«

»

Nov
14

Nach Wolfgang Overaths Rücktritt – Was nun, 1. FC Köln?

Die knapp 2.700 Vereinsmitglieder des 1.FC Köln, die sich gestern zur Mitgliederversammlung in die Lanxess-Arena verirrt hatten, erwarteten vermutlich einen eher geruhsamen Nachmittag. Ein wenig Applaus spenden, ein paar Buhrufe, ein bisschen Rumkrakeelen, das eine oder andere Kölsch kippen, aber letzten Endes so nach Hause gehen, wie man gekommen war. Dabei hatten die Fans die Rechnung ohne den (Ex-)Präsidenten gemacht, der überraschend seinen Rücktritt verkündete.

Noch nicht einmal der stets gut unterrichtete „Express“ hatte im Vorfeld etwas geahnt. So plätscherten denn auch die Kommentare im Live-Ticker(!) zur Jahreshauptversammlung zunächst vor sich hin: „14:20 Uhr: Jedes Mitglied hat ein Abstimmungsmodul in der Hand. Das erinnert ein wenig an den Publikumsjoker bei ‚Wer wird Millionär‘.“ […]14:21 Uhr: „Das System funktioniert nur in der Halle, sagt Stadion-Animateur Düker. Also nicht auf dem Klo. Wer pinkeln geht, kann also nicht die FC-Geschicke beeinflussen.“ […] 14:26 Uhr: „Es gibt übrigens Pommes, Würstchen, Pizza, Popcorn, Eis und Kölsch. Im Umlauf der Halle wirkt wirklich alles wie bei einem großen Pop-Konzert.“.

Erst als Präsident Wolfgang Overath unplanmäßig das Wort ergriff, wurde es interessant. Schließlich hatte es vor ein paar Tagen hatte es noch geheißen, Vizepräsident Fritz Neukirch würde auf der Versammlung stellvertretend für den Vorstand sprechen. Vorstellbar wäre an dieser Stelle gewesen, dass Overath zu den kritischen Stimmen gegen sich Stellung beziehen wollte – was er auch tat, allerdings mit einer unvorhergesehen Pointe…

Ein Abgang im besten Overath-Stil

„Weil wir gut aufgestellt sind, haben Fritz Neukirch, Jürgen Glowacz und ich uns jetzt entschlossen, als Präsidium des 1. FC Köln zurückzutreten! Und zwar mit dem Ende der heutigen Sitzung.“ Rums! Das waren die Worte, die vor allem die Overath-kritische Gruppierung „FC:Reloaded“ ersehnt, aber wohl kaum erwartet hatte. Ganz zu schweigen vom neutral oder gar pro Overath eingestellten Teil der Mitglieder. Mit Pauken und Trompeten nahm Wolfgang Overath seinen Hut. Das muss ganz nach dem Geschmack des eitlen und gekränkten Präsidenten gewesen sein. Ebenso passt ins Bild, dass der 68-jährige und seine Mitstreiter ihren Entschluss erst wenige Stunden vor der Versammlung gefasst haben sollen.

Wolfgang Overath polarisiert, und zwar nicht erst seit er Präsident ist: Als Spieler wurde er respektiert und bewundert, aber aufgrund seiner Art nicht immer geliebt. Seine Verdienste um den Verein standen dennoch immer außer Frage. Unschön sein Karriereende: 1977 überwarf er sich mit Trainer Hennes Weisweiler, wurde von diesem quasi mit dem Lasso von der Fußballbühne geholt. Die letzte Deutsche Meisterschaft 1978 erlebte er unfreiwillig bereits als „Fußball-Rentner.“

Quasi vom Tag seines Karriereendes an hat man in Köln darauf gewartet, dass sich der 81-malige Nationalspieler für den Verein engagiert. 27 Jahre lang überließ er jedoch anderen das Feld, „stahl“ sich – anders als Franz Beckenbauer in München oder Uwe Seeler in Hamburg – immer wieder aus der Verantwortung. Erst 2004 kandidierte Wolfgang Overath unter dem Jubel der FC-Gemeinde als Präsident und wurde folgerichtig mit riesiger Zustimmung gewählt. Das traditionell leicht zu entflammende Umfeld erwartete nun nichts anderes als den Sprung an die nationale Spitze. Dass es nicht so gekommen ist, dürfte selbst in Köln nur ganz wenige verwundert haben – einer von ihnen war Wolfgang Overath.

7 Jahre Overath: Bilanz einer Präsidentschaft

Als Wolfgang Overath den 1.FC Köln übernahm, war der Verein gerade in die 2. Liga abgestiegen. Als erste Amtshandlung entließ er Trainer Marcel Koller, installierte Huub Stevens. Overaths Vision damals lautete: 2005 Aufstieg in die 1. Liga, 2006 Klassenerhalt, 2007 Mittelfeldplatz, 2008 Europapokal-Quali etc. Sein Konzept: „Macht mal“ und „Et hät noch immer joot jejange“. Wenn Fußball doch nur so einfach wäre!

Die Realität sah so aus: Bereits im zweiten Jahr verfehlte man den „Plan“, stieg wieder ab, musste quasi wieder von vorne anfangen – mit dem vermeintlichen „Messias“ Christoph Daum, der letzten Endes viel Unruhe, aber wenig Erfolg brachte. Als Bilanz der „Ära Overath“ stehen zwei Aufstiege, ein Abstieg, ein Podolski-Verkauf, ein Podolski-Kauf, die Erhöhung der Verbindlichkeiten auf knapp 30 Millionen Euro und nicht zuletzt mehrere Fehlbesetzungen in der sportlichen Leitung, aber teilweise auch mangelnde Geduld mit den Verantwortlichen. Acht Cheftrainer und drei Manager respektive Sportdirektoren arbeiteten in sieben Jahren unter Wolfgang Overath.

Immerhin ist der FC nun die vierte Saison in Folge erstklassig, vom Overath’schen Ziel – oder besser: Traum – der Europapokalteilnahme ist man aber immer noch ein gutes Stück entfernt. Die Mannschaft hat sich in den letzten sieben Jahren nur zaghaft weiterentwickelt und glänzt immer wieder durch eine fast hollywoodreife Divenhaftigkeit.

War Wolfgang Overath ein guter Präsident?

Wolfgang Overath hat ein Herz für den 1.FC Köln. Sein Wort hat Gewicht, bei Spielern wie Geldgebern. Lukas Podolski wäre wohl kaum zurückgekehrt, wenn Overath nicht gewesen wäre. Auch der eine oder andere Sponsor wurde durch den Weltmeister von 1974 angelockt und gehalten. Das sind Leistungen, die man anerkennen sollte.

Doch Wolfgang Overath stand einer erfolgreichen Präsidentschaft auch immer selbst im Weg, weil er ein – in ungesundem Maße – Bauch gesteuerter Mensch ist. Ein Beispiel: Im Idealfall mischt sich ein Präsident heutzutage nur noch in Ausnahmefällen in die sportlichen Belange ein. Das FC-Idol handelte jedoch mehrfach im Alleingang und stauchte die Spieler in Hochphasen im Zwei-Wochen-Takt zusammen. Durch ein solches Handeln untergrub er die Autorität seiner Trainer. Vor allem „schwache“ Übungsleiter, wie Soldo oder Schaefer, scheiterten an Overath und dessen Selbstverständnis.

Darüber hinaus gab der eitle Präsident viele streitbare Interviews, in denen er das eigene Handeln undifferenziert darstellte und so die gesamte Führungsriege angreifbar machte. Anstatt sich mit Kritik sachlich auseinander zu setzen, fasste Overath sie stets als Majestätsbeleidigung auf und verlor so an Kredit und Glaubwürdigkeit.

Die größte Fehleinschätzung aber war, dass Wolfgang Overath es als Selbstverständlichkeit angesehen hat, für sein Handeln gefeiert zu werden – eben weil er den Verein zeitlebens im Herzen trägt. Doch das ging weder mit seiner Amtsführung, noch mit seiner streitbaren Persönlichkeit, noch mit den sportlichen und finanziellen Ergebnissen zusammen.

Idol hin oder her, Wolfgang Overath muss sich wie jeder andere Mensch auch an dem messen lassen, was er unter dem Strich erreicht hat. Und das war eben auch nicht viel mehr als das, was sein viel gescholtener Vorgänger Albert Caspers (1997-2004) geschafft hat, ein Mann aus der Wirtschaft, dem nach gängiger Meinung der „Stallgeruch“ des Fußballs fehlte. Heute, mit ein paar Jahren Distanz, sieht man, dass weder das eine noch das andere Extrem das allein Seligmachende ist.

Was kommt nach Overath?

Bis zur Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Jahr 2012 ist der FC zumindest nominell nicht ganz führungslos. Dr. Werner Wolf, Mitglied der Geschäftsführung des FC-Sponsors „Bitburger“, wird als frisch gewählter Vorsitzender des Verwaltungsrats den Verein bis dahin kommissarisch führen.

Wer sich das Amt der Overath-Nachfolge zutraut? Es darf spekuliert werden. Wird es noch einmal ein Ex-Idol, wie der nie um einen Kommentar verlegene Toni Schumacher? Stellt sich allen Ernstes der „FC:Reloaded“-Frontmann Stefan Müller-Römer zur Wahl? Oder wieder ein Mann aus der Wirtschaft, der im Idealfall über gute Verbindungen verfügt und sich aus den sportlichen Belangen weitgehend heraushält? So oder so, der 1.FC Köln hat seinem Ruf als „Karnevalsverein“ pünktlich zum Start der Session wieder alle Ehre gemacht. Passend wäre ja, wenn man das Amt des Spieler-Präsidenten einführen und Lukas Podolski installieren würde. Der könnte dann seiner eigenen Vertragsverlängerung bzw. seinem Verkauf zustimmen. Wäre mal was Neues. Und es ist nicht so, als wäre so etwas in Köln undenkbar…

3 Kommentare

Derzeit kein Ping

  1. Reisetipp Zypern sagt:

    Zypern als ein schönes Beispiel für einen Sponsor der angelockt aber nicht gehalten wurde…

    http://www.rp-online.de/sport/fussball/zweiteliga/neuer-trikotsponsor-fuer-den-1-fc-koeln-1.1554802

  2. Soldo-Rückblick sagt:

    Der Kommentar beschreibt die Situation meines Erachtens umfassend und richtig. Einzig beim Scheitern Soldo´s bin ich anderer Meinung. Der ist nicht an Overath gescheitert, sondern an seiner Berufsauffassung, denn dazu gehört u. a. der Umgang mit Charakteren, die anders sind als der eigene.

    1. Heibel sagt:

      Was Soldo angeht, kann ich dir nicht widersprechen. Dennoch ist es für einen Trainer alles andere als hilfreich, wenn der Präsident regelmäßig in die Kabine stürmt und seine Brandreden hält. Das ist Demontage pur, da hätte er ihn auch gleich entlassen können.

      Zu Soldo: Seine Bilanz in der ersten Saison war ok, das war aber auch alles, was für ihn sprach. In Köln musst du halt auch der Presse was bieten. Wenn du dann auch noch ein guter Trainer bist, der auch die Spieler erreicht, hat auch der Verein was davon #stale solbakken

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*