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Jul
20

Keine Lobby? – Warum deutsche Fußballer so schlecht wegkommen

Steffen, der Gewinner des Aktives Abseits-Quiz im Juli, hat sich einen Artikel zu einem Thema gewünscht, das mir selbst schon länger unter den Nägeln brennt: Immer wieder fällt auf, dass deutsche Spieler im Ausland kein sonderlich gutes Standing haben. Sehen wir „unsere Jungs“ etwa zu sehr durch die schwarz-rot-goldene Brille?

Es bedurfte schon der Schelmerei eines walisischen Journalisten, um der Fußballwelt ihre Willkür bei Ehrungen vor Augen zu führen: Auf der 32 Namen umfassenden Liste der Nominierten für den „UEFA Best Player in Europe 2012“ taucht neben vielen prominenten Namen ein gewisser Leslie Davies aus Wales auf. 53 ausgewählte Journalisten – je einer aus jedem Mitgliedsland der UEFA – durfte fünf Spieler vorschlagen. Der Vertreter aus Wales nannte seinen Landsmann vom hiesigen Erstligisten Bangor City, dessen größter internationaler Erfolg das Erreichen der zweiten Runde im Europapokal der Pokalsieger 1985/86 war. Damals war Leslie Davies, der im Übrigen nicht eine Sekunde für die walisische Nationalmannschaft gespielt hat, gerade einmal neun Monate alt.

Koan Neuer, dafür Joe Hart

Davies Nominierung war ein netter Gag, der seinen Platz in der ohnehin schon randvollen Truhe der kuriosen Fußball-Randgeschichten finden wird. Doch wenn man sich die Liste der Nominierten genauer anschaut, fällt auf, dass mit Mesut Özil lediglich ein deutscher Spieler in der Top 32 zu finden ist.

Der „UEFA Best Player in Europe Award“ ist so etwas wie ein Ersatz für den Titel „Europas Fußballer des Jahres“ bzw. „UEFA Ballon d‘Or“, den die UEFA bis inklusive 2009 vergeben hat und der in Konkurrenz zur FIFA-Auszeichnung „Weltfußballer des Jahres“ stand. Diese Konkurrenz gibt es nicht mehr, beide Auszeichnungen sind 2010 in jeglicher Hinsicht zum „FIFA Ballon d’Or“ verschmolzen. Das aber nur am Rande.

Hauptkriterium beim „UEFA Best Player in Europe Award“ ist die im Verein gezeigte Leistung in der abgelaufenen Saison. Und unter diesem Gesichtspunkt ist schon bemerkenswert, dass es weder Manuel Neuer, noch Mario Gomez, noch Sami Khedira in den erlauchten Kreis der Nominierten geschafft hat. Gomez war immerhin der zweitbeste Torschütze der Bundesliga und der Champions League, Neuer brillierte vor allem in der „Königsklasse“, und Khedira ist bei Real Madrid eine Säule.

Nominiert sind – neben den üblichen Verdächtigen wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Xavi und Iniesta – u.a. die aus der Bundesliga bekannten Raùl und Jakub Blaszczykowski sowie aus dem Ausland der englische Nationalkeeper Joe Hart oder der Portugiese Fabio Coentrao, der beim Khedira-Club Real Madrid in der vergangenen Saison nur auf 20 Einsätze in der Primera Division kam.

Keine internationale Wertschätzung?

Natürlich ist meine Sichtweise äußert subjektiv, und womöglich ist Joe Hart ein überragender Keeper, aber mir bleibt nur der Schluss, dass deutsche Spieler trotz der über Jahre konstant guten Leistungen deutscher Nationalmannschaften international nach wie vor ein Imageproblem haben. Bei Raùl kann man sicherlich anführen, dass er im Ausland einen exzellenten Ruf genießt und viele Bewunderer hat. Doch genauso muss man attestieren, dass Mario Gomez nicht nur in Deutschland, sondern auch international trotz überragender Torquoten und oftmals großem Einsatz – nicht alles auf die Frisur und Mehmet-Scholl-Aussagen reduzieren, bitte – kaum wertgeschätzt wird.

Ist es, weil Deutschland keine Exzentriker mehr produziert? Mario Balotelli ist allein schon aufgrund seiner Allüren und seines blondierten Mittelstreifens auf dem Haupt ein auffälliger Typ. Noch dazu ist er sicherlich gewandter mit dem Ball am Fuß als Mario Gomez. Doch früher standen bei solchen Wahlen auch regelmäßig Leute wie der Italiener Christian Vieri oder der Argentinier Hernan Crespo auf der Liste. Und die waren ebenfalls eher Spieler vom Typ „Torjäger“ denn von der Gattung „Filigrantechniker“.

Ist es, weil Deutschland als Team zu gut funktioniert, als dass man einzelne herausgreifen könnte? Das nun sicher nicht. Ansonsten dürfte man auch keinen Spanier nominieren. De facto stehen aber neun aktuelle und ehemalige spanische Nationalspieler auf der Nominierungsliste.

Auch an der „Schwäche“ der Bundesliga kann es kaum liegen, sind doch mit Shinji Kagawa (zu Recht) und den schon genannten Raùl und Kuba drei Spieler nominiert, die in der vergangenen Saison bei Bundesligavereinen unter Vertrag standen und mit ihren Clubs in internationalen Wettbewerben nur bedingt für Furore sorgen konnten.

Schreibt und redet die Jungs stark

Manchmal hat man das Gefühl, dass Image alles ist. „Wir Deutschen“ neigen dazu, unsere eigenen Spieler kritischer zu sehen als das kickende Personal aus dem Ausland. Man schaue sich nur die Mannschaft an, die bei der EM zum Stamm gehörte. Dort bekamen vor allem Mario Gomez, Lukas Podolski und Thomas Müller ihr Fett weg. Mesut Özil, der wie jeder andere im deutschen Team Licht und Schatten hatte, wurde dagegen vor allem international stets als einer der stärksten Deutschen gesehen. Warum? Weil er bei Real Madrid spielt, von spanischen Medien über den grünen Klee gelobt wird und mittlerweile einfach den Ruf hat, ein brillanter Kicker zu sein.

Mario Gomez wird international nie eine solche Reputation erhalten. Wie soll er auch, wenn er schon im eigenen Land regelmäßig in Grund und Boden geschrieben wird?! Ich bin wahrlich niemand, der alles unreflektiert toll findet. Aber manchmal täte uns die Einstellung der Engländer gut. Für die war „ihr“ Wayne Rooney auch dann noch Weltklasse, als er zwischen September 2009 und September 2010 in über 1.000 Länderspielminuten ohne Tor blieb. P.S.: Eine derart lange Durststrecke hatte Mario Gomez im DFB-Dress nie…

1 Kommentar

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  1. Christian sagt:

    In Frankreich gab es vor der EM einen regelrechten Hype um das deutsche Team, die Ausbildung (nach französischem Modell s’il vous plaît!) der Talente und die Spielweise, den man seit den Tagen von Micoud, Sagnol & Liza nicht mehr gesehen hatte.

    All das ist nun implodiert, nachdem man so dämlich im Halbfinale rausgeflogen ist. Die deutschen Spieler gelten als nette Jungs mit viel Talent, die die entscheidenden Spiele verlieren. Immer im Halbfinale oder Finale, nie ganz oben. Das ist das neue Fussball-Deutschland. Am Ende interessieren nur die Gewinner. Was einerseits der Sympathie hilft, kann man direkt bei Respekt und Lobby abziehen.

    Schuld ist aber auch die amateurhafte Auslandsvermarktung der Bundesliga durch die DFL.

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