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Nov
05

Jogi steht einfach nicht auf dich – Kießling, Castro & Co.

Die Leverkusener Stefan Kießling und Gonzalo Castro sind die herausragenden Kräfte einer „Elf der Chancenlosen“: Trotz guter Leistungen im Verein haben sie kaum eine Chance auf eine Nationalmannschaftsnominierung. In der Spielphilosophie von Bundestrainer Joachim Löw ist für sie allem Anschein nach kein Platz.

Joachim Löw hat in vielen Dingen seine ganz eigene Sichtweise, das ist mittlerweile bekannt. Vor allem bei der Zusammenstellung seines Kaders sorgt der Bundestrainer des Öfteren für fragende Blicke – nicht unbedingt auf den Positionen 1 bis 16, sehr wohl aber dahinter. HSV-Linksverteidiger Dennis Aogo etwa war noch kurz vor der Europameisterschaft 2012 trotz zweier durchwachsener Jahre in der Hansestadt Löws erste Wahl als Backup von Philipp Lahm. Auch der Wolfsburger Christian Träsch oder der frühere Hamburger Piotr Trochowski wurden jahrelang trotz schwacher Leistungen wieder und wieder in den Kreis der vermeintlich besten deutschen Spieler berufen. Andere hatten dagegen trotz guter Leistungen im Verein nie eine reelle Chance im Nationalteam. Stefan Kießling, der im Kalenderjahr 2012 bereits 19 Mal in der Bundesliga ins Schwarze getroffen hat – häufiger als jeder andere –, ist in dieser Hinsicht nur die Spitze des Eisbergs.

Gut, aber chancenlos

Vor allem Bayer Leverkusen verfügt über gleich vier deutsche Feldspieler, die trotz guter Leistungen im Verein beim Bundestrainer nicht gut gelitten sind. Stürmer Stefan Kießling (28, 6 A-Länderspiele) ist mit 89 Bundesligatoren der zweiterfolgreichste deutsche Stürmer der letzten sechs Jahre. Nur Bayerns Mario Gomez traf in diesem Zeitraum in der Liga häufiger, nämlich satte 121 mal. Zusätzlich zu seiner Torquote rackert Kießling oft für zwei (vergleichbar mit Miroslav Klose), bestreitet und gewinnt für einen Offensivspieler extrem viele Zweikämpfe und ist statistisch einer der besten Kopfballspieler der Liga. Dennoch wartet der gebürtige Franke seit 28 Monaten vergeblich auf eine Nationalmannschaftsnominierung. Sein Problem: die Technik. Besser ausgedrückt: die mangelnde Technik. Zwar ist auch Mario Gomez kein Edeltechniker vor dem Herrn, doch der Bayern-Stürmer scheint die spielerischen und taktischen Vorgaben des Bundestrainers eher zu erfüllen als Kießling – obwohl der gewiss nie Gefahr laufen wird, sich „wundzulegen“…

Ein Spieler, der seit Jahren zu meinen Favoriten gehört, ist Kießlings Teamkollege Gonzalo Castro (25, 5 A-Länderspiele). Der Deutsch-Spanier ist trotz seiner verhältnismäßig jungen Jahre sehr erfahren (über 200 Bundesliga-Spiele) und kann fünf Positionen nahezu gleichwertig besetzen (Linksverteidiger, Rechtsverteidiger, linkes Mittelfeld, rechtes Mittelfeld, defensives Mittelfeld). Gerade die beiden Außenverteidigerpositionen bereiten Joachim Löw seit Jahren Kopfzerbrechen – dennoch wartet Castro seit vier Jahren auf eine Nationalmannschaftsnominierung und seit fünf Jahren auf einen Einsatz im DFB-Team. Lieber probierte der Bundestrainer gelernte Innenverteidiger (Westermann, Boateng, Höwedes) oder Sechser (Träsch) auf den Außenbahnen aus. Für die Zukunft dürfte Castro auch keine guten Karten haben: Links befreit sich Dortmunds Marcel Schmelzer gerade aus seinem Tief, rechts rechnen nicht wenige mit einer baldigen Nominierung von Frankfurts Sebastian Jung (22).

Mit Sidney Sam (24, Rechtsaußen, ohne Länderspieleinsatz) und Philipp Wollscheid (23, Innenverteidiger, ohne Länderspieleinsatz) verfügt Bayer Leverkusen über zwei weitere überdurchschnittliche Bundesligaspieler, die bislang nicht in den engeren Fokus des Bundestrainers gerückt sind. Sam hat dabei das Pech, auf seiner Position u.a. mit Thomas Müller, Mario Götze und Marco Reus gleich mehrere Hochkaräter vor sich zu haben. Bei Wollscheid, der erst im Sommer vom Abstiegskandidaten Nürnberg zum Europa-League-Teilnehmer gewechselt ist, dürften sich dagegen größere Chancen auf eine Nominierung ergeben – auch wenn der Bundestrainer auf der Innenverteidigerposition mit Holger Badstuber, Mats Hummels, Per Mertesacker, Jerome Boateng und Benedikt Höwedes regelmäßig gleich fünf Spieler einlädt, die in der Zentrale verteidigen können. Die vielen Gegentore der letzten Spiele könnten hier allerdings zum Türöffner für neue Kandidaten werden.

Ebenfalls erstaunlich ist, dass ein deutscher Spieler, der beim deutschen Double-Gewinner eher eine Stamm- als eine Aushilfskraft ist, seit fast zwei Jahren auf eine Nationalmannschaftsnominierung wartet. Die Rede ist vom Ur-Dortmunder Kevin Großkreutz (24, 3 A-Länderspiele), den der Bundestrainer Ende 2010/Anfang 2011 kurz testete, aber scheinbar für zu leicht befand. Auch Großkreutz leidet unter der hochkarätigen Konkurrenz auf seiner Position als Linksaußen (Reus, Podolski, Schürrle). Doch mit seinem laufintensiven, einsatzfreudigen, wenngleich nicht immer technisch veredelten Spiel unterscheidet sich Großkreutz von seiner Spielweise enorm von seinen Kontrahenten. Er ist ein „ekliger“ Spieler, gegen den niemand gerne verteidigt, weil er immer unterwegs ist.

Erst in der vergangenen Woche hat Schalke-Boss Clemens Tönnies das schlechte Standing „seiner“ Spieler beim Bundestrainer beklagt. In der Tat findet man seit dem Wechsel von Manuel Neuer zu Bayern München nur noch in Ausnahmefällen einen „Königsblauen“ in der Startelf der Nationalmannschaft. Benedikt Höwedes (24, Verteidigung, 9 A-Länderspiele) wird zwar regelmäßig nominiert, ist aber derzeit der klassische Backup. Die jungen Mittelfeldspieler Lewis Holtby (22, 2 A-Länderspiele) und Julian Draxler (19, 2 A-Länderspiele) dürfen sich bislang vor allem in den U-Mannschaften austoben, wurden aber erst kürzlich von Löw explizit gelobt.

Bislang gar nicht im Blickfeld des Bundestrainers scheint der Neu-Schalker Roman Neustädter zu sein (24, defensives Mittelfeld). Nach einer starken letzten Saison in Mönchengladbach räumt Neustädter nun auch in Gelsenkirchen stark ab – so stark, dass er neulich erst von Arsenal-Coach Arsène Wenger aus dem Kreis seiner Kollegen hervorgehoben wurde. Auch wenn es kaum jemandem aufgefallen sein dürfte: Neustädter hat in dieser Saison keine einzige Pflichtspielminute des S04 verpasst. Sein Problem: Mit Schweinsteiger, Khedira, Kroos, Gündogan und den Bender-Zwillingen hat er gleich sechs Hochkaräter vor sich. Auch Holtby kann auf der Sechs spielen, ebenso die von Löw zuletzt gelobten Sebastian Rode (22, Frankfurt) und Moritz Leitner (19, Dortmund).

Dieser Umstand könnte auch für Hannovers Lars Stindl zum Problem werden. Der 24-Jährige, der im zentralen und im rechten Mittelfeld spielen kann, hat sich in den letzten zwei Jahren enorm entwickelt und wäre mit seinen Leistungen in den „dunkleren Jahren“ des deutschen Fußballs in den Ären Vogts, Ribbeck und Völler gewiss schon längst Nationalspieler.

Wenn niemand an dich denkt…

Der Vollständigkeit halber möchte ich auch noch ein paar Herren nennen, die immer mal wieder für die Nationalelf gehandelt wurden, deren Zug aber längst abgefahren ist: Kevin Kuranyi (ja, der ist völlig überraschend in fernen Russland in Vergessenheit geraten) ist mittlerweile 30 Jahre jung und dürfte nicht zuletzt aufgrund seines Alters keinerlei Rolle mehr in den Planungen des Bundestrainers spielen – alles andere wäre auch „högscht“ inkonsequent vom Herrn Löw…

Haarig wird es bei den Torhütern, wo der genesene und zuletzt überragend spielende René Adler (27) wohl bald wieder zur deutschen Nummer zwei oder drei avancieren dürfte. Dahinter gibt es das bekannte Hauen und Stechen auf hohem Niveau – weswegen u.a. ein Top-Keeper wie Roman Weidenfeller (32, Dortmund) nie eingeladen wurde und auch verhältnismäßig junge Torwächter wie Sven Ulreich (24, Stuttgart), Kevin Trapp (22, Frankfurt), Bernd Leno (20, Leverkusen), Oliver Baumann (22, Freiburg) oder Fabian Giefer (22, Düsseldorf) einen schweren Stand beim Bundestrainer haben dürften.

P.S.: Einige meiner treuesten Leser, in deren Adern grün-weißes Blut fließt, werden spätestens seit gestern vehement eine Nationalmannschaftsnominierung von Aaron Hunt (26, offensives Mittelfeld) einfordern. Ruhig bleiben, Jungs: Der muss erst mal an Özil, Götze, Kroos oder Reus vorbei. Da gibt es auch leichtere Aufgaben…

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