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Jan
13

Luca Toni & Co.: Die alten Männer wollen mehr

Eine Karriere wie die von Luca Toni ist eigentlich nur in Italien vorstellbar. Erst mit 27 Jahren wurde der Angreifer Nationalspieler, mit 29 als Stammspieler Weltmeister. Mit 36 könnte er nun vor einem Comeback in der Squadra Azzurra stehen. Und Toni ist nicht der einzige, der im Biotop Italien ein echter Spät- oder Langzeitblüher ist.

Als seine Verlobte Marta Cechetto im Jahr 2012 eine Fehlgeburt erlitt, schien auch die „professionelle“ Karriere von Luca Toni beendet zu sein. Nach diesem Schock wollte er etwas anderes sehen, wechselte im Alter von 35 Jahren von der Reservebank Juventus Turins zu Al-Nasr nach Dubai. Willkommen im Paradies der Superstars auf Altersteilzeit.

Doch dann erlebte Toni ein perfektes Jahr 2013: Erst ein beachtliches Comeback in Florenz, dann die Geburt seiner Tochter Bianca und zuletzt eine sensationelle Halbserie mit Aufsteiger Hellas Verona in der Serie A. Nach neun Toren und ebenso vielen Vorlagen scheint nun sogar eine WM-Nominierung für „Il Bomber“ nicht mehr ausgeschlossen zu sein.

Toni der italienische Angreifer der Stunde

Denn blickt man sich nach guten Stürmern mit italienischem Pass um, wird es momentan dünn. Zwar hat Giuseppe Rossi sogar 14 Tore auf dem Konto, doch der 26-jährige Fiorentina-Angreifer, der in dieser Saison ein Wahnsinns-Comeback nach fast zwei Jahren ohne Spielpraxis hingelegt hat, wird aufgrund einer Bänderverletzung voraussichtlich erst im März wieder spielen können.

Und dahinter? Sassuolos Domenico Berardi steht nach seinem Viererpack (!) gegen Milan bereits bei elf Toren. Doch ist der 19-Jährige schon reif für ein Turnier? Apropos Turnier: Der EM-Sturm Mario Balotelli/Antonio Cassano, der Deutschland im Halbfinale von Warschau das Fürchten lehrte, ist gesprengt. Cassano, der im Sommer von Inter nach Parma abgeschoben wurde, ist derzeit kein Nationalspieler mehr. Und Balotelli wandelt wie stets auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn.

Milans Stephan El Shaarawy erlebt verletzungsbedingt eine Saison zum Vergessen, und Southampton-Neuzugang Pablo Osvaldo drängt sich weder auf (drei Premier-League-Tore) noch ist er ein Liebling der Italiener. Blieben die Torino-Angreifer Alessio Cerci und Ciro Immobile, die wie Toni derzeit neun Treffer verzeichnen. Beiden geht aber nennenswerte internationale Erfahrung ab – im Gegensatz zum „Ohrschrauber aus Pavullo“, der eine ungewöhnliche und doch irgendwie typisch italienische Fußballerkarriere hingelegt hat.

Toni und der zweite Bildungsweg

Man stelle sich vor, ein deutscher Angreifer würde erst auf seiner achten Profi-Station den Durchbruch schaffen, nachdem er die ersten zehn Jahre seiner Karriere vornehmlich in der zweiten und dritten Liga verbracht hat.

Luca Toni war ein solcher Spieler: In Modena, Empoli, Vicenza oder Brescia für nicht gut genug befunden, schien er allenfalls Zweitligaformat zu besitzen. Schließlich war und ist Toni mit seinen 1,93 Metern und rund 90 Kilogramm kein Fußballästhet, sondern – das wissen nicht zuletzt die Fans des FC Bayern – der Inbegriff eines f***ing Knipsers, wie er jahrelang die Strafräume der Welt besiedelte, ehe er in den letzten 15 Jahren zunehmend ausgerottet wurde.

Tonis Durchbruch gelang erst in der Saison 2003/04, als er US Palermo mit 30 Toren in die Serie A schoss. Weitere 21 Treffer im Oberhaus machten ihn mit 29 Jahren zum Sturmführer bei Italiens WM-Triumph 2006 in Berlin. Toni steckte seinerzeit mitten in seiner goldenen Ära: In den nächsten vier Spielzeiten folgten 85 Liga-Tore für Florenz und den FC Bayern, ehe 2010 mit seiner Degradierung in München durch Louis van Gaal der letzte Akt erreicht schien. Doch so einfach geht das in Italien nicht. Siehe Toni. Und siehe einige mehr.

Der Italiener an sich: spät meist am besten

Schaut man in die Serie A, weht einem unvermittelt der Duft der alten Zeit entgegen. Nicht immer ist es schön, was man dort sieht (z.B. sich wiederholende rassistische Auswüchse), doch in den vielen renovierungsbedürftigen und selten proppenvollen Stadien wird noch der „gute alte Fußball“ gespielt.

In unserer Zeit, in der das Tiki-Taka zum Imperativ für jeden Absolventen der Fußballlehrer-Ausbildung geworden ist, reibt man sich beispielsweise bei jedem öffnenden Pass von Juventus-Spielmacher Andrea Pirlo verwundert und zugleich bewundernd die Augen. Mit seinem zotteligen Auftreten wirkt der 34-Jährige fast wie ein Zeitreisender aus der Vergangenheit.

Noch extremer ist es in Rom. Was Francesco Totti mit seinen 37 Lenzen immer noch veranstaltet, ist mit Geld kaum aufzuwiegen. 20 bis 25 Scorerpunkte pro Saison sind dem „Capitano“ immer noch zuzutrauen. Definitiv unbezahlbar ist aber seine Präsenz. So gewann die Roma neun ihrer elf Saisonspiele, in denen Totti zum Einsatz kam. „Ohne ihn“, verriet Teamkollege Miralem Pjanic Anfang Dezember, „fehlt unser stärkstes Element.“ Kein Wunder, dass der 37-jährige Totti seinen Vertrag zuletzt gleich bis 2016 (!) verlängert hat…

Biotop für Fußballromantiker

In Italien laufen die Uhren wirklich noch ein bisschen anders. Man hat den Eindruck, als wären in der Serie A die Regeln des „modernen“ Fußballs außer Kraft gesetzt. Dies führt nicht selten zu einem trägen Spielverlauf auf matschigen Böden, hat aber seinen ganz eigenen Charme.

Und dieser Charme geht nicht zuletzt von den alten Heroen aus. Inters argentinischer Kapitän Javier Zanetti etwa hat sich im Alter von 40 Jahren nach seinem Achillessehnenriss aus dem vergangenen Frühjahr am Jahresende 2013 wieder zurückgekämpft und liebäugelt nach fünf Einsätzen in dieser Saison bereits mit einer Verlängerung seines auslaufenden Vertrags. Wer bei Inter würde sie ihm verwehren?

Irgendwann hören aber tatsächlich auch Italiener auf zu spielen. Milan-Legende Paolo Maldini etwa trat 2009 mit 41 Jahren ab. Aber nicht irgendwie, sondern als Stammspieler und Kapitän, der aufgrund seiner Klasse und Erfahrung auf der Linksverteidigerposition bis zu seinem letzten Spiel nicht weit unter Weltklasse-Niveau agierte.

Irgendwie verwundert es da nicht, wenn ein Spieler wie Bayer Leverkusens Rechtsverteidiger Giulio Donati seinen Wechsel zur Werkself im Sommer 2013 unter anderem damit begründete, dass er in der Serie A aufgrund seiner Jugend kaum eine Chance auf Einsätze hätte. Donati wird im Februar 24. In diesem Alter gilt man in Deutschland bereits als „ewiges Talent“…

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