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Mrz
13

Islands Nationalelf: Auf dem Sprung

Gewinnspieleinlösung für März-Champion Niquo – Die WM 2014 in Brasilien hat Island knapp verpasst. Dank einer „Goldenen Generation“ und der Aufblähung der EM-Endrunde auf 24 Teilnehmer muss man aber für 2016 in Frankreich mit den Nordeuropäern rechnen.

320.000 Menschen leben auf Island. Das sind rund 8.000 weniger als in Bielefeld und etwa 10.000 mehr als in Bonn. Niemand würde erwarten, dass in diesen Städten genug gute Kicker das Licht der Welt erblickt haben, um eine schlagkräftige Fußballmannschaft auf die Beine zu stellen. Ähnliches muss daher auch für die Insel der Geysire, der -sons und der -dotters gelten.

Doch Island war bereits zweimal dicht dran, den Großen eine lange Nase zu machen. In der EM-Qualifikation für Portugal 2004 brachte das Land nicht nur Rudi Völler nach dem 0:0 von Reykjavik zur Eruption („Scheißdreck“, „Käse“ etc.), sondern hatte sogar bis zum Rückspiel im Oktober 2003 in Hamburg die Endrundenteilnahme noch in eigener Hand. Deutschlands Rumpelkicker zogen seinerzeit durch Tore von Michael Ballack, Fredi Bobic und Kevin Kuranyi gerade noch den Kopf aus der Schlinge.

Noch näher dran waren die Isländer im November 2013. Erst im Playoff-Rückspiel von Zagreb verhinderten die Kroaten durch ein 2:0 (Hinspiel:0:0) die Blamage und sicherten sich ihr WM-Ticket. Hätte Island die Sensation geschafft, wäre es zum mit Abstand bevölkerungsärmsten WM-Starter aller Zeiten aufgestiegen.

Als Stars noch Mangelware waren

Die jüngste Entwicklung der isländischen Nationalmannschaft hat Gründe. Die Zahl der Talente ist trotz der weiterhin kleinen Auswahl größer geworden. In der Vergangenheit haben es nur wenige Spieler zu guten Vereinen auf dem Festland geschafft. Der Stuttgarter Mittelfeldstratege der 1980er Jahre mit dem epischen Namen Asgeir Sigurvinsson war so einer, der langjährige Berliner Eyjolfur „Jolly“ Sverrisson in den 1990er Jahren ein anderer.

Islands bis dato größter Kicker aller Zeiten ist aber Stürmer Eidur Gudjohnsen, der zwischen 2000 und 2009 für den FC Chelsea und den FC Barcelona kickte und der mit 24 Länderspieltreffern das isländische Pendant zu Gerd Müller ist. Bei seinem Länderspieldebüt 1996 in Estland wurde der damals 18-Jährige noch für seinen 17 Jahre älteren Vater Arnor eingewechselt. Das war nicht nur eine schöne Geste des damaligen Nationaltrainers, sondern auch ein Zeichen für die fehlende Auswahl im Land.

Gute Ausbildung im Ausland als Schlüssel

Die Auswahl hat mittlerweile massiv zugenommen, weil viele Talente früh das Weite suchen. Ajax Amsterdams Torjäger mit dem überaus sprechenden Namen Kolbeinn Sigthorsson (23) etwa hat bereits 2007 der Heimat den Rücken gekehrt und sich der Jugend des AZ Alkmaar angeschlossen. In der guten holländischen Nachwuchsschule reifte er zu einem Angreifer von gehobener Klasse, wechselte 2011 für vier Millionen Euro zu Ajax und wird seither immer wieder mit Klubs aus den fünf Topligen in Verbindung gebracht. Kein Wunder bei 38 Toren in 84 Eredivisie-Spielen.

Noch begehrter ist mittlerweile Angreifer Alfred Finbogasson. Im vergangenen Sommer klopfte Werder Bremen wegen des Knipsers beim SC Heerenveen an. Mittlerweile befindet sich „Island-Alfred“, wie die Bild-Zeitung ihn griffigerweise getauft hat, in Sphären die den Bremer Spielraum deutlich übersteigen – 23 Saisontoren in bislang 24 Einsätzen sei Dank. Auch Finbogasson konnte auf dem Festland langsam reifen, arbeitete sich von Lokeren (Belgien) über Helsingsborgs (Schweden) nach Heerenveen, wo er von Hollands Sturm-Ikone Marco van Basten trainiert wird. Bereits im Winter sind zahlreiche Angebote aus der Premier League für ihn eingelaufen, unter anderem vom FC Everton. Ein Wechsel im Sommer ist sehr wahrscheinlich.

Der in Deutschland bekannteste isländische Kicker ist sicherlich Gylfi Sigurdsson. Der heute 24-Jährige hatte sich bereits mit 15 Jahren der Jugend des englischen Traditionsklubs FC Reading angeschlossen. Von dort holte ihn England-Kenner Ralf Rangnick im August 2010 für 5,2 Millionen Euro zu 1899 Hoffenheim. Besonders als präziser Freistoß- und Distanzschütze machte Sigurdsson von sich reden – so sehr, dass Tottenham Hotspur im Sommer 2012 gleich 10 Millionen Euro auf den Tisch der Kraichgauer legte. Beim Fünften der Premier League zählt er mittlerweile zu den absoluten Stützen.

Schlägt in der EM-Quali Islands große Stunde?

Dieses Trio und weitere talentierte Spieler wie Kapitän Aron Gunnarsson (24/Mittelfeld/Cardiff City), Johann Berg Gudmundsson (23/Angriff/AZ Alkmaar) oder Birkir Bjarnasson (25/Mittelfeld/Sampdoria Genua) verleihen Island in der Breite eine vermutlich nie dagewesene Qualität.

Weil die UEFA auf die Idee gekommen ist, aber der EM 2016 24 statt der üblichen 16 Teilnehmer zuzulassen, muss man Island für die Endrunde in Frankreich auf dem Zettel haben. In der WM-Quali für Brasilien 2014 konnte das Team des ehemaligen schwedischen Nationaltrainers Lars Lagerbäck in seiner Gruppe immerhin die früheren WM-Starter Slowenien und Norwegen im Zaum halten. Nur die Schweizer waren in der Gruppe E besser.

Um 2016 dabei zu sein, würde sogar bereits der zweite Platz in der Gruppe für die direkte Qualifikation reichen. Allerdings haben die Isländer mit den Niederlanden, der Türkei und Tschechien auf den ersten Blick ein schweres Los gezogen. Doch das relativiert sich, weil die Türken und Tschechen zuletzt auf einem erbärmlichen Niveau herumkrebsten. Mit dem frischen Wind der WM-Quali 2014 scheint die Sensation möglich. Island würde so zum kleinsten EM-Starter aller Zeiten – zumindest sofern Gibraltar in der Deutschland-Gruppe nicht alle überrascht…

4 Kommentare

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  1. Anonymous sagt:

    Herzlichen Dank dir! Ein wohlrecherchierter Artikel der mal echt gut tut und lächeln lässt :)

    Bezüglich des Playoff-Rückspiels gegen Kroatien war es aus isländischer Sicht extrem bitter ohne einen ihrer Topstürmer (Verletzung) antreten zu müssen, zudem kassierte man noch eine Rote Karte und hatte einen gut aufgelegten Mandzukic gegen sich…

    Fänd’s persönlich sehr schön, einmal ein großes Turnier mit den Isländern erleben zu dürfen. Der Artikel macht da ja Hoffnung…

    Viele Grüße und besten Dank!

  2. Niquo sagt:

    Hat denn eigentlich nicht mal der kicker Bock auf dich?! Geographisch würd ich mich mit Nürnberg auch schwer tun, aber ob Region Bonn oder Fußballhochburg Flensburg (mein derzeitiges Daheim) – das ist deren Jungs‘ Problem :)
    Hoffe, du hast noch seeehr lange Spaß an dem, was du seit langem so erfrischend praktizierst. Immer weiter so, ein Sportjournalistenleben dauert 90 Jahre :)

    grußgruß & dankedanke,
    Niquo

    1. Heibel sagt:

      Hey Niquo,

      vielen Dank für die Blumen. Beim Kicker hab ich nicht nachgefragt, aber der Sport-Informations-Dienst hat seit geraumer Zeit Bock auf mich. Das ist auch nicht so schlecht ;-) Meinen Blog führe ich natürlich trotzdem weiter, so gut es die Zeit zulässt.

  3. Niquo sagt:

    Das ist mir mehr Freude als Pflicht.

    http://de.wikiquote.org/wiki/Deutsche_Sprichw%C3%B6rter

    Weißt doch, „jeder kriegt das, was er verdient“ (auch wenn die Redensart jetzt nicht dabei ist).

    Kann Hamburg (SID) zwar jetzt nicht so mit dem Westen vergleichen, aber das sind ziemlich erfreuliche Zeilen!

    Kommt Zeit, kommt Rat :)

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