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Jan
11

Junges Deutschland gegen Altes Italien

In der italienischen Serie A macht gerade der 18-jährige deutsche Mittelfeldspieler Alexander Merkel von sich reden. Im Trikot des AC Mailand ist der U19-Nationalspieler umgeben von lauter „erfahrenen“ Spielern. Generell hat der italienische Fußball ein Altersproblem – und ist damit aktuell ein Gegenentwurf zum deutschen Fußball. Doch es gibt Hoffnung.

Als Alexander Merkel am 6. Januar zum ersten Mal in seiner Karriere in der Startelf des AC Mailand stand, war er umgeben von lauter alten Hasen. Seine Mittelfeldkollegen beim Auswärtsspiel in Cagliari hießen Gennaro Gattuso (33 Jahre alt), Clarence Seedorf (34) und Massimo Ambrosini (33). Insgesamt 12 Spieler im Kader des neunmaligen Europapokalsiegers haben die 30er-Grenze bereits überschritten.

Auch die – im wahrsten Sinne des Wortes – „Altmeister“ von Juventus Turin setzen auf Fußball-Rentner, 11 Spieler mit 30 und mehr Lenzen stehen im Kader. Erst vor wenigen Tagen verpflichtete man den mittlerweile 33-jährigen Luca Toni. Seine Sturmkollegen bei Juve heißen Alessandro Del Piero (36), Vincenzo Iaquinta (31) und Amauri (30). In dem Alter spielen andere schon in der Traditionsmannschaft… Der einzige U30-Stürmer beim Rekordmeister heißt Fabio Quagliarella. Der 27-jährige fällt allerdings wegen einer Kreuzband-OP bis Saisonende aus.

Alter schützt vor Leistung nicht… zumindest kurzfristig

Ein ähnliches Bild findet man auch bei Inter Mailand vor, der erfolgreichsten Vereinsmannschaft des Jahres 2010. Der amtierende Meister, Pokalsieger, Champions League-Sieger und Klub-Weltmeister ist derzeit nur noch ein Schatten der Mourinho-Ära. Das könnte daran liegen, dass a) Startrainer José Mourinho mittlerweile weg ist, b) die Mannschaft satt oder c) einfach in die Jahre gekommen ist. 13 Spieler im schwarz-blauen Trikot haben die 30 bereits mit Erfolg genommen.

Der italienische Fußball ist auf Vereinsebene zwar noch mit den beiden Mailänder Clubs und dem AS Rom (13 Spieler über 30) in der Champions League vertreten, doch diese Vereine zählen nicht zu den großen Anwärtern auf den Titel und drohen bei aller taktischen Qualität perspektivisch den Anschluss zu verpassen, wenn sie weiter auf die alte Garde setzen. In der Europa League ist das bereits geschehen. Einzig der SSC Neapel hat den Einzug in die Runde der besten 32 geschafft. Juventus Turin, US Palermo und Sampdoria Genua waren in ihrer Vorrundengruppe chancenlos. Der Trend ist nicht gerade der Freund des italienischen Fußballs, der in den 1990er Jahren noch das Maß aller Dinge war und auch in der letzten Dekade immerhin vier Mal Europas beste Vereinsmannschaft stellte.

Erfolg „schützt“ vor dem nötigen Schnitt

Zumindest die Nationalmannschaft versucht gerade, den längst überfälligen Schnitt zu machen – wobei man nicht sicher sein kann, ob sie das auch täte, wenn die Squadra Azzurra bei der WM mit dem üblichen Dusel das Viertelfinale erreicht hätte. Jedenfalls sind seit der enttäuschenden WM in Südafrika fast alle Ü30-Spieler aus der Mannschaft verschwunden, der 31-jährige Dirigent Andrea Pirlo ist einer der wenigen verbliebenen Alt-Stars.

Es war schon irgendwie voraus zu ahnen, dass es die Italiener bei der WM nicht allzu weit bringen würden – obwohl sie in der Vergangenheit immer wieder gezeigt haben, dass schlechte Leistungen nicht vor einem guten Ergebnis schützen. Die Italiener sind mit einer überalterten Mannschaft angereist und haben die gleiche unliebsame Erfahrung machen müssen, die vor ihr schon andere erfolgreiche Mannschaften gemacht haben: dass man zu lange an den Größen der Vergangenheit festgehalten und die Nachwuchsförderung auf die lange Bank geschoben hat. Was das angeht, können sich die Italiener und die Franzosen im Übrigen die Hand reichen.

Mahnende Vorbilder ignoriert – Misserfolge als Chance

Der deutsche Fußball hat es vorgemacht. Zwischen der heute gefeierten – und leider noch titellosen – jungen Mannschaft und dem absoluten Tiefpunkt liegen immerhin zehn Jahre. Die EM 2000 mit dem beispiellosen Vorrundenaus (1 Punkt, 1:5 Tore mit dem 0:3 gegen Portugal B als „Krönung“) sollte sich im Nachhinein als heilsamer Schock erweisen.

Doch der Reihe nach: Im Grunde begann der Niedergang des deutschen Fußballs auf dem Höhepunkt, dem WM-Titel von Rom 1990 und dem legendären Beckenbauer-Ausspruch, dass die deutsche Mannschaft auf Jahre hinaus unschlagbar sein würde. Was man damals verkannte: Das Team war in der Nacht von Rom auf ihrem Zenit. Leistungsträger wie Lothar Matthäus, Andreas Brehme oder Rudi Völler waren um die 30 und würden sicher nicht mehr besser werden. Außerdem wird man nicht bestreiten, dass der Gewinn eines WM-Titels einen Spieler irgendwie satt macht. Man mag sich als Spieler etwas anderes vornehmen, doch es ist nur allzu menschlich, dass man beim zweiten Mal nicht mehr den gleichen Biss aufbringt wie beim ersten. Doch wie das im Erfolg nun einmal ist: Man vertraut auf die verdienten Recken…

Das deutsche Dilemma in mehreren Akten

Beim WM-Aus 1994 gegen Bulgarien standen noch neun Weltmeister in der Startelf. Der jüngste Spieler in den USA war bezeichnenderweise der dritte Torwart Oliver Kahn mit damals 25 Jahren. Doch es kam noch schlimmer: Bestärkt durch den EM-Titel 1996 verpasste der DFB zur WM 1998 hin erneut den Umbruch – personell wie taktisch. Personell rächte sich die verschlafene Nachwuchsarbeit, es kam schlicht und einfach wenig nach. Taktisch rächten sich die Erfolge der Vergangenheit. Während alle großen Nationen mittlerweile mit Viererkette und Raumdeckung agierten, hielten die deutschen an der Manndeckung und dem Libero fest, und zwar im Grunde bis inkl. zur Euro 2004.

Heute, wo ein 26-jähriger wie Bastian Schweinsteiger schon als erfahrener Spieler gelten muss, wirken die folgenden Zahlen beinahe surreal. Im deutschen WM-Aufgebot von 1998 standen die folgenden Herren: Lothar Matthäus (37), Andreas Köpke (36), Jürgen Klinsmann (34), Jürgen Kohler (33) und noch acht(!) weitere Spieler jenseits der 30. Rückblickend wünscht man sich fast, dass man damals schon in der Vorrunde rausgeflogen wäre, um den Schnitt schon zwei Jahre früher machen zu können. So aber kam es unter Erich Ribbeck zum besagten Tiefpunkt im Jahr 2000, aus dem man beim DFB und in der Liga allerdings die Konsequenzen zog und die alten Konzepte endlich hinterfragte, und mit Michael Skibbe den richtigen Mann für die Nachwuchskoordination installierte. Die Ergebnisse kann man seit ein paar Jahren sehen, die Zukunft ist verheißungsvoll. (Achtung, Unkenruf: Jetzt sollte man aufpassen, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen).

Solche Lehren aus den Misserfolgen sollten auch die Italiener ziehen… Naja, auf der anderen Seite wäre es allerdings auch lustig, wenn unser alter Angstgegner (kein Sieg gegen Italien bei einer WM oder EM) sich auch weiterhin frühzeitig aus den Turnieren verabschieden und auch auf Vereinsebene weiter zurückfallen würde.

Deutsch-Italienische Wochen im Februar

Wie es um den italienischen Fußball bestellt ist, wird man schon im Februar sehen. Dann trifft Deutschland in der „WM-Revanche“ (was dieses Spiel natürlich nicht leisten kann) in Dortmund auf das neue Team des 2006er Weltmeisters. Außerdem kommt es im Achtelfinale der Champions League zur Neuauflage des Vorjahresfinals zwischen Bayern München und Inter Mailand. Schöne Spiele sollte man da aber nicht erwarten. Denn auch in der Krise können italienische Teams vor allem eines immer noch gut: dem Gegner den Spaß verderben.

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