sein Spiel auf. Ausnahmen: Das WM-Halbfinale 2010, in dem man die Spanier jedoch weitgehend neutralisierte und das man nur durch einen Standard verlor. Und das EM-Halbfinale 2012, in dem taktisch, spielerisch und mental in der Tat alles suboptimal verlief. Diesen Schuh muss sich Löw anziehen. Und da er nicht dumm ist (das unterstelle ich ihm einfach mal), wird er im nächsten wichtigen Spiel diese Fehler nicht wiederholen.

Dass Löw keine unnötigen Tacklings sehen möchte, kann man ihm ebenfalls nicht vorwerfen. Wie so oft im Fußball, entscheidet allein der Erfolg einer Aktion, ob man richtig oder falsch agiert hat. Grätschen dürfen nicht per se verboten werden, sie sollten im Defensivzweikampf aber nicht die erste Option sein. Die Spieler müssen ein Gespür dafür entwickeln, wann die Grätsche besser ist als das bloße Stellen des Gegners oder das Ablaufen des Balls.

Ausblick

Die aktuelle Konstellation mit dem Trainerstab Löw/Flick/Köpke ist für den Moment die bestmögliche für den deutschen Fußball. Auch die Mannschaft ist die bestmögliche für den deutschen Fußball. Was jahrelang gut bis sehr gut war, kann nicht auf einmal schlecht sein.

Zugegeben, nach dem Aus bei der EURO hat Löws Ruf gelitten. Im Inland trauen ihm viele den großen Triumph nicht mehr zu. Doch das kann sich schnell wieder ändern, wenn die Leistungen und Ergebnisse in der WM-Qualifikation wieder stimmen. Und im Ausland gelten die Deutschen zwar immer noch als hochveranlagt, aber nicht mehr als die neue Fußballmacht. Das wird zur Folge haben, dass die Erwartungshaltung bei der WM 2014 geringer sein wird als noch bei der EURO. Den ganz großen Druck in zwei Jahren werden Titelverteidiger Spanier und Gastgeber Brasilien haben – eine Position, aus der die DFB-Elf angreifen kann.

1 Kommentar

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  1. M. Hübner sagt:

    Ich weiß mir auch alle möglichen Gründe, weshalb es „gut“ ist, am derzeitigen Trainerteam und Spielerpersonal festzuhalten. Aber es wird niemals „alternativlos“ sein. Das portugiesische System, das auf bedingungslosem Elitismus beruht ist ebenso eindrucksvoll, wie das italienische, wo ein Trainer zwei Jahre Zeit und jegliche Unterstützung aller Vereine bekommt, wo er nicht bloß ein Süppchen nach milaneser bzw. bajuwarischem Gusto kochen darf.

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