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Feb
29

Neuer FIFA-Boss Infantino: Was den Fußball erwartet

Die Ära Sepp Blatter ist endgültig beendet. Unter seinem am Freitag gewählten Nachfolger Gianni Infantino will der Fußball-Weltverband FIFA sein ramponiertes Image wieder aufpolieren. Der Schweizer möchte und soll Hoffnungsträger sein, doch mit seinem Wahlkampfprogramm und seinen Ideen stößt der 45-Jährige bereits jetzt auf Widerstand.

Jahrelang war Gianni Infantino ein eher unauffälliger Ergänzungsspieler in der Weltauswahl der Fußballfunktionäre. Als Geschäftsführer der Europäischen Fußball-Union (UEFA) war der 45 Jahre alte Schweizer zuletzt sieben Jahre lang die rechte Hand des französischen Präsidenten Michel Platini. Loyal, scheinbar ohne große weitere Ambitionen.

In der Öffentlichkeit trat der Mann mit der markanten Glatze vor allem als gut gelaunter Zeremonienmeister bei Auslosungen zur Champions League, Europa League und zu Europameisterschaften in Erscheinung. Nach der Sperre gegen Platini nur als B-Lösung der UEFA in den FIFA-Wahlkampf gestartet, sicherte sich Infantino am Freitag ein wenig überraschend den bröckeligen Thron über die Fußball-Welt.

Nicht nur in Blatters Nachbarschaft aufgewachsen

Bemerkenswert: Der aus dem 12.000-Seelen-Ort Brig-Glis stammende Walliser Infantino ist im Nachbarort von Blatter (Visp) großgeworden. Es ist nicht die einzige Parallele zwischen den beiden: Infantino und der 34 Jahre ältere Blatter sprechen zahlreiche Sprachen, gelten als gut vernetzt – und haben eine überaus ähnliche Form der Wahlkampfführung.

Genau wie der wegen Korruption abgesägte Blatter griff auch Infantino im Vorfeld der Wahl zum in FIFA-Kreisen gern akzeptierten Schmiermittel Geld. 5 Millionen Dollar aus dem Topf des Weltverbandes versprach Infantino jedem der 209 Mitgliedsverbände „zur Förderung des Fußballs“, wenn er gewählt wird. Bestechung ist dies zwar nicht direkt, weil die FIFA ein gemeinnütziger Verband ist. Doch Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, sieht ebenfalls anders aus.

Infantino muss vor allem zunächst PR-Experte sein

Natürlich ist es Infantinos vorrangige Aufgabe, den einstmals guten (!) Ruf der FIFA wiederherzustellen. Hierfür halten ihn viele für geeigneter als den eigentlichen Wahl-Favoriten Scheich Salman aus Bahrain, der jahrelang hochrangige FIFA-Ämter innehatte und beim blutig niedergeschlagenen Aufstand in seinem Heimatland 2011 seine Finger im Spiel gehabt haben soll.

Infantino hat dagegen einen durchaus positiven Leumund, unter anderem der Deutsche Fußball-Bund (DFB) positionierte sich frühzeitig für den Schweizer und erklärte ihn zum besten unter den fünf Kandidaten. Aber: Auch Infantino ist seit Jahrzehnten Teil des anrüchigen Systems Weltfußball, ohne politische Ränkespiele wäre sein Aufstieg zum Generalsekretär der UEFA unmöglich gewesen. Ebenso wie jetzt seine Wahl zum FIFA-Präsidenten.

Die britische „Daily Mail“ bringt die Lage auf den Punkt: „Gianni Infantino war unter den gegebenen Umständen das geringste Übel. Selbst der Einschlag eines Meteoriten würde das Gesicht der FIFA kaum verändern. Die beiden Lebensformen, die in einer post-apokalyptischen Landschaft am wahrscheinlichsten überleben würden, sind Kakerlaken und FIFA-Funktionäre.“ Nicht wenige glauben daher, dass die Ära Infantinos, der zunächst für vier Jahre gewählt ist, nur eine Phase des Übergangs sein kann. Bis die FIFA von Grund auf anders aufgestellt ist, vergehen wohl Jahrzehnte.

So sieht es auch Claudia Roth. „Das Problem der FIFA bleibt fundamental, solange die alten Strukturen weiterwirken und die Zöglinge des bisherigen Systems die Geschäfte übernehmen“, sagte die Grünen-Politikerin der Rheinischen Post: „Wenn die Mitgliedsorganisationen der FIFA ihre Reformversprechen wirklich einhalten wollen, sollten sie den Teufelskreis aus alten Strukturen und Methoden ein für alle Mal durchbrechen. Danach sieht es auch weiterhin nicht aus.“

Wie will Infantino den Fußball konkret verändern?

Infantino hat konkrete Pläne mit dem Fußball. Vor allem seine (Schnaps-)Idee, die Weltmeisterschaftsendrunden von 32 auf 40 Teilnehmer aufzublähen, hätte auch von Blatter oder Platini stammen können. Entsprechend groß ist hier der Widerstand der Europäischen Klub-Vereinigung ECA und der Verbände vor allem aus Europa. Das alte Mittel der Machtsicherung über die Zusicherung von Startplätzen für kleine Nationen greift auch bei Infantino wieder.

Überhaupt die Weltmeisterschaften: Einst das schönste Ereignis im Weltfußball, liegt die WM nach den vermeintlich gekauften Vergaben nach Russland 2018 und Katar 2022 danieder wie die gesamte FIFA. Eine transparente Vergabe des Turniers 2026, an dessen Ende niemand einen Zweifel an der Rechtmäßigkeit haben kann, muss ganz oben auf Infantinos sportpolitischer Agenda stehen.

Konkret wird er sich auch mit dem Thema Videobeweis auseinandersetzen müssen. Nicht nur die Bundesliga fordert mit Nachdruck, nach der Torlinientechnologie eine zweite technologische Hilfe auf dem Spitzenlevel zu implementieren. Der vergleichsweise junge Infantino gilt hier als durchaus aufgeschlossener Geist, der dem eigentlich erzkonservativen International Football Association Board (IFAB) mehr Innovationsbereitschaft einhauchen könnte.

Nach den Reformen: Wie mächtig ist Infantino?

Am vergangenen Freitag wurde nicht nur der neue FIFA-Präsident gewählt, sondern – fast noch wichtiger – ein gewaltiges Reformpaket verabschiedet. Dieses hat Infantino binnen 60 Tagen umzusetzen. Neben der Einführung eines Aufsichtsrates anstelle des umstrittenen Exekutivkomitees sowie einer Frauenquote muss Infantino auch einen neuen Generalsekretär für den Weltverband vorschlagen.

Dieser soll nach der Reform nicht mehr nur der zweite Mann nach dem Präsidenten, sondern ähnlich einem CEO in der Wirtschaft die Exekutive des Weltverbandes steuern. Der FIFA-Präsident soll dagegen an Einfluss verlieren und eher repräsentative Aufgaben erfüllen.

Infantino selbst sieht das nicht ganz so. „Ich glaube nicht, dass die Verbände mich zum FIFA-Präsidenten gewählt haben, damit ich nur repräsentiere“, sagte er am Sonntag dem ZDF. Irgendwie hat man das Gefühl, dass es bei der FIFA weitergeht wie gehabt.

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