«

»

Sep
29

„Mittelpunkt der Welt“ – Eine Hommage an den SC Paderborn

Als mein Chefredakteur mir für die Bundesliga-Saison 2014/15 den SC Paderborn anvertraute, dachte ich bei mir: Mein Gott, Hauptsache Bundesliga. Da ist es auch egal, wenn man one way zwei Stunden unterwegs ist und es sich um den designierten Nachfolger von Greuther Fürth und Eintracht Braunschweig als erstem Absteiger handelt. Doch in diesem Klub steckt mehr!

Das kulinarische Highlight im Presseraum des SCP

Das kulinarische Highlight im Presseraum des SCP

Der SC Paderborn hat in der Glitzerwelt Bundesliga schon einen besonderen Charme. Ein 15.000 Zuschauer fassendes Wellblech-Stadion, das direkt neben dem Möbelhaus des Mäzens steht, welches sich wiederum irgendwo im nirgendwo befindet. Ein Presseraum, der in Windeseile zu einer von Männerschweiß getränkten Sauna mutiert. Mit einem Catering, das aus Graubrot und Muffins mit SCP-Logo besteht. Ein Pressebereich auf der Tribüne, in dem man Legehennen um ihre Bewegungsfreiheit beneidet. Ein WLAN, das so stabil ist wie die Defensive des Hamburger SV – und dem ich gewiss eines Tages meine ersten grauen Haare zu verdanken haben werde.

Doch davon losgelöst hat dieser Klub binnen kürzester Zeit fast sämtliche meiner Vorurteile widerlegt. Das Mini-Stadion mit seinen maximal 15.000 Kehlen macht so viel Lärm wie die fast fünfmal große und prall gefüllte Münchner Allianz-Arena. Das rechtfertigt schon die höchsten Dauerkartenpreise der Bundesliga. Hinzu kommt die ausgefuchste Argumentation des erfrischend ironischen Sportdirektors Michael Born, der mir diese Politik folgendermaßen darlegte: „Waren Sie mal in Dortmund? Da brauchen Sie teilweise ein Fernglas. Bei uns haben Sie von jedem Platz beste Sicht.“ Wenig verwunderlich, bei kaum mehr als zehn Reihen… Aber definitiv nicht falsch.

Ebenfalls einzigartig in diesem auf Zweitklassigkeit getrimmten Umfeld: Um als Journalist nach einem Spiel in die Mixed Zone zu gelangen, muss man entweder im VIP-Bereich einen Slalom um die hungrigen Honoratioren der ostwestfälischen Bischofsstadt machen – oder aber man schreitet die Front der VIP-Logen ab. Dabei kann es vorkommen, dass man an einer (natürlich) blau gefärbten Samtschnur Halt machen muss, hinter der Mäzen Wilfried Finke seinen SCP im Stile eines römischen Imperators wirbeln sieht.

Und wirbeln tut diese Mannschaft definitiv: Fast ausschließlich mit deutschsprachigen Spielern bestückt, marschiert der Aufsteiger von der ersten bis zur letzten Minute, ist von Trainer André Breitenreiter nahezu perfekt im Spiel gegen den Ball eingestellt. Es erinnert alles ein bisschen an Borussia Dortmund im kleinen Maßstab – kein Wunder bei sechs Ex-Borussen im Kader.

Der Ober-Hammer in Paderborn ist aber das Liedgut. Etwa 20 Minuten vor dem Anpfiff dröhnt eine überaus eigenwillige Interpretation des Schlager-Klassikers „Traum von Amsterdam“ aus den Boxen.

Und beim Einlaufen der Mannschaften wird nicht unpathetisch beschworen: „Der liebe Gott singt uns ein Lied von Glanz und Gloria und Sieg. Hier unten auf dem Fußballfeld hier ist der Mittelpunkt der Welt. Paaaderborn, erhebe dich und lauf! Paaaderborn, denn Helden geben nie auf! Und dein Name, Musik in unseren Ohren: SC Paaaaaderborn!“

Das Resultat: Bei aller Neutralität hat es nach meiner bescheidenen Meinung in der Bundesliga schon Vereine mit weniger Charme gegeben. Wenn man nicht aufpasst, reist man mit einem gewaltigen Ohrwurm nach Hause – und kommt beim nächsten Mal gern wieder.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*