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Jul
23

Literaturtipp: „Revolution auf dem Rasen“ von Jonathan Wilson

Bildquelle: Verlag Die Werkstatt

Bildquelle: Verlag Die Werkstatt

Nie wurde das Thema Fußballtaktik in deutschen Medien stärker thematisiert als während der Europameisterschaft 2012. Wer wissen will, wie es zum System mit einem Stürmer bzw. der „falschen Neun“ als Speerspitze zu Beginn des 21. Jahrhunderts kommen konnte, dem sei das Buch „Revolution auf dem Rasen – Eine Geschichte der Fußballtaktik“ von Jonathan Wilson ans Herz gelegt.

Was Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo heute mit ihren Teams auf dem Platz vollbringen, hat mit dem ursprünglichen englischen Kick des 19. Jahrhunderts wenig gemeinsam. Ausgehend von der klassischen Anfangsformation mit nur zwei Verteidigern und fünf Angreifern, revolutionierten berühmte Trainer und Spieler immer wieder die taktische Anlage des Spiels und eröffneten ihm mit dem »W-M-System«, dem »Wingless Wonder« oder der »Raute« völlig neue Dimensionen. Das Buch führt den Leser durch die Jahrzehnte und erläutert u.a. die Bedeutung von in Deutschland wenig bekannten Herren wie Jimmy Hogan, Hugo Meisl, Boris Arkadiew oder Béla Guttmann für die Entwicklung des Spiels.

Deutschland spielt in dem über 400 Seiten dicken Schmöker im Übrigen nur eine kleine Rolle. Lediglich die Beckenbauersche Interpretation des Libero und die Ansätze des „totalen Fußballs“ der deutschen Nationalmannschaft zu Beginn der 1970er werden als löbliche deutsche Einflüsse auf die taktische Entwicklung des Fußballspiels genannt. Dafür wird der russischen und der ungarischen Fußballschule ein großer Stellenwert eingeräumt. Immerhin sind hier die Raumdeckung und das Kurzpassspiel, unverzichtbare Elemente im modernen Fußball entstanden.

Der englische Autor Jonathan Wilson beschreibt die taktische Entwicklung des Fußballs in einem intelligenten Buch, das in England als »Fußballbuch des Jahres« ausgezeichnet wurde. Wilson liefert fakten- und anekdotenreiche Erklärungen dafür, wie der Fußball zu dem wurde, was er heute ist. Wer den „Schweizer Riegel“ für eine Leckerei aus unserem Nachbarland hält und glaubt, dass der Begriff „Wolga-Klammer“ dem Militärjargon entstammt, der sollte sich die „Revolution auf dem Rasen“ unbedingt zu Gemüte führen. Auch wer wissen möchte, wie die Engländer auf die Idee gekommen sind, dass man mit langen Bällen in den Strafraum die „POMO“, die „Position Of Maximum Opportunity“ erzeugt, sollte einmal einen Blick riskieren.

Das Buch ist auf dem Stand des Jahres 2010. Bereits damals spekulierte Jonathan Wilson über eine Entwicklung hin zum 4-6-0-System, wie es die Spanier bei der EM 2012 des Öfteren erfolgreich praktiziert haben. Auch das spricht dafür, dass der Autor sein Fach versteht.

Jonathan Wilson: Revolutionen auf dem Rasen – Eine Geschichte der Fußballtaktik (2011), Verlag Die Werkstatt, 464 Seiten. 19,90 Euro.

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