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Jan
20

„Nicht viele Fehler gemacht“ – Kann Dortmund Abstiegskampf?

In zehn Tagen startet die Bundesliga in die Rückrunde. Beim tief gefallenen Vizemeister Borussia Dortmund rückt die Stunde der Wahrheit näher. Vor dem Start in die zweite Halbserie beim Tabellendritten Bayer Leverkusen muss eine Frage erlaubt sein: Ist der Tabellen-Siebzehnte wirklich bereit für den Abstiegskampf?

Reus, Hummels, Gündogan, Sahin, Kagawa, Aubameyang und viele mehr – keine Frage, Borussia Dortmund verfügt über einen Kader der Extraklasse. Doch so wenig wie man vor der Saison geglaubt hätte, dass der Meister von 2011 und 2012 die Hinrunde auf Position 17 beenden würde, so gespannt muss man auf die Reaktion des ins Schlingern geratenen Luxusdampfers in der Rückrunde sein.

Angesichts von zehn Niederlagen aus den ersten 17 Spielen nimmt niemand mehr das eigentlich selbstverständliche Ziel Champions-League-Qualifikation in den Mund. Kein Wunder, Rang drei ist 13 Punkte entfernt, selbst auf den letzten Europa-League-Platz beträgt der Rückstand zwölf Zähler. Der Klassenerhalt ist das Maximum in der Seuchensaison 2014/15.

Verletzte und Formschwankungen werfen Fragezeichen auf

„Es muss diesem Kader möglich sein, besser zu stehen“, drückte BVB-Vorstandschef Hans-Joachim Watzke in der vergangenen Woche seine Zielvorgabe daher auch bewusst vage aus. Selbst der nie um einen flotten Spruch verlegene Sauerländer ist vorsichtig geworden angesichts der Vielzahl schwacher Auftritte im vergangenen halben Jahr.

Weil das Lager der Verletzten und Rekonvaleszenten immer noch sieben Spieler umfasst (Durm, Großkreutz, Kehl, Bender, Sahin, Ramos, Mchitarjan) und in Langerak, Kagawa und Aubameyang drei weitere Spieler im Namen ihrer Nationalmannschaften unterwegs sind, haben Zweifel ihre Berechtigung, ob die Borussia das Feld wirklich von hinten aufrollen und sich spätestens im April aller Abstiegssorgen entledigen kann.

Dortmund droht der zweitgrößte Absturz der Liga-Geschichte

Wenn nicht, wäre es eine der größten Negativ-Sensationen in der 52-jährigen Bundesliga-Geschichte. Erst einmal ist ein Vizemeister im Folgejahr abgestiegen (Alemannia Aachen in der Saison 1969/70), „getoppt“ nur durch den 1. FC Nürnberg, der 1968/69 als amtierender Meister den Klassenerhalt verpasste. Doch das ist lange her.

Im modernen Fußball, in dem die Schere zwischen großen und kleinen Vereinen so groß ist wie nie, KANN ein Luxus-Kader wie der Dortmunder eigentlich nicht absteigen. Das denkt offenbar auch immer noch der sichtlich angegriffene Trainer Jürgen Klopp, der trotz der desaströsen Hinrunde im Wintertrainingslager zu Protokoll gab: „Wir sind maximal selbstkritisch. Aber viele Fehler haben wir nicht gemacht.“

Die Abwärtsspirale bremsen

Möglicherweise hat Klopp ja recht, und die Mannschaft benötigt „nur“ eine Initialzündung, wie sie ein Sieg beim Spitzenteam Leverkusen darstellen könnte. Wenn die Offensive dann einmal ins Rollen kommt und die eklatanten Abwehrfehler ausbleiben, kehrt das Selbstvertrauen zurück und Dortmund würde von einem auf den anderen Tag wieder wie ein Spitzenteam auftreten.

Doch durchaus vorstellbar ist auch ein anderes Szenario: Eine Niederlage in Leverkusen, die der Dortmunder Abwehr durch ihren aggressiven Pressingstil einige Probleme machen könnten und schon kommen die bösen Fragen wieder.

Braucht Dortmund einen neuen Plan?

Apropos Pressingfußball: Neben den vielen Personalsorgen, dem Abgang von Torjäger Robert Lewandowski und dem psychologisch fatalen Verlust des Selbstverständnisses gerade in Auswärtsspielen scheint auch kaum ein Konkurrent mehr durch das Dortmunder Spiel zu beeindrucken zu sein. Der BVB stellt immer noch das laufstärkste Team, doch die berühmten Überfälle der letzten vier, fünf Jahre werden kaum noch zugelassen.

Im Gegenteil, viele Konkurrenten scheinen den Dortmunder Stil adaptiert zu haben und lassen sich ihrerseits kaum noch überrumpeln. Dass der BVB in den meisten Rückrundenspielen kommen muss, dürfte den Gegnern zusätzlich in die Karten spielen.

Die Großchance, Charakter zu zeigen

Zumindest garantiert Dortmund eine spannende zweite Halbserie in einer Saison, in der die Meisterfrage bereits geklärt scheint. Letztlich haben viele beim BVB auch eine riesige Chance, Charakter zu zeigen.

Nicht nur Neuzugang Kevin Kampl, der ohne jede Minute Bundesliga-Erfahrung der große Hoffnungsträger sein soll. Auch Marco Reus, der ein Seuchen-Jahr der Verletzungen mit seiner Führerschein-Affäre gekrönt hat und wohl auch in den nächsten Monaten dauerhaften Wechselgerüchten ausgesetzt sein dürfte. Oder die „Bank-Weltmeister“ Weidenfeller, Durm, Großkreutz und Ginter.

Und nicht zuletzt Klopp, dem im verflixten siebten Jahr beim BVB erstmals nicht alles leicht von der Hand geht. Wobei eines sicher scheint: Dortmund wird Klopp auch im ungünstigsten Fall nicht entlassen. Das wahrscheinlichste Szenario wäre eine Trennung im Sommer in beidseitigem Einvernehmen, dem Klopp ein Engagement in der Premier League folgen lässt. Oder er bleibt und baut eine neue Mannschaft auf – das wäre dann wirklich eine Art, Charakter zu zeigen.

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