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Apr
30

Kein Pep(p) mehr – doch Barcelona bleibt Barcelona

Erfolgstrainer Pep Guardiola wird seinen Vertrag beim FC Barcelona nicht verlängern und zum Saisonende aus seinem Amt scheiden. Der erfolgreichste Vereinstrainer der letzten Jahre hat Barcelonas Stil mitgeprägt. Doch dass das Team sich völlig neu aufstellen wird, scheint ausgeschlossen.

Beim Blick auf die nackten Ergebnisse muss man von einer enttäuschenden Saison des FC Barcelona sprechen. Eine Mannschaft, die in vorangegangenen drei Spielzeiten 13 Titel gewonnen hat und am Ende dieser Saison bestenfalls die Copa del Rey, den spanischen Pokal, in Händen halten wird, MUSS schließlich enttäuscht haben, oder? Weit gefehlt! Auch wenn in letzter Zeit erstmals kleinere Differenzen zwischen Trainer Pep Guardiola und einigen seiner Spieler (Pique, Xavi) publik geworden sind, spielte die Mannschaft immer noch den ästhetischsten Fußball auf diesem Planeten. Und erfolgreich war Barca auch noch: 104 Tore in der Primera Division, 35 Treffer in der Champions League, wettbewerbsübergreifend nur vier Saison-Niederlagen. Doch zwei dieser Niederlagen waren entscheidend und beeinflussen den Ausgang des kompletten Spieljahres.

Barcelona nach Guardiola

Dass Trainer Pep Guardiola Ende Mai letztmals auf der Barca-Bank sitzen wird, war allein die Entscheidung des 41-jährigen Übungsleiters. Präsident Sandro Rosell bekniete den Trainer, zu bleiben. Auch einige seiner Spieler, allen voran Lionel Messi, machten nie einen Hehl aus ihrer Verehrung für den „Philosophen“. Guardiola, der vermutlich zwischen zehn Top-Adressen wählen könnte, zieht aber einen Schlussstrich und ein Sabbatjahr vor.

Was wird nun aus Barcelona? Fakt ist, dass der Verein auch vor Guardiola erfolgreich war, u.a. 2006 bereits die Champions League gewonnen. Doch erst unter dem einstigen Barca-Spielgestalter, der bis 2008 die Zweite Mannschaft der Katalanen betreut hatte, wurde aus einer sehr guten eine nahezu perfekte Mannschaft.

Dass Guardiolas bisheriger Co-Trainer und langjähriger Weggefährte Tito Vilanova (42) den Job übernehmen wird, passt irgendwie ins Bild. Immerhin haben beide die Barca-Philosophie gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen und gemeinsam an der aktuellen Mannschaft gewerkelt. Ein Umbruch scheint somit ausgeschlossen. Doch der wäre auch das Verkehrteste, was Barcelona machen könnte. Immerhin erntet man heute die Früchte einer Saat, die vor über 30 Jahren in den Boden gegeben wurde. Doch der Reihe nach.

Vom Voetbal Total zum Tiqui Taca

Obwohl der FC Barcelona bereits kurz nach seiner Gründung im Jahr 1899 große Erfolge feiern konnte, markieren die 1970er Jahre einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte des katalanischen Traditionsvereins. Überspitzt ausgedrückt, ist der FC Barcelona die erfolgreichste niederländische Vereinsmannschaft. Schließlich wäre die Dominanz der letzten Jahre nicht ohne den Einfluss des Star-Trainers Rinus Michels und des Star-Spielers Johan Cruyff denkbar, die von Ajax Amsterdam kamen und den FC Barcelona ab 1971 sportlich wiederbelebten.

Auf Cruyffs Drängen hin wurde ferner 1979 La Masia, die vereinseigene Fußballakademie gegründet. Eindeutiges Vorbild war auch hier die Schule von Ajax Amsterdam. Weiteres niederländisches Erbe: Das bis heute fast stringent beibehaltene 4-3-3-System (bzw. 3-4-3-System) als Grundausrichtung sowie der „totale Fußball“, also vereinfacht ausgedrückt, die ständige Bewegung aller Spieler und das Besetzen aller Lücken. Alle greifen gemeinsam an und verteidigen gemeinsam. Was sich heute nach einer Selbstverständlichkeit anhört, war in den 1970ern, als etwa deutsche Nationalspieler wie Schwarzenbeck oder Wimmer sich nur selten in des Gegners Hälfte „verirrten“ und den Ball schnellstmöglich an die Offensivspieler weiterreichten, eine Revolution. Voetbal Total forderte den kompletten Spieler in einer kompletten Mannschaft. Der Linksverteidiger musste auch die Aufgaben des Linksaußen erfüllen können, und umgekehrt.

Die erste „Ernte“ von La Masia

La Masia brachte Anfang der 1990er Jahre die ersten „selbstgemeißelten“ Spieler heraus. Einer von ihnen war Josep „Pep“ Guardiola, ein schmächtiger Mittelfeldakteur, der mit seiner Bescheidenheit, seiner Technik, seiner Handlungsschnelligkeit und seiner Übersicht alles verkörperte, was Barcelona sein wollte. Sein Trainer war – welch „Zufall“ – Johan Cruyff, der schon zu Spielerzeiten von den Fans als „Erlöser“ (El Salvador) gefeiert wurde und 1992 mit erstmals in der Vereinsgeschichte den Europapokal der Landesmeister gewann. Unter Cruyff (1988-1996) zeigte Barcelona bereits Ansätze des heute so berühmten Kurzpassspiels Tiqui Taca, auch die Ballbesitzraten waren für die damalige Zeite bereits gewaltig, 60 Prozent und mehr waren der Standard.

Auf einen sportlichen „Hänger“ und die Ära der Niederländer – in der Saison 1998/99 etwa spielten unter Trainer Louis van Gaal 8(!) Akteure aus dem Land des dreimaligen Vize-Weltmeisters bei Barca – folgte eine Phase der Konsolidierung. Die nächste Generation von La Masia drängte Anfang des neuen Jahrtausends in die Startelf, allen voran Xavi, Iniesta und Puyol. 2006 gelang der Triumph in der Champions League. Einziger „Makel“: Neben den Eigengewächsen spielten auch viele teure internationale Stars in der Mannschaft, wie Ronaldinho, Eto’o, Giuly oder Deco.

Nahe an der Perfektion

Erst nach diesem Triumph vollzog sich die bislang letzte Stufe der Evolution zur heutigen Mannschaft, in der mit Valdes, Pique, Puyol, Busquets, Xavi, Iniesta, Fabregas und Messi in aller Regel mindestens acht Spieler stehen, die La Masia durchlaufen haben. Eben weil dies der Fall war, weiß jeder, was er auf dem Platz zu tun hat – auch ein Fabregas, der zwischenzeitlich sieben Jahre bei Arsenal London spielte.

Was macht den Barca-Stil aus?

Hier bitte ich vorab schon um Verzeihung. Es wäre anmaßend von mir zu glauben, den FC Barcelona komplett verstanden zu haben. Ich kann hier nur meine Beobachtungen einfließen lassen:

  • Ballbesitzorientiertes Kurzpasspiel auf der Basis maximaler Laufbereitschaft, großer Wendigkeit und technischer Perfektion
  • Bilden von Dreiecken in der Offensive, um immer mindestens zwei Anspielstationen zu haben
  • Jeder Spieler ist ständig in Bewegung, um sich anzubieten bzw. um Räume für die Mitspieler zu schaffen
  • Sofortiges Gegenpressing bei Ballverlust, Balleroberung möglichst hoch in der gegnerischen Hälfte
  • Bei Aufbau aus der eigenen Hälfte wird der Ball mit vielen, schnellen Kurzpässen nach vorne tragen (Tiqui Taca). In dieser Zeit rücken alle Mannschaftsteile kompakt nach vorne
  • Das Spielfeld wird möglichst breit gemacht, die Außenverteidiger werden quasi zu Außenstürmern. Der Rest orientiert sich eher in die Mitte und wirft ein engmaschiges Netz über den Platz. Dadurch entsteht im Spiel gegen den Ball ein Deckungsschatten, der den Gegner zu risikoreichen Pässen oder zum Ausweichen auf die Flügel zwingt

Die Mannschaft wird ihren Stil auch unter Tito Vilanova nicht willentlich verändern, zumal das System steht und immer neue Talente aus La Masia nachkommen. Die Zeiten, als man noch auf die Geniestreiche eines Ronaldinho angewiesen war, der das Spiel des Öfteren auch unnötig langsam machte, sind jedenfalls vorbei. Der Club steht über allem, auch über den größten Spielern der Welt, wie einst Maradona, Schuster, Romario, Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho oder aktuell Messi.

Über die Taktik und die Philosophie des FC Barcelona könnte man ganze Romane schreiben. Und weil es so viele gute Beiträge gibt, reiche ich an dieser Stelle den Stab weiter. Auf www.trainingsworld.com bin ich auf einen interessanten Beitrag gestoßen, der die Taktik Barcas von einer mir noch unbekannten Seite beleuchtet.

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