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Feb
21

Klarer Fall von „überbewertet“ – Teil 2: FSV Mainz 05

In der Fußball-Bundesliga gibt es den einen oder anderen Spieler, Trainer oder Verein, der – aus welchem Grund auch immer – in der öffentlichen Wahrnehmung für meinen Geschmack viel zu gut wegkommt. So zum Beispiel die Schnellstarter von Mainz 05.

21 Punkte und 7 Spielen, dann 16 aus 16

Auch nach dem 23. Spieltag der laufenden Saison belegt der FSV Mainz 05 noch einen Europapokalplatz. Respekt. Doch die Betonung liegt auf „noch“. Die 05er zehren nach wie vor von ihren 7 Siegen (und 21 Punkten) zum Saisonstart. Aus den 16 Partien danach hat der FSV nur noch 16 Punkte geholt. Weniger haben im gleichen Zeitraum nur Wolfsburg und Mönchengladbach zu Stande gebracht. Nicht einmal die Krisenteams aus Stuttgart, Bremen oder Kaiserslautern haben seit Oktober 2010 eine schlechtere Bilanz. Anders ausgedrückt: Nimmt man die nackten Zahlen, spielt der FSV gerade die Halbserie eines Abstiegskandidaten.

Was ist an Mainz anders als an Hannover, Freiburg oder Nürnberg?

Im Gegensatz zu den anderen Überraschungsmannschaften der Saison aus Hannover (41 Punkte), Freiburg (37) oder Nürnberg (35), genießen die Mainzer (37) eine gewaltige Medienpräsenz mit einer äußerst positiven Resonanz. Bei der allgemeinen Beweihräucherung der Herren Tuchel, Schürrle oder Holtby geht sogar unter, dass der FSV von seinen letzten 16 Spielen 10(!) verloren hat. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wenn ich Thomas Tuchel wäre, würde ich auch niemandem auf die Nase binden, dass der Trend nicht gerade mein Freund ist. Schließlich hat der Mann ja auch einen (guten) Ruf zu verlieren. Doch man kann sich fragen, warum ausgerechnet der FSV immer noch so gut weg kommt…

Liegt es am guten Fußball?

In der Tat spielen die Mainzer nach wie vor einen Fußball, den man sich auch als neutraler Beobachter gut anschauen kann. Doch das galt auch schon zu Klopps Zeiten, selbst im Abstiegsjahr 2007. Und auch die Hannoveraner, Freiburger oder Nürnberger sind nicht nur mit Treten und Verteidigen in den Dunstkreis der Europacupanwärter gelangt.

Liegt es an der jungen Mannschaft?

Es ist nicht neu, dass junge, mit Talenten gespickte Mannschaften einen Imagevorteil haben. Mainz kann hier mit André Schürrle, Lewis Holtby oder Marcel Risse aufwarten. Doch in dieser Hinsicht können z.B. auch die Nürnberger mithalten. Die werden trotz Schieber, Gündogan, Ekici, Cohen, Hegeler oder Wollscheid aber längst nicht so positiv wahrgenommen.

Der etwas andere Verein

Was der FC St. Pauli in den Achtzigern und der SC Freiburg in den Neunzigern war, ist der FSV Mainz 05 in den 00er Jahren: ein kleiner Verein, der trotz geringer Mittel auf einmal da war und überhaupt irgendwie anders war. Fertig ist der „Kult“-Verein, gegen den niemand etwas hat. Doch wie bei St. Pauli und dem SC Freiburg war es auch beim FSV mit dem Kult irgendwann vorbei – auch wenn vor allem die Hamburger immer noch bemüht sind, um jeden Preis anders zu sein (Stichwort: PR-Agentur mit angeschlossener Fußballabteilung). Vom Toaster mit dem Totenkopf über die Stripperinnen in der VIP-Loge bis hin zu den Blumenkästen auf der Tribüne wird man hier nie müde, sich etwas Neues, aber nicht immer Authentisches auszudenken.

So extrem ist es beim FSV nicht. Doch auch der FSV von heute ist nicht mehr mit dem von 2004 zu vergleichen. So wie Freiburg vom frühen Volker Finke und der Intellektuellen-Truppe um Jens Todt oder Andreas Zeyer lebte, machte den „kultigen“ FSV vor allem der Trainer Jürgen Klopp aus. Der ist seit fast drei Jahren weg, doch der Hype hält an. Daran nicht ganz unschuldig ist vor allem das in Mainz ansässige ZDF, das seit Jahr und Tag seinen „Haus und Hof“-Verein ins rechte Licht rückt. Sportstudio, Sportreportage, Live-Übertragungen – der FSV ist deutlich häufiger dabei als vergleichbare Vereine, wie Hannover oder Nürnberg. Die müssten vermutlich schon Deutscher Meister werden, um ähnlich präsent zu sein.

Hilfreich ist zudem, dass auf dem Mainzer Trainerstuhl mit Thomas Tuchel ein Mann sitzt, der von jedem als „neuer Klopp“ tituliert wird. Immerhin gibt es da ja ein, zwei Parallelen. Dass ein solches Image nicht gerade abträglich ist, versteht sich von selbst. Und Tuchel gibt natürlich auch für die Medien mehr her, als der als Arbeiter geltende Dieter Hecking in Nürnberg oder der sachlich-nüchterne Robin Dutt in Freiburg.

Hoffe lässt grüßen

Der FSV zehrt immer noch vom Hype des Saisonauftakts. Ähnlich war das in Hoffenheim vor zwei Jahren. Auch über die Kraichgauer wurde noch positiv berichtet, als man längst im Mittelfeld der Tabelle angelangt war. Doch irgendwann kehrte sich das Ganze ins Gegenteil. Mittlerweile interessiert sich kaum jemand mehr für den Dorfverein.

Im Gegensatz zu Hoffenheim hat Mainz allerdings nicht die großen finanziellen Möglichkeiten. Einige Leistungsträger werden im Sommer gehen. Und Konzept hin oder her – wenn der FSV nicht noch die Kurve kriegt und bis Saisonende noch ein paar Siege einfährt (vom Europacup möchte ich gar nicht sprechen), droht im schlimmsten Fall ein ähnliches Szenario wie beim Karlsruher SC.

Wenn der Hype zum Boomerang wird

Der KSC legte in der Saison 2007/08 als Aufsteiger mit einem No Name-Kader los wie die Feuerwehr und wurde ähnlich gehypt gerade wie die Mainzer. Spieler wie Markus Miller, Mario Eggimann, Tamas Hajnal oder Maik Franz waren auf einmal Stars. Auch der Trainer Edmund Becker wurde als Shooting Star der Szene geadelt.

Die Badener rangierten damals lange in der Spitzengruppe, waren nach dem 22. Spieltag noch Fünfter. Danach ging nichts mehr. Am Ende wurde man zwar immer noch locker Elfter, ging aber mit der Hypothek einer miesen Rückrunde und einem personell ausgedünnten Kader – auch das droht den Mainzern – in die neue Saison. 2008/09 stand der KSC von Anfang an unten drin und stieg letzten Endes klar ab. Mittlerweile kämpft man sogar eine Klasse tiefer gegen den Abstieg. Aber das ist nur der Worst Case, liebe Mainzer! Außerdem wäre „Abstieg“ auch nur ein anderes Wort für „Herausforderung“.

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