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Feb
17

Kein Platz frei? – Bastian Schweinsteiger am Scheideweg

Nach seiner Sprunggelenksverletzung mit anschließender Sehnenreizung ist Bastian Schweinsteiger wieder auf das Fußballfeld zurückgekehrt. Sein Problem: Anders als in der Vorsaison scheint er für Bayern München nicht mehr unverzichtbar zu sein. Überhaupt tut man sich schwer, im System Guardiola einen Platz für den Fußballer des Jahres zu finden.

Mehr als drei Monate musste Bastian Schweinsteiger dem Treiben beim FC Bayern von außen zusehen, ehe er am vergangenen Mittwoch beim lockeren 5:0-Sieg im DFB-Pokal-Viertelfinale beim Hamburger SV sein 26-minütiges Comeback als Joker feiern durfte.

Vor einem Jahr noch war der 29-Jährige der Inbegriff des gesetzten Spielers bei den Roten. Im 4-2-3-1-System von Jupp Heynckes gab es kein Vorbeikommen an „Schweini“ als offensiverem der beiden Sechser. Seitdem hat sich beim FC Bayern aber einiges verändert, und zwar zu Ungunsten des Mittelfeldstars.

Wo ist Schweinsteigers Platz unter Pep?

Seit Pep Guardiola beim FC Bayern das Zepter schwingt, ist das 4-1-4-1-System sakrosankt. Schweinsteigers Position wurde damit quasi abgeschafft. Oder besser gesagt: Was er und sein Vorjahres-Nebenmann Javi Martinez in Form von Job-Sharing erledigt haben, muss heute ein Mann allein vor der Abwehr regeln. Er muss abräumen und defensiv organisieren können wie Martinez und zugleich ankurbeln und die Bälle verteilen können wie Schweinsteiger.

Interessanterweise hat sich Guardiola bei der Besetzung dieser Rolle weder für den Spanier noch für den Deutschen entschieden, sondern bislang in fast jedem Spiel Philipp Lahm als „externem Kandidaten“ das Vertrauen ausgesprochen. Auch wenn Guardiola im Spätherbst des Öfteren beteuert hatte, Lahm voraussichtlich wieder auf die angestammte Rechtsverteidiger-Position zu verschieben, sobald Schweinsteiger zurückkehrt, erscheint dies im Moment schwer vorstellbar – zumal Schweinsteiger in der laufenden Saison die erste „1“ im 4-1-4-1 bei seinen 22 Pflichtspieleinsätzen lediglich sechsmal bekleiden durfte. Meist musste er auf einer der ungewohnten offensiven Halbpositionen ran, wo seine Stärken nicht so zur Geltung kamen.

Schweinsteigers Problem heißt Lahm

In der Tat scheint Philipp Lahm von seinen körperlichen Fähigkeiten, von seiner Spielanlage und von seinem taktischen Verständnis her für das 4-1-4-1 die Idealbesetzung im zentralen defensiven Mittelfeld zu sein. Genauso wenig lässt sich bestreiten, dass das Duo Martinez/Schweinsteiger im 4-2-3-1 die Ideallösung der Doppelsechs war. Martinez kompensierte die Schwächen seines Nebenmanns Schweinsteiger (Rückwärtsbewegung, Schnelligkeit) und verschaffte ihm so Raum für seine Stärken.

Guardiola ist diese Lösung aber nicht gut genug. Der Katalane hat keine Lust, einen zweiten Spieler im defensiven Mittelfeld zu „vergeuden“. Er will stattdessen fünf klare Offensivkräfte aufbieten, um seine Vorstellung von weit vorgeschobenem Ballbesitz-Fußball umsetzen zu können. Also muss ein Spieler den defensiven Part alleine abdecken.

Schweinsteiger kann das nicht gut genug zum Gefallen des Trainers. Ebenso wenig wie der defensiv zuweilen sorglose Thiago, der behäbige Toni Kroos und der technisch zu unfertige Martinez. Somit muss sich Schweinsteiger als der zentrale Mann des Vorjahres in dieser Spielzeit weiter nach vorne orientieren.

Schweinsteigers Problem heißt auch Thiago und Götze

Auch wenn er einst auf dem Flügel begann, ist Schweinsteiger aus mehreren Gründen dort keine Alternative mehr: Zum einen hat er mit seinen 29 Jahren nicht mehr die Dynamik vergangener Tage. Vor allem aber befinden sich für die offensiven Außenpositionen Top-Spieler im Bayern-Kader wie Franck Ribery, Arjen Robben, Mario Götze, Thomas Müller oder Xherdan Shaqiri, die allesamt besser sind als Schweinsteiger in seiner „Flügel-Ära“ von 2003 bis 2009 je war.

Bleiben die beiden offensiven Halbpositionen als realistische Einsatzmöglichkeiten für Bayerns Nummer 31. Dort haben sich Thiago, Toni Kroos und der auch als Spitze einsetzbare Mario Götze zuletzt mit Weltklasseleistungen deutlich positioniert. Besonders schwer fällt es zu glauben, dass Guardiola seine ausdrücklichen Wunsch-Neuzugänge Götze („Ein unglaublicher Spieler“) und Thiago („Thiago oder nix“) in ihrer aktuellen Form in wichtigen Spielen ins zweite Glied verbannen wird.

Schweinsteiger wird sich wohl einstweilen hinten anstellen müssen. Ihm droht das Schicksal eines klassischen Bayern-Edelreservisten: Wenn die Schlagzahl in der Champions League zunimmt, werden die Stars in der Liga geschont und die Spieler Nummer 12 bis 16 dürfen auch mal von Beginn an ran. Dass Schweinsteiger dann zu letzterer Gruppe gehört, scheint nicht ausgeschlossen.

Was bedeutet Schweinsteigers Situation für die WM?

Was man weiterhin bedenken sollte: In weniger als vier Monaten ist die Weltmeisterschaft in Brasilien bereits in vollem Gange. Dass Bastian Schweinsteiger in den Planungen von Bundestrainer Joachim Löw eine essenzielle Rolle spielt, muss nicht eigens erwähnt werden. Wenn Schweinsteiger aber bei Bayern bis dahin nicht seine Spiele machen kann, wie soll er Deutschland dann zum Titel führen können?

Bereits in der EM-Saison 2011/12 war der gebürtige Kolbermoorer von Verletzungen gebeutelt, verpasste in Liga, DFB-Pokal und Champions League insgesamt 17 Spiele. In Polen und der Ukraine war er nicht fit und nach dem verlorenen Champions-League-Finale dahoam nur ein Schatten seiner selbst. Normalerweise stünde Löw mit Ilkay Gündogan ein nahezu gleichwertiger Ersatz zur Verfügung, doch der Dortmunder hat aufgrund seiner Wirbelsäulenprobleme sogar seit Mitte August kein Spiel mehr bestritten. Dazu kommt noch der Kreuzbandriss von Abräumer Sami Khedira, der als bester deutscher defensiv orientierter Sechser ebenfalls extrem wichtig ist.

4-1-4-1 auch bei der WM?

Gerne würde man einen Blick in den Kopf des Bundestrainers werfen. Denn während von gesundem (geschweige denn formstarkem) Personal für das zentrale defensive Mittelfeld keine Rede sein kann, gibt es im offensiven Mittelfeld mit Marco Reus, Mesut Özil, Mario Götze, Thomas Müller, Toni Kroos, Lukas Podolski, Julian Draxler, André Schürrle oder Sidney Sam Alternativen en masse. Öffentlich diskutierte Geheimkandidaten wie Timo Werner oder Serge Gnabry hätte man auch noch in der Hinterhand.

Es schreit fast danach, dass Löw dem von ihm geschätzten Guardiola eine Referenz erweisen, ebenfalls auf 4-1-4-1 umstellen und Philipp Lahm vor der Abwehr aufbieten wird – weil das Personal im Moment nichts anderes hergibt. Auch wenn immer noch Hoffnung besteht, sollte man bei Khedira (Kreuzbandriss im November, Rückkehr in den Spielbetrieb nicht vor April) und Gündogan (bereits seit sechs Monaten ohne Einsatz, Comeback immer wieder verschoben) nicht allzu viel Hoffnung haben, dass sie das Team am Zuckerhut massiv verstärken werden.

Und selbst wenn Schweinsteiger bis zum Juni seine Form wiederfinden sollte, bräuchte er im 4-2-3-1 immer noch einen formstarken defensiv- und laufstarken Nebenmann. Wenn Löw genauso denkt wie Guardiola, wird er Lahm als alleiniger Nummer sechs im 4-1-4-1 vertrauen. Schweinsteiger befände sich dann wieder mitten im Konkurrenzkampf um die Plätze im ungeliebten und ungewohnten offensiven Mittelfeld. Und da ist die Luft sogar noch etwas dünner als beim FC Bayern…

2 Kommentare

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  1. Nils sagt:

    Treffende Analyse, Kollege Heibel. Einzig, ob Martinez für die Schnelligkeit in der Zentrale zuständig ist, sei mal dahingestellt.

    1. Heibel sagt:

      Vielen Dank für die Blumen. Die Schnelligkeit haben in der Tat weder der Sportskamerad Martinez noch die Herren Schweinsteiger oder Kroos erfunden. Aber deswegen spielen die ja auch im Zentrum und nicht auf dem Flügel oder im Angriff ;-)

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