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Feb
24

Michael Ballack – Der Unvollendete in seinen letzten Zügen

Michael Ballack drückte über Jahre dem deutschen Fußball seinen Stempel auf. Doch von jetzt auf gleich wurde aus dem Häuptling ein Reservist. Michael Ballack ist nur noch Michael Ballast – hat er das verdient?

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, sagt der Volksmund. Das ist Michael Ballack nicht vergönnt gewesen – das hinlänglich bekannte Foul von Kevin-Prince Boateng hat verhindert, dass der „Capitano“ die deutsche Mannschaft in Südafrika auf das Feld und womöglich zum WM-Titel führen konnte. Niemand kann heute sagen, wie Deutschland mit einem fitten Michael Ballack abgeschnitten hätte. Doch im günstigsten Fall wäre es für seine (internationale) Karriere der Höhe- und Schlusspunkt gewesen.

Wann ist ein Spieler ein „großer Spieler“?

Nun sieht es so aus, als würde die Laufbahn des besten deutschen Feldspielers der letzten Dekade auf den Reservebänken der Bundesliga und Europa League zu Ende gehen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch wenn heute Schluss wäre, könnte Michael Ballack auf unzählige Titel zurückblicken (5 nationale Meisterschaften, 6 Pokalsiege, dreimal Fußballer des Jahres). Er hat damit mehr erreicht als die meisten seiner Kollegen. Doch der Makel des Scheiterns in den entscheidenden Spielen wird ihm immer anhaften: Vize-Weltmeister, Vize-Europameister, zwei verlorene Champions League-Endspiele. Hinzu kommen die knapp verlorenen Meisterschaften mit Leverkusen 2000 (eingeleitet durch sein Eigentor in Unterhaching) und 2002.

Fakt ist: Michael Ballack wird als großer Spieler in die Annalen eingehen. Dass er auch zu seinen besten Zeiten heftiger Kritik ausgesetzt war, ist nichts Besonderes. Von einem Spieler mit besonderen Fähigkeiten erwartet man eben auch immer besondere Leistungen. Seine tatsächlichen Verdienste um den deutschen Fußball wird die Öffentlichkeit vermutlich erst fünf oder zehn Jahre nach seinem Karriereende zu würdigen wissen.

Ballack und Löw: Wird ein klärendes Gespräch überhaupt noch notwendig?

Das Traurige im Fall Michael Ballack ist jedoch, dass er sich im Spätherbst seiner Karriere in einer Phase befindet, in der er eigentlich nur noch ein Ballast ist. Bundestrainer Joachim Löw ist am sorgenfreisten, wenn sein langjähriger Kapitän verletzt ist bzw. in seinem Verein nicht regelmäßig spielt. Solange kommt Löw an einem klärenden Gespräch vorbei, in dem er Farbe bekennen muss.

Und sollte dieses Gespräch doch irgendwann zu Stande kommen (müssen), was sollte der Inhalt sein? So wie sich die Lage gerade darstellt, wird Ballack bei seinen derzeit 98 Länderspielen stehen bleiben. Schließlich ist er mit seinen 34 Jahren kein Spieler mehr mit Perspektive. Außerdem funktioniert die Mannschaft erwiesenermaßen auch ohne ihren einstigen Leitwolf, dessen Führungsstil vielen jüngeren Spielern schon vor Jahren zu autoritär war. Spätestens die Podolski-Ohrfeige im Jahr 2009 hat gezeigt, wie es um Stellenwert des Kapitäns stand: Anstatt Täter Podolski aus der Mannschaft zu werfen und seinen Spielführer zu stärken, beließ es Trainer Löw bei einer Rüge für „Poldi“.

Abgesehen davon, ist der deutsche Fußball derzeit in der komfortablen Lage, viele junge, gute zentrale Mittelfeldspieler in der Hinterhand zu haben. Hinter den derzeit gesetzten Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira gibt es ja auch noch die Bender-Zwillinge, Toni Kroos oder Ballacks Leverkusener Teamkollegen Simon Rolfes. Doch selbst der dürfte es angesichts seiner mittlerweile 29 Lenze relativ schwer haben, noch einmal ins DFB-Team zurückzukehren.

Zwei Trostländerspiele für Ballack?

In mehreren Medien wurde schon spekuliert, dass man Michael Ballack noch zweimal zu Freundschaftsspielen einladen könnte, damit er als verdienter Spieler die Marke von 100 Länderspielen erreicht. Das Testspiel gegen den fünffachen Weltmeister Brasilien im August könne hierbei der passende Rahmen für das Jubiläum sein.

Doch abgesehen davon, dass Jogi Löw niemand ist, der Länderspieleinsätze einfach so verschenkt, ist kaum vorstellbar, dass Michael Ballack eine solche Einladung auch annehmen würde. Zu groß wäre die Demütigung. Und wer möchte schon aus Mitleid nominiert werden?

Ballack und Bayer Leverkusen – Ein fehlgeschlagener Coup

Ballacks Verein Bayer Leverkusen hat ein noch größeres Problem als Bundestrainer Löw. Letzterer hat erst dann Unruhe, wenn Ballack im Verein zum Einsatz kommt. Bayer-Trainer Jupp Heynckes hat dagegen immer Unruhe – dank der Einkaufspolitik des Vereins bzw. des Bayer-Konzerns.

Die Geschäftsführung um die Ballack-Fans Rudi Völler und Wolfgang Holzhäuser hat mit der Verpflichtung des Mittelfeldstars auf den ersten Blick eigentlich alles richtig gemacht. Man hat einen weltbekannten Spieler mit Bayer-Vergangenheit und hoher Werbewirkung ablösefrei an den Rhein gelotst. Auch das (hohe) Gehalt des Stars reißt kein Loch in die Kasse: Dem Vernehmen nach wird Michael Ballacks Salär komplett fremdfinanziert.

Andererseits hat die Geschäftsführung aber auch ohne Not gleich mehrere Brandherde geschaffen:

1.) Bayer hatte eine hervorragende Saison 2009/10 gespielt, lediglich das traditionell schwache letzte Saisondrittel hat die Champions-League-Qualifikation zunichte gemacht. Zudem haben sich im Vorjahr neue Führungsspieler und Leistungsträger herauskristallisiert, allen voran Arturo Vidal. Die Mannschaft funktionierte also und hätte sicherlich auch ohne Michael Ballack vor der laufenden Saison zu den Top-Favoriten gezählt. So aber kam ein Spieler hinzu, der für seine Führungsansprüche bekannt ist und die Hierarchie durcheinanderwirbelt.

2.) Ballacks Verpflichtung machte auch beim Blick auf die Kaderzusammenstellung nur wenig Sinn. Bayer mag zwar seit Jahren Bedarf in der Verteidigung haben, aber definitiv nicht im zentralen Mittelfeld. Dort tummelt sich mit besagtem Vidal, Simon Rolfes oder Lars Bender mit das Beste, was die Bundesliga zu bieten hat. Und selbst, wenn diese drei einmal fehlen, könnte man auf dieser Position immer noch Stefan Reinartz, Hanno Balitsch oder Gonzalo Castro bringen. Nimmt man Ballack dazu, hat man also faktisch sieben potenzielle Sechser im Kader, die sich um zwei Plätze streiten.

3.) Es war von vornherein abzusehen, dass das Thema Michael Ballack bei der Presse auf fruchtbaren Boden fällt. Vermutlich war dies sogar mit ein Motiv für die Rückholaktion des Mannes, der zwischen 1999 und 2002 seine große Karriere unter dem Bayer-Kreuz begonnen hatte. Allerdings hat man bei Bayer außer Acht gelassen, dass die Presse auch negativ berichten kann. Und mit jeder Minute, die Michael Ballack nur auf der Reservebank sitzt, wächst die Unruhe.

Ausbaden muss das alles Trainer Jupp Heynckes. Er muss den Spagat finden zwischen der derzeit besten Mannschaftsaufstellung und der Mannschaftsaufstellung, die am meisten Ruhe verspricht. Im Idealfall befindet sich Michael Ballack in beiden, doch solange andere besser sind als der „Capitano“, muss Heynckes eben so agieren wie heute: Im nach dem 4:0 aus der Vorwoche bedeutungslos gewordenen Europa League-Heimspiel gegen Metalist Charkow „darf“ Michael Ballack noch einmal von Anfang an ran und „unter Wettkampfbedingungen“ in einer besseren B-Elf Spielpraxis sammeln – auch so eine Art Demütigung.

Was soll man Ballack raten? – Alles ist besser als eine Demontage auf Raten

Derzeit sind sowohl Ballack als auch Leverkusen und der DFB in einer vertrackten Situation. Bundestrainer Jogi Löw spielt auf Zeit. Er scheint sich darauf zu verlassen, dass Ballack nicht mehr in Top-Form kommt und sich das „Problem“ von allein erledigt. So muss er weder Ballack vor den Kopf stoßen, noch sich kritische Fragen stellen lassen, warum er nicht vorher Klartext gesprochen hat. Stattdessen kann immer darauf verweisen, dass er Ballack bei entsprechender Leistung nominiert hätte. Für ihn kommt es erst dann zur Stunde der Wahrheit, wenn Ballack wirklich wieder in Nationalmannschaftsform kommen sollte. In dem Fall könnte das Rumgedruckse der letzten Monate Löw ein paar Sympathie- und Glaubwürdigkeitspunkte kosten.

Bei Bayer muss man sich hinterfragen, ob man mit der Ballack-Rückkehr alles richtig gemacht hat. In Top-Form wäre er sicher auch noch heute eine Verstärkung. Ob ein komplett fitter Michael Ballack die Mannschaft aber viel weiter bringen würde als die derzeitige Mittelfeldzentrale um Rolfes, Bender und Vidal sei einmal dahin gestellt. Stand heute, muss man die Ballack-Rückholaktion zwar nicht unbedingt als wirtschaftlichen, aber als strategischen Fehler bezeichnen, der in erster Linie Unruhe in den Verein gebracht hat.

Auch Michael Ballack hatte vor der Saison einige Alternativen: Er stand nicht nur in Leverkusen hoch im Kurs, sondern dem Vernehmen nach auch beim FC Liverpool und Real Madrid. Hinzu kam der VfL Wolfsburg, der Ballack mit einem Riesen-Gehaltscheck zu ködern versuchte. Hätte Michael Ballack sich nicht verletzt und die gesamte Vorbereitung mitmachen können, hätte er sich womöglich bei jedem der genannten Vereine durchgesetzt. Doch als der „Capitano“ auf den Markt kam, war er bereits verletzt. Jeder Klub wusste also um das Risiko, ebenso wie Ballack darum wusste. Nur haben beide Seiten vermutlich gehofft, dass sich alles zum Guten wendet.

Vom heutigen Standpunkt gesehen, sieht es mau aus für Michael Ballack. Die Konkurrenz ist stark, und er muss schon hoffen, dass Bender, Rolfes und Co. sich ihrerseits verletzen oder in ein Formtief geraten. Doch was wenn nicht? Soll Ballack dann im Sommer noch einmal den Verein wechseln? Wenn ja, wohin? Oder soll er als Reservist frühzeitig seine Karriere beenden? Oder ein weiteres Jahr dranhängen und riskieren, sich seinen guten Ruf weiter zu beschädigen?

Die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen, und das Boateng-Foul lässt sich nicht mehr abwenden. Unter all den genannten Alternativen möchte man Michael Ballack fast zum Aufhören (und zum Aufsteigen ins Bayer-Management?) raten. Traurig, aber wahr. Am Ende ist alles besser als eine Demontage auf Raten.

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