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Sep
13

Mit 30 zu alt – Die neue Zeitrechnung im Fußball

Der Trend im deutschen Fußball geht schon seit Längerem zur Jugend. Grundsätzlich ist das positiv. Doch allmählich beschleicht mich das Gefühl, dass die Qualität eines Spielers zu stark an seinem Alter festgemacht wird. Das Karriereende des 21-maligen Nationalspielers Andreas Hinkel im vermeintlich „besten Fußballeralter“ von 30 Jahren mag zwar Qualitätsgründe haben, es bestätigt allerdings auch den Zeitgeist.

In meiner Kindheit galt es als ehernes Gesetz: Erst mit Ende zwanzig kommt man ins beste Fußballeralter. Überprüft habe ich das damals nicht, sondern einfach als gegeben hingenommen. Schließlich war Lothar Matthäus, der sich im Alter von 29 Jahren bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien zum besten Spieler der Welt aufschwang, der lebende Beweis für diese These.

Heute wäre man mit 29 Jahren der zweitälteste Akteur in der deutschen Nationalmannschaft. Es ist zu vermuten, dass sich Bundestrainer Jogi Löw zweimal überlegen würde, ob er einen so „alten“ Spieler überhaupt nominiert. Er müsste wohl schon ein Ausnahmekönner auf seiner Position sein. Ansonsten müsste er befürchten, von einem jüngeren Spieler mit großem Talent verdrängt zu werden, der (noch) nicht die gleiche Qualität besitzt.

Nicht nur bei Löw, sondern im gesamten deutschen Fußball gilt seit ein paar Jahren das Credo „Jünger ist besser.“ Ich will kein Heuchler sein. Auch ich war und bin ein Freund davon, jungen Spielern eine Chance zu geben. Vor 10, 15 Jahren musste man ja schon froh sein, wenn man überhaupt einen deutschen Spieler unter 25 Jahren fand, der das Zeug zum Nationalspieler hatte. Bei der WM 1994 und bei der EURO 2000 etwa waren 21 der 22 nominierten deutschen Spieler älter als 25 Jahre…

„Dank“ der Misserfolge der Nationalmannschaft um das Millenium herum hat glücklicherweise eine Wende in der Nachwuchsarbeit eingesetzt. Seitdem hat Deutschland im internationalen Vergleich enorm aufgeholt. Mittlerweile – das ist hinlänglich bekannt – zählt auch unsere Nationalmannschaft zu einer der jüngsten der Welt. Und das ist gut so, denn Jugend impliziert immer auch, dass die Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft sind, dass eine Mannschaft immer noch besser werden kann. Oder etwa nicht?

Geldwerte Vorteile der Jugend

Gerade für die Vereine sind Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ein Segen. Entsprechendes Talent vorausgesetzt, sind sie zumindest in den Anfangsjahren ihrer Karriere günstiger als gestandene Profis. Bei den Fans und auch bei den Medien genießen sie einen größeren Kredit, ihnen wird ein spielentscheidender Fehlpass eher verziehen als einen Profi mit 100 Bundesligaspielen. Und für Potenzial – selbst wenn es noch nicht abgerufen wurde – kann man auf dem Transfermarkt zudem häufig ein nettes Sümmchen erzielen.

Die vielen Talente, die seit ein paar Jahren aus den Nachwuchsakademien der Bundesliga-Vereine direkt in die Profikader strömen, haben zu einer neuen Denkweise geführt: So wie man früher im Zweifel der Jugend misstraut hat, misstraut man heute dem Alter. Dabei sind beide Sichtweisen zu einseitig.

Das „beste Fußballeralter“ hat sich anscheinend verschoben. Einst spielten sich die besten Jahre einer Karriere zwischen dem 25. und dem 35. Lebensjahr ab. Heute müssen die meisten Spieler bereits mit 30 um einen neuen Vertrag zittern. Zum Beleg: Von den in dieser Saison eingesetzten 288 Bundesliga-Spielern sind nur 40 Akteure älter als 29 Jahre, davon sind knapp ein Drittel Torhüter. Wer es mit 23, 24 noch nicht zum Länderspieldebüt gebracht hat, gilt im Grunde schon als „ewiges Talent“, wenn nicht gar als Gescheiterter.

Heißt das, dass man mit 30 oder 32 heute bei dem laufintensiven Spiel in der Bundesliga nicht mehr mithalten kann? Oder sind die Spieler Anfang 20 heute einfach taktisch viel besser geschult als die Akteure, die vor den DFB-Nachwuchsreformen im Jahr 2000 die Jugendabteilungen durchlaufen haben? Oder ist es allein eine mentale Frage? Sind die Jungen vielleicht einfach „heißer“ und lernbegieriger?

„Riesen-Zukunft“ als potenzielle Ausrede

Was auch immer der Grund für die neue Altersstruktur sein mag, ich will diese Veränderung nicht generell brandmarken. So ist nun einmal der Zeitgeist. Die Fußballbranche reagiert nur auf das, was der Markt gerade hergibt. Und wenn viele veranlagte und formbare Nachwuchsspieler dabei sind, dann ist das eben so. Trotzdem: Auch wenn ich für „König“ Otto Rehhagel wenig übrig habe, muss ich ihm darin beipflichten, dass es keine alten und jungen, sondern nur gute und schlechte Spieler gibt.

Ich sehe die Gefahr, dass sich Vereine und Nationalmannschaften in die eigene Tasche lügen, indem sie permanent eine Verjüngung ihrer Kader betreiben. Mit Sätzen wie „Diese Mannschaft hat ihren Zenit noch nicht erreicht“ kann man sich immer für den Fall des Misserfolgs wappnen. Allein durch das Unterbieten von Altersrekorden hat aber noch keine Mannschaft einen Titel gewonnen. Auch wenn man mich als reaktionär brandmarkt: Am Ende muss immer die beste verfügbare Mannschaft auf dem Platz stehen, und zwar unabhängig vom Alter.

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