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Okt
27

Kapitän Seifert verlässt das (sinkende) Schiff

Christian Seifert hat aus der Fußball-Bundesliga eine milliardenschwere Top-Marke gemacht. Sein für 2022 angekündigter Rückzug hinterlässt dennoch einen Beigeschmack. Wer auch immer dem Strippenzieher nachfolgt, kann eigentlich nur verlieren – und das liegt nicht nur an Seiferts immensen Leistungen im Dienste des kommerzialisierten Fußballs.

Manch einer sagt, Christian Seifert könnte auch Kanzler. Obwohl über die politische Orientierung des 51-Jährigen öffentlich nichts bekannt ist, müsste der Tausendsassa aus dem badischen Rastatt wohl erst einmal das Gegenteil beweisen. Schließlich pflastert nichts als Erfolg den steilen Karriereweg von Christian Seifert.

Nach dem Studium (Kommunikationswissenschaft, Marketing und Soziologie) arbeitete er für die MGM Media Gruppe und den Musiksender MTV, stieg dann zum Vorstand von Karstadt-Quelle auf und wechselte 2004 zur Deutschen Fußball Liga. Nur ein Jahr später übernahm Seifert mit gerade 36 Jahren die DFL-Geschäftsführung von Wilfried Straub – und in der 1. und 2. Bundesliga liefen die Gelddruckmaschinen fortan rund um die Uhr.

Seifert sorgt für Umsatzrekorde in Serie 

Unter dem Chefstrategen Seifert verzeichneten die 36 Topklubs des deutschen Fußballs 15 Jahre in Folge Rekordumsätze, aus 1,3 Milliarden Euro anno 2006 wurden 4,02 Milliarden im Februar 2020. Seifert, für den der kommerzielle Weltmarktführer England mit der Premier League das ewige Vorbild ist, schloss 2016 für die 1. und 2. Bundesliga den ersten TV-Vertrag in Deutschland mit jährlichen Erlösen von mehr als einer Milliarde Euro ab (bis zum Ende der laufenden Saison durchschnittlich 1,16 Milliarden).

Beim im Frühjahr abgeschlossenen neuen Kontrakt gab es erstmals leichte Einbußen – doch diese sind allein mit der Corona-Pandemie zu begründen. Dass trotz der höchst widrigen Umstände zwischen 2021 und 2025 durch Sky, DAZN und Co. immer noch im Schnitt 1,1 Milliarden Euro pro Spielzeit an die Klubs fließen werden, ist als maximale Schadensbegrenzung zu bewerten – und als Verdienst des Top-Verkäufers Seifert.

Gesicht der Kommerzialisierung

In Seiferts Ära fällt allerdings auch das zunehmend angespannte Verhältnis zwischen den Profiklubs (bzw. AGs) und ihren Anhängern. Die Euphorie von spektakulärem Fußball in tollen neuen Stadien, welche die Jahre vor und nach der Heim-WM 2006 umwehte, ist mittlerweile verflogen. Immer mehr engagierte Anhänger fühlen sich, als wären sie ein notwendiges Übel für ihre Herzensvereine: Bitte gern zahlen und möglichst viele Devotionalien kaufen, aber bloß keinen Ärger machen und die Vorstände nicht stören.

Seifert kann letztlich wenig für diese fast schon typischen Begleiterscheinungen eines Erfolgsprojekts, aber der eloquente Badener ist nun mal eines der Gesichter des Kommerzialisierung in der Liga.

Krisenmanager geht in der Krise

Dabei steht Seifert gerade im Zenit. „Seine“ Bundesliga nahm als erster Top-Sportwettbewerb nach dem Corona-Lockdown im Frühjahr den Spielbetrieb wieder auf. Ohne Zuschauer in den Stadien zwar, doch allein die üppigen TV-Gelder retteten zumindest fürs Erste die Klubs der 1. und 2. Bundesliga. Das Hygienekonzept des deutschen Fußballs wurde zur Blaupause für Sportligen rund um den Globus.

Auch bezüglich der schrittweisen Öffnung für Zuschauer ab dem Spätsommer war der deutsche Fußball Vorreiter – bis die befürchtete zweite Welle der Pandemie zuschlug und alles wieder infrage stand. Die Konzepte in der Freiluftsportart Fußball mögen auch in Zeiten fünfstelliger Neuinfektionen pro Tag in Deutschland tragfähig sein, ihre Umsetzung würde aber gerade in der Politik und auch in weiten Teilen der Gesellschaft als „falsches Signal“ verstanden werden.

Seifert kann sich seinen neuen Job aussuchen

Deswegen schlittert der Profifußball – viel mehr aber noch die vielen kleineren Sportarten – in eine vermutlich noch existenziellere Krise als im Frühjahr. Dass Seifert ausgerechnet jetzt seinen Abschied ankündigt, wirkt unglücklich. Er verweist darauf, die Entscheidung bereits zwischen Weihnachtsgans und Silvesterfeuerwerk gefällt zu haben. Dies mag der Wahrheit entsprechen, doch letztlich verlässt der Kapitän ein vom Kentern bedrohtes Schiff.

Seifert hat zwar noch einem Vertrag bis 2022, doch wird er diesen tatsächlich erfüllen? An Angeboten aus der Wirtschaft wird es kaum mangeln, jedes Unternehmen leckt sich die Finger nach einem öffentlichkeitswirksamen und bestens vernetzten Strippenzieher, der für Erfolg, Erfolg und nochmals Erfolg steht. Will er da wirklich gut zwei Jahre lang die „lame duck“ spielen?

Braucht Seifert mehrere Nachfolger?

Er muss es wohl, immerhin wird die Suche nach seinem Nachfolger eine Mammutaufgabe. Vielleicht ist es sogar mit einer Person nicht getan. Das Anforderungsprofil hat es jedenfalls in sich: Gesucht wird ein Finanzprofi mit Verhandlungsgeschick, Weitsicht, Eloquenz und der Fähigkeit, es sowohl Bayern München als auch Erzgebirge Aue sowie den TV-Stationen und im Idealfall auch noch den Millionen Fußballfans recht zu machen.

Die werden allerdings immer weniger, oder sie verfolgen das Geschehen auf den Plätzen eben nicht mehr 90 Minuten, als wäre es das Einzige auf der Welt. Auf die Veränderung des Konsumverhaltens hat auch Seifert in den letzten Jahren des Öfteren hingewiesen. Der Fußball wird kämpfen müssen, um seinen immensen Stellenwert in der Gesellschaft auch in 10, 20 oder 30 Jahren noch innezuhaben. Mitunter scheint bei der jungen Generation die Identifikation mit dem Spiel an der Konsole und über die Instagram-Storys der Superstars größer zu sein als am Fernseher oder im Stadion – vorausgesetzt, man darf hinein.

Wer kann Seifert?

Die künftige DFL-Spitze jedenfalls wird mit einer akuten Krise und einem sich andeutenden Bedeutungsverlust kämpfen müssen. Seifert hat Meilensteine gesetzt, die womöglich nicht erneut zu erreichen sind.

Wer aber kommt für die Nachfolge infrage? Karl-Heinz Rummenigge hätte gewiss das Rüstzeug, aber der dann 67-Jährige dürfte nach über 30 Jahren in Vorstandsdiensten beim FC Bayern anderes im Sinne haben – zumal der Ex-Nationalspieler polarisiert wie kaum ein zweiter Funktionär.

Borussia Mönchengladbachs Manager Max Eberl hat sich hingegen den Ruf erarbeitet, über den Tellerrand hinauszublicken und den Profifußball kritisch zu hinterfragen. Stichworte: Schulden, Abhängigkeit von TV-Geldern, ausufernde Ablösesummen und Gehälter. Der 47-Jährige wäre ein konstruktiver Mahner.

Auch der Name Michael Ilgner fiel schon. Der 53-Jährige war lange Vorsitzender der Stiftung Deutsche Sporthilfe, seit März bekleidet er allerdings den lukrativen Posten des Personalchefs bei der Deutschen Bank.

Der frühere Europameister Fredi Bobic hat sich als Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt einen Namen gemacht. Der 48-Jährige ist sogar Tennispartner von Seifert, doch sein Wechsel vom Riederwald in die DFL-Zentrale in der Frankfurter Innenstadt erscheint nur vorstellbar, wenn der Ligaverband eine neue Struktur mit mehreren Geschäftsführern erhält. Alexander Wehrle (45), seit 2013 Finanz-Geschäftsführer des 1. FC Köln und Mitglied im DFL-Präsidium, könnte in einem solchen Modell die wirtschaftliche Hauptverantwortung übernehmen.

Eine interne Lösung wäre Christian Pfennig (46). Der frühere Journalist ist seit Jahren als Direktor für Marketing und Kommunikation ein enger Vertrauter Seiferts in der DFL-Geschäftsleitung.

Immer wieder werden auch Rufe laut, dass eine Frau in der Männerdomäne Fußball in die Verantwortung sollte. Der Deutsche Fußball-Bund hat bei der Nachbesetzung des Präsidentenstuhls nach dem Aus von Reinhard Grindel diese Chance verpasst, vielleicht wagt die stets etwas progressivere und agilere DFL ja diesen Schritt.

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