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Nov
28

Mein Gott Walter! – Eine Hommage an Walter Frosch

Am 23. November 2013 ist Walter Frosch im Alter von 62 Jahren verstorben. Obwohl der Verteidiger kein A-Länderspiel und „nur“ 61 Bundesligaspiele bestritten hat, ist er vielen Fußballfans ein Begriff. Aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils wurde er eine Kultfigur – und starb als tragische Figur. Aktives-Abseits-Quizgewinner Flo hat sich eine Hommage für den Beinahe-Weltstar gewünscht. Ein Nachruf in Episoden.

Frühe Jahre

Wann Walter Frosch mit dem Rauchen angefangen hat, lässt sich nicht genau zurückverfolgen. Als er am 19. Dezember 1950 im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen das Licht der Welt erblickte, dürften die Glimmstängel jedenfalls noch keine allzu große Rolle in seinem Leben gespielt haben – später dafür eine umso größere, wie „Froschi“ selbst einmal bekannte: „Ich würde lieber eine rauchen als vögeln.“

Vor dem Tabakkonsum und den fleischlichen Freuden hat Frosch allerdings Gefallen am Fußballspielen gefunden. Als beinharter Verteidiger machte er sich in Rheinland-Pfalz schnell einen Namen und heuerte 1970 beim SV Alsenborn an. Äh, wo? Seinerzeit war der Klub aus dem 7.000-Einwohner-Ort eine aufstrebende Größe in Deutschland. 13.000 Zuschauer strömten regelmäßig in das Stadion Kinderlehre. Sie sahen ihre Mannschaft in den Jahren 1968, 1969 und 1970 jeweils nur haarscharf in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga scheitern. Frosch blieb dreieinhalb Jahre beim SVA, ehe er Anfang 1974 den Sprung in die Beletage wagte.

Verhinderter Weltstar

Wer weiß, welche Möglichkeiten Walter Frosch offengestanden hätten, wenn er nach der Hinrunde der Saison 1973/74 allein beim FC Bayern München und nicht auch noch beim 1. FC Kaiserslautern einen Vertrag unterschrieben hätte. Die Bayern holten immerhin in den folgenden drei Jahren den Europapokal der Landesmeister. Und Walter Frosch an der Seite von Franz Beckenbauer wäre eine interessante Vorstellung gewesen. Auch den Landesmeister-Pokal, der knapp 15 Liter fassen soll, hätte Frosch in besten Tagen sowohl mit Bier als auch mit Hochprozentigem vermutlich alleine leeren können.

So musste aber der DFB den Streitfall schlichten und entschied anders: Der Verband sperrte Frosch für vier Monate und urteilte, dass er nach Kaiserslautern zu wechseln habe. Mit dem FCK wurde er bis 1976 „nur“ Sechster, Dreizehnter und Siebter der Bundesliga.

Legen… wait for it… dary!

Die legendärste Frosch-Geschichte spielte sich vor einem Spiel des 1. FC Kaiserslautern gegen den FC Schalke 04 ab. Am Vorabend der Partie stiftete der bereits ordentlich benebelte Frosch seine Saufkumpane zu einem 400-Meter-Wettrennen um ein Fässchen Bier an. Der FCK-Profi gewährte seinen Mitstreitern 100 Meter Vorsprung und gewann trotzdem.

Am Spieltag von seinem Trainer Erich Ribbeck auf seine geröteten Augen angesprochen, verwies Frosch auf eine Bindehautentzündung – und durfte von Beginn an ran. Auch mit erheblichem Restalkohol hatte Frosch seinen Gegenspieler Erwin Kremers nach eigener Auskunft locker im Griff, nachdem er ihn „dreimal über die Bande gehauen“ hatte, „damit da Feierabend war.“

„Erfinder“ der Gelbsperre

Auch ohne Titel im Trophäenschrank hat Walter Frosch im deutschen Fußball bleibende Spuren hinterlassen. Seine sagenhaften 19 Gelben Karten – manche Quellen sprechen sogar von 27 Kartons – in 37 Zweitligaspielen der Saison 1976/77 für den FC St. Pauli sind nämlich nicht nur ein Rekord für die Ewigkeit, sondern waren auch der Grund für die Einführung der Gelbsperre in der Bundesliga. Bis dahin durfte man treten wie man wollte, Sperren setzte es nur nach Platzverweisen.

Ab der Saison 1977/78 musste man in deutschen Profiligen nach jeder vierten Gelben Karte eine Partie aussetzen, doch bald erbarmte sich der DFB und hob das Niveau auf fünf Gelbe Karten an – vermutlich auch, weil sich selbst Walter Frosch, der „Erfinder“ der Gelbsperre, im weiteren Verlauf seiner Karriere zügelte und bei Weitem nicht mehr an seine Rekordmarke herankam. So etwas nennt man wohl Lerneffekt.

Tragikomische Kultfigur

Man kann Walter Frosch getrost als tragikomische Kultfigur bezeichnen. Neben seinen Qualitäten auf dem Platz zeichnete er sich vor allem durch seine Sprüche und seinen Lebensstil aus. So quittierte Frosch im Jahr 1976 eine Einladung zur B-Nationalmannschaft mit den Worten: „Ein Walter Frosch spielt nur in der A-Mannschaft oder in der Weltauswahl.“ Berühmt ist auch sein selbstreflektierender Ausspruch „Mein schwerster Gegner war immer die Kneipe.“

Bereits zu Profizeiten „vernichtete“ der gelernte Schornsteinfeger täglich rund 60 Zigaretten sowie das eine oder andere alkoholische Kaltgetränk. Kultcharakter hat Frosch spätestens, seit er beim Abschiedsspiel von St. Pauli-Torwartlegende Klaus Thomforde im Jahr 1999 mit einer Kippe im Mundwinkel auflief. Wenige Jahre später verzichtete er bei einem „Tag der Legenden“ immerhin auf das Rauchen auf dem Platz, die Schachtel Zigaretten war trotzdem für alle Fälle sicher im Stutzen verstaut:

Auch Froschs Nahrungsgewohnheiten entsprachen nicht einmal ansatzweise denen eines Profis. Sein Freund und Mitspieler bei St. Pauli Buttje Rosenfeld verriet der „11 Freunde“ Haarsträubendes: „Eigentlich sah man ihn ständig mit Zigarette und auch beim Thema Essen hielt er sich nicht zurück. Wenn wir zwei Mal am Tag Training hatten, dann ging er schon mal mittags zum »Schaschlik-Schorsch« und gönnte sich eine dicke Portion mit Zwiebeln. Die Ernährungsberater der heutigen Profis würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.“

18 Jahre Kampf gegen den Krebs

Doch bei aller Heiterkeit: Walter Froschs Lebensstil verhinderte nicht nur eine größere Karriere, sondern führte auch zu mehreren Krebsoperationen, nachdem bei ihm 1995 ein Kehlkopftumor diagnostiziert wurde. Auch Froschs Magen war später betroffen, woraufhin er über eine Magensonde ernährt werden musste.

Nach einem akuten Organversagen im Jahr 2008 musste Frosch sogar das Sprechen und Gehen wieder erlernen. Tatsächlich kämpfte sich der beinharte Ex-Profi ins Leben zurück. Im September 2013 wurde allerdings zum wiederholten Mal ein Krebsgeschwür auf seiner Zunge entdeckt. Nach einer erneuten OP und Chemotherapie verschlechterte sich Froschs Zustand immer mehr. Anfang November fiel er ins Wachkoma, ehe er am 23. November verstarb.

Man muss kein Prophet sein um zu behaupten, dass der Profifußball einen Spieler und Menschen wie Walter Frosch nicht mehr erleben wird. Ein Grund mehr, ihn nicht zu vergessen.

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