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Nov
15

Länderspielklassiker Deutschland – Niederlande: Hass, Rotz, Tore und Zoltan Sebescen

Wenn Deutschland und die Niederlande aufeinandertreffen, müsste eigentlich vom Duell „David gegen Goliath“ die Rede sein. Immerhin hat unser Nachbarland gerade einmal 16 Millionen Einwohner, Deutschland hat knapp fünfmal so viele. Doch die Niederländer haben es trotz des Nachteils der „menschlichen Ressourcen“ fast immer geschafft, eine gute Mannschaft zusammenzustellen – weswegen die Duelle der alten Rivalen umso spannender waren.

„Wir müssen die deutsch-holländische Feindschaft wieder aufleben lassen“ (Andreas Brehme)

Unglaublich, aber wahr: In den Kindertagen des Fußballs waren nicht nur die Engländer, Italiener oder Österreicher die Lehrmeister des deutschen Fußballs, sondern auch die Niederländer. In den ersten sechs Duellen zwischen 1910 und 1923 blieb unser Nachbar gegen Deutschland ungeschlagen.

Erst ab den 1930ern wendete sich das Blatt: Deutschland wurde 1954 Weltmeister und entwickelte sich zu einer echten Fußballnation. Die Niederlande dümpelten bis zu den späten 1960er Jahren in etwa auf dem Niveau Luxemburgs vor sich hin – bis Rinus Michels, Johan Cruyff & Co. die Bühne betraten und der Fußball auf einmal „total“ wurde. Anfang der 1970er Jahre dominierte dann nicht nur Ajax Amsterdam den europäischen Vereinsfußball, auch die Nationalmannschaft qualifizierte sich 1974 erstmals für eine Weltmeisterschaftsendrunde. Damit war der Grundstein für die deutsch-niederländische Fußballrivalität gelegt.

WM 1974, Finale: Deutschland – Niederlande (2:1)

Europameister und WM-Gastgeber Deutschland trifft im WM-Finale von München auf Niederländer, die sich durch klare Siege gegen Argentinien und Brasilien zum Turnierfavoriten gemausert haben. Bereits in der 1. Minute geht „Oranje“ durch einen verwandelten Foulelfmeter von Neeskens in Führung (Foul von Uli Hoeneß an Cruyff). Danach verfallen die Niederländer in ein Verhaltensmuster, das sie auch in den folgenden Jahrzehnten gegen Deutschland immer wieder an den Tag legen werden: Sie wollen den Gegner vorführen, verpassen es dabei aber, zu erhöhen.

Das bringt die Deutschen zurück ins Spiel. Nach der legendären Hölzenbein-Schwalbe erzielt Paul Breitner Mitte der 1. Hälfte den Ausgleich, kurz vor der Pause bringt Gerd Müller die BRD mit seinem 68. und letzten Länderspieltor in Führung. Die Niederländer, die sich zu lange an ihrer eigenen Spielkunst berauscht haben, finden erst im Verlauf der zweiten Hälfte wieder ins Spiel, lassen aber Chance um Chance aus und schleichen schließlich als Verlierer vom Platz.

Mittlerweile ranken sich zahlreiche Geschichten um dieses Finale und die Tage davor. Nachdem die Paarung feststand, hat nämlich die Bild-Zeitung etwas intensiver recherchiert und dabei Fotos zu Tage gefördert, auf denen Cruyff & Co. sich im Hotelpool mit leicht bis gar nicht bekleideten deutschen Fräuleins vergnügen. Die Zeitung brachte die Story am Tag vor dem Finale – was zur Folge hatte, dass die holländischen Spielerfrauen ihren Gatten in der Nacht vor dem Finale die Hölle heiß machten…

WM 1978, 2. Finalrunde: Deutschland – Niederlande (2:2)

Zur Revanche kam es vier Jahre später bei der WM in Argentinien. Durch Tore von Abramczik und Dieter Müller bei einem Gegentreffer von Arie Haan führt Deutschland mit 2:1 und hat den Finaleinzug vor Augen. Der späte Ausgleich von René van de Kerkhof beschert den Niederländern allerdings die bessere Ausgangsposition vor dem letzten Gruppenspiel, welches Deutschland ein paar Tage später gegen die Österreicher verliert (→ Schmach von Cordoba, „i werd narrisch“). Holland zieht ins Finale ein, verliert bei dieser vermutlich gekauften WM aber gegen Gastgeber Argentinien.

EM 1980, Vorrunde: Deutschland – Niederlande (3:2)

Nach den glorreichen Siebziger Jahren fielen beide Nationen zu Anfang der 1980er Jahre in ein spielerisches Loch. Doch während Deutschland dieses „Tief“ mit dem EM-Titel 1980 und zwei WM-Finals überbrückte, verpasste „Oranje“ die WM 1982 und 1986 sowie die EM 1984. Nur 1980 war man dabei – und schnell wieder draußen.

Im 1980er Duell von Neapel brachte Klaus Allofs die BRD durch einen Hattrick mit 3:0 in Führung. Angesichts des beruhigenden Vorsprungs entschloss sich Bundestrainer Jupp Derwall, einen gewissen Lothar Matthäus debütieren zu lassen. Der 19-jährige erwischte gleich einen Fehlstart: Er verschuldete einen Elfmeter, der die Niederländer auf 1:3 heranbrachte. Kurz vor Schluss erzielte Willy van de Kerkhof gar das 2:3. Deutschland musste noch einmal zittern, rettet den knappen Vorsprung aber über die Zeit.

EM 1988, Halbfinale: Deutschland – Niederlande (1:2)

Das Hamburger EM-Halbfinale von 1988 ist die Geburtsstunde der von Andi Brehme später zitierten „deutsch-holländischen Feindschaft“. Die Holländer mit ihren Künstlern um Gullit und van Basten nehmen die Deutschen um Borowka, Rolff und Kohler als reine Arbeiter und Kampfmaschinen wahr. Erstmals werden in den Niederlanden Vergleiche zu den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg gezogen, die Stimmung ist so schon vor dem Spiel angeheizt. Diese Stimmung überträgt sich von den Fans beider Lager und auf das Spielfeld.

Dann auch noch die kniffligen Entscheidungen: Beide Seiten kriegen je einen umstrittenen Elfmeter zugesprochen. Als es schon nach einer Verlängerung aussieht, erzielt Marco van Basten, der seinen „Schatten“ Jürgen Kohler um ein paar Zentimeter abhängt, den Siegtreffer. Nach dem Spiel wischt sich der niederländische Abwehrchef Ronald Koeman mit einem deutschen Trikot demonstrativ den Hintern ab. Franz Beckenbauer poltert und fühlt sich benachteiligt. Holland holt sich im Finale gegen die Sowjetunion den Titel – ausgerechnet in Deutschland. Ausgerechnet in München, dem Ort der Finalpleite von 1974.

Im Normalfall hätten sich die Gemüter beruhigt, wenn man sich ein paar Jahre lang aus dem Weg gegangen wäre. Doch wie es der Fußballgott wollte, wurden beide Teams in die gleiche Qualifikationsgruppe zur WM 1990 in Italien gelost. Beide Spiele enden sportlich unspektakulär unentschieden, Deutschland und die Niederlande qualifizieren sich für die WM. Doch am Rande der Partien kam es immer wieder zu Hooligan-Schlachten. Aus dieser Zeit begründet sich der schlechte Ruf des niederländischen und vor allem des deutschen „Anhangs“, der lange Zeit (Stichwort: Lens 1998, Daniel Nivel) nicht unbegründet war.

WM 1990, Achtelfinale: Deutschland – Niederlande (2:1)

Der Gipfel der Rivalität. Obwohl seit dem Spiel von Hamburg nur zwei Jahre vergangen sind, haben sich die Vorzeichen geändert: Die Holländer haben sich mit drei Remis ins Achtelfinale gezittert, während die Deutschen tollen Fußball boten und zum WM-Favoriten aufgestiegen sind.

Blickt man heute auf dieses Spiel zurück, hat man vor allem die fliegende Rotze von Frank Rijkaard vor Augen, welche in der Lockenpracht von Rudi Völler hängen bleibt. Doch die Partie bot viel mehr: „Oranje“ begann besser und hätte durchaus in Führung gehen können. Das Spiel kippt mit dem Doppel-Platzverweis für Rijkaard (berechtigt) und Völler (unberechtigt) in der 22. Minute. Danach macht Jürgen Klinsmann das Spiel seines Lebens, erzielt das 1:0 nach Vorlage von „Diego“ Buchwald. Deutschland dominiert nun das Spiel gegen die technisch beschlagenen Niederländer. Andreas Brehme sorgt kurz vor Schluss mit einem feinen Schlenzer vom Strafraumeck für die Entscheidung, Ronald Koemans Anschluss in der 89. Minute kommt zu spät.

Deutschland lässt nach dieser Partie zwar etwas nach, duselt sich gegen die Tschechoslowakei und England ins Endspiel, gewinnt aber letztlich verdient den WM-Titel. Franz Beckenbauer spricht die legendären Worte, dass Deutschland nun „auf Jahre hinaus unschlagbar“ ist. Wie sich bald herausstellen sollte, sind es nicht einmal zwei Jahre.

EM 1992, Vorrunde: Deutschland – Niederlande (1:3)

Nach dem WM-Titel fällt Deutschland in ein Loch, weiß unter der Ägide des neuen Bundestrainers Berti Vogts nur noch selten zu überzeugen. Kurz vor der EM in Schweden reißt auch noch das Kreuzband von Kapitän und Weltfußballer Lothar Matthäus, im ersten Gruppenspiel bricht sich Torjäger Rudi Völler den Arm. Keine guten Vorzeichen für das Duell mit den Niederlanden im dritten Gruppenspiel, in dem Deutschland ein Remis braucht, um sicher das Halbfinale zu erreichen.

Doch das mittlerweile verjüngte„Oranje“-Team – immer noch mit Gullit, van Basten, Rijkaard und Koeman, aber nun auch mit Bergkamp, Winter oder den de Boer-Brüdern – nimmt den Weltmeister mit 3:1 auseinander. Das Ergebnis ist aus deutscher Sicht das Zweitbeste am Spiel. Das Beste ist, dass die bereits ausgeschiedenen Schotten die GUS geschlagen haben und Deutschland so doch noch das Halbfinale erreicht. Damit scheint ein Wiedersehen mit den Holländern im Finale vorprogrammiert. Doch erst scheitern van Basten & Co. im Halbfinale an den Dänen, dann düpieren die Skandinavier im Finale auch noch die favorisierten Deutschen.

2000, Freundschaftsspiel: Niederlande – Deutschland (2:1)

Bis auf eine Ausnahme (EM 2004, Vorrunde, 1:1), haben die alten Rivalen seit 1992 nur noch in Freundschaftsspielen die Klingen gekreuzt. Der Hass der 1980er und frühen 1990er Jahre ist fast gänzlich auf der Strecke geblieben. Die Spiele seitdem liefen fast immer gleich: „Oranje“ brilliert, führt Deutschland phasenweise vor, berauscht sich aber so am eigenen Spiel, dass die Ergebnisse für die Vogts-, Ribbeck-, Völler- und Klinsmann-Schützlinge immer noch erträglich bleiben.

Eine Partie unter all diesen Freundschaftsspielen gilt es besonders hervorzuheben: das 1:2 von Amsterdam im Februar 2000. Kurz vor der Heim-EURO testet der „FC Barcelona Holland“ (mit 6 Barca-Stars in der Startelf) noch einmal gegen den Erzrivalen. Wir befinden uns in der Ära Ribbeck, Lothar Matthäus macht an diesem Tag sein 144. Länderspiel (damals Weltrekord) und wird von den Niederländern mit einem Blumenstrauß geehrt.

In der deutschen Startelf steht ein Debütant namens Zoltan Sebescen. Der Wolfsburger besitzt damals die Erfahrung von wenig mehr als 10 Bundesligaspielen – als Mittelfeldspieler, wohlgemerkt. Bundestrainer Erich Ribbeck bietet ihn als Rechtsverteidiger auf. Gegenspieler Boudewijn Zenden spielt Sebescen eine Halbzeit lang Knoten in die Beine, bereitet ein Tor vor und erzielt das zweite selbst. Nach 45 Minuten hat Ribbeck ein Einsehen und erlöst Sebescen, der danach nie wieder im deutschen Aufgebot stehen wird.

Knapp vier Monate später ist der deutsche Fußball endgültig am Boden: Vorrunden-Aus bei der EURO mit 1 Punkt und 1:5 Toren. Immerhin: Gastgeber und Titelfavorit Niederlande ergeht es nicht viel besser. Im Halbfinale gegen Italien scheitern sie zweimal in der regulären Spielzeit vom Elfmeterpunkt, drei weitere Male im Elfmeterschießen und scheiden aus.

Seitdem hat sich einiges geändert auf beiden Seiten: Deutschland spielt mittlerweile fast niederländisch, steht mittlerweile für kreativen Offensivfußball. Unser Nachbar spielt dagegen mittlerweile fast deutsch, berauscht sich kaum noch am eigenen Spiel, sondern setzt auf realistischen, effizienten Fußball – und wäre damit 2010 um ein Haar Weltmeister geworden. Zum Glück nicht. So führen wir in dieser Wertung immer noch mit 3:0.

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