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Jul
02

Nach dem EM-Aus – Die Bübchen-Frage

Reden wir nicht um den heißen Brei: Das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft gegen abgezockte Italiener war verdient. Deutschland mag die talentierteste Mannschaft des Turniers haben, doch für einen Titelgewinn muss sie sich noch weiterentwickeln. Weniger was das Spielerische angeht, sondern was die Mentalität betrifft.

Mit den Italienern hat am vergangenen Donnerstag nicht die talentiertere, sondern die cleverere und willensstärkere Mannschaft gewonnen. Hierfür kann man der Squadra Azzurra Respekt zollen. Doch dieses Urteil bedeutet auch, dass die deutsche Mannschaft aus ihren besseren Voraussetzungen zu wenig gemacht hat. „Versagen“ ist ein unschönes, aber treffendes Wort für das Herschenken der besseren Ausgangslage.

Im Nachgang sind viele Gründe für das Halbfinal Aus angeführt worden. Einige sind populistischer Müll, wie die Hymnen-Diskussion oder das Rundum-Sorglos-Paket. An anderen Thesen ist aber wesentlich mehr dran. So lässt sich nicht leugnen, dass nur Mats Hummels, Sami Khedira und Marco Reus bei diesem Turnier einen Schritt nach vorne gemacht haben. Zugleich haben andere Spieler nie ihre Top-Form gefunden, wie Schweinsteiger, Podolski oder Müller. Alles in allem reicht das dann nicht aus gegen Mannschaften, die das Maximum aus sich herausgeholt haben.

Mit vier Tagen Distanz bin ich für mich selbst zum Schluss gekommen, dass grundsätzlich Vieles in Ordnung ist, man in den nächsten zwei Jahren aber ein paar Dinge grundsätzlich ändern sollte, wenn man jemals wieder einen Titel gewinnen will.

Mehr Persönlichkeit, weniger Uniformität

Ich bin grundsätzlich kein Freund der „Typen“-Diskussion. Unter einem Typ wird viel zu oft jemand verstanden, der sich pro Saison fünf unnötige Gelbe Karten abholt, am Wochenende einen über den Durst trinkt und zwei Mal im Monat auf dem Titel eines Boulevardblatts landet. Einen solchen „Typen“ kann niemand allen Ernstes in der deutschen Nationalelf sehen wollen.

Sehr wohl missfällt aber auch mir, dass die deutsche Mannschaft fast nur noch aus glatt gebügelten Charakteren besteht. Toni Kroos ist für mich der Inbegriff dieses 0815-Kickers. Noch keine 20, gab er schon so nichtssagende Interviews wie ein „alter Hase“. Heute, mit 22, spielt er zwar einen technisch guten, aber alles in allem blutleeren Fußball. Ihm fehlen Tempo, Dynamik, Körpersprache und Wille. Das Problem ist, dass dieser Spieler sehr viel mehr könnte. Und er ist nicht der einzige im deutschen Team, der irgendwie eingebremst wirkt.

Ich glaube sehr wohl, dass einige der 23 EM-Fahrer Persönlichkeit haben. Aber diese wird auf ein Mindestmaß eingestampft. Was die Öffentlichkeit sieht, sind Spieler, die mehr oder weniger die gleichen Allgemeinplätze verbreiten. Und wenn einer mal über die Stränge schlägt, wird das von der Pressabteilung des DFB sofort glatt gebügelt.

Dieses Auftreten ist das Resultat der Arbeit von Oliver Bierhoff. Der Nationalmannschafts-Manager hat die Professionalität in allen Bereichen gefördert, doch der Preis ist eine uniforme Mannschaft ohne Ecken und Kanten. Charaktere (nicht zu verwechseln mit Egoisten) können sich in dieser gewollt flachen Hierarchie kaum herausbilden.

Manchmal denkt man, dass deutsche Nationalspieler in erster Linie repräsentative Aufgaben zu erfüllen haben. Aus diesem Grund ist es auch für Spieler schwer in die Nationalmannschaft zu kommen, die nicht das Image des „Nice Guy“ verkörpern. Dabei wird eines vergessen: Wenn es um die Wurst geht, sind die Qualitätsunterschiede zwischen den Mannschaften gering. Dann kommt es vor allem auf die Persönlichkeiten an, die auf dem Platz stehen.

Um es klar zu machen: Deutschland braucht keine Diva, die die anderen zusammenstaucht und die Drecksarbeit machen lässt, sondern zwei, drei oder vier „Siegertypen“. Diese Charaktere können sich aber nicht aus einer uniformen Masse herausbilden, sie müssen vielmehr über Jahre reifen dürfen.

Mutigere Aufstellung in wichtigen Spielen

Die deutsche Nationalmannschaft hat den Anspruch, die beste Mannschaft auf der Welt zu sein (bzw. zu werden). Dennoch stellt Jogi Löw das Team in entscheidenden Spielen nicht nach der eigenen Stärke auf, sondern richtet sich nach dem Gegner. Anstatt dem Kontrahenten das eigene Spiel aufzuzwingen, reagiert man nur. Das war gegen Spanien im WM-Halbfinale 2010 so, das war gegen Italien im EM-Halbfinale 2012 so. Nachdem er damit zweimal gescheitert ist, sollte Jogi Löw zu der Erkenntnis gelangt sein, dass man Titel nur über den Glauben an die eigene Stärke gewinnen kann.

Jogi Löw ist ein hervorragender Trainer wenn es darum geht, eine Mannschaft zu entwickeln. Er ist auch ein hervorragender Trainer für Qualifikations- und Gruppenspiele. Doch in den K.O.-Runden großer Turniere, wenn man mit spielerischem Vermögen allein keine Spiele mehr gewinnt, ist er den Nachweis seiner Klasse bislang schuldig geblieben. Große Mannschaften zeichnet aus, dass sie einen Plan B in der Tasche haben, dass sie nach Rückschlägen wiederkommen. Seit dem Serbien-Spiel bei der WM 2010 ist die deutsche Mannschaft in Pflichtspielen nach einem 0:1 aber stets als Verlierer vom Platz gegangen.

Die reine Entwicklung hervorragend ausgebildeter Spieler ist schön, aber sie bringt keine Titel. Nun kann man nach wie vor attestieren, dass der Zenit der DFB-Elf vermutlich erst 2014 erreicht ist. Doch der Druck wird mit jedem nicht gewonnenen Turnier größer. 2006 konnte die Mannschaft nur überraschen, 2008 und 2010 durfte sie den Titel holen, 2012 musste sie es fast. Die logische Folge: Bei der WM 2014, wenn die Generation Lahm, Schweinsteiger, Podolski um die 30 sein wird und Özil, Khedira, Hummels oder Müller knapp 25 Lenze zählen, MUSS der Titel eigentlich her…

1 Kommentar

1 Ping

  1. zane sagt:

    Natuerlich ist es einfach nach dem enttaeuschenden Verlauf dieser EM den Finger zu heben und zu kritisieren was nicht Niet- und Nagelfest ist, aber ich moechte dennoch meine Meinung kund tun.

    Ich moechte mich hierbei vollkommen auf die Arbeit von Joachim Loew beziehen, der in der Oeffentlichkeit ja fast schon den Status eines Popstars inne hat(te).
    Man muss sich die Frage stellen, ob ein Jogi Loew wirklich der ausgewiefte Trainer ist, als der er von vielen gesehen wird. Die Deutsche Nationalmannschaft hat, seit die Generation Podolski, Schweinsteiger ins Rampenlicht trat, lediglich einen wirklichen Trainer gehabt (Jürgen Klinsmann hat zwar eine Menge bewegt und viele veraltete Strukturen aufgerissen, wofuer man ihm auch heute noch dankbar sein sollte – ein Trainer war er in meinen Augen aber freilich nciht).
    Es stellt sich die Frage ob ein anderer Trainer mit dem vorhandenen Spielermaterial nicht vielleicht den selben, oder gar groeßeren Erfolg erzielt haette. Hypothethisch, natuerlich.

    Streitpunkte bei dieser EM
    – Defintiiv die Vorbereitung. Mag sein, dass es populistisch klingt sich an sowas aufzuhaengen, aber ich bin dennoch der Meinung, dass der Fokus in der Vorbereitung irgendwo zwischen Formel 1 Events, Werbeaufnahmen und Gina Lisa verloren ging.
    – Das Festhalten an Podolski, Schweinsteiger und Mueller, waehrend auf der Bank Reus, Goetze und Schuerle mit den Hufen scharen. Dankbarkeit ist ein toller Charakterzug und zeigt auch eine gewisse Loyyalitaet – ob sie dem Erfolg aber beitraegt, mag ich zu bezweifeln.
    – Die Halbfinal-taktik macht mir auch heute noch eine Gaensehaut wenn ich mich an den freien Raum auf der rechten Seite erinnere.

    Oezil hat uebrigens Recht, nicht alles was gestern noch gut war ist heute schlecht, aber manchmal ist das staendige Scheitern, kurz vor dem ganz großem Ziel, Ausdruck das es irgendwo an etwas fehlt und hapert.

  1. Auch Khedira hält Hymnen-Diskussion für unnötig sagt:

    […] Schächter vermisst das Intendantenamt nicht Emotionen: 11* In Blogs gefunden: Nach dem EMAus Die BübchenFrage Aktives AbseitsEinige sind populistischer Müll wie die HymnenDiskussion oder das RundumSorglosPaket An anderen […]

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