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Mai
10

Nichts wie weg mit der Relegation!

Die Relegation gehört dringend abgeschafft. Die am Samstag endende Bundesliga-Saison 2017/18 hat einmal mehr gezeigt, dass kein Tabellen-16. eine weitere Bewährungschance verdient hat – vor allem nicht, wenn er Hamburger SV oder VfL Wolfsburg heißen sollte. 

Bevor mir Polemik unterstellt wird, widmen wir uns zunächst den nüchternen Fakten: Die 1. Bundesliga existiert seit 1963 und hat nunmehr fast 55 komplette Spielzeiten auf dem Buckel. Die Relegation zur 1. Bundesliga zwischen dem Tabellen-16. des Oberhauses und dem Drittplatzierten der 2. Bundesliga wurde zur Saison 1981/82 eingeführt, parallel mit der Einführung des eingleisigen Unterhauses. Nach der Spielzeit 1990/91 wurde die Relegation abgeschafft, ehe sie 2008/09 erneut aufgelegt wurde und seither Bestand hat. 2008/09 wurde die Relegation zudem in der 2. Bundesliga eingeführt. Am 17. und 22. Mai 2018 erhält somit ein Erstligist zum 20. Mal die Chance, eine ziemlich verkorkste Saison doch noch zu retten – 14-mal gelang ihm dies bislang. Das entspricht auf dem Papier ziemlich genau einer 75-prozentigen Wahrscheinlichkeit auf Rettung.

Relegation: ungerecht, aber spannungsgeladen

Klar ist, dass die Relegation immer den Teilnehmer der höheren Klasse bevorteilt. Nicht nur, weil dieser über den höheren Personaletat und damit formal über mehr Qualität verfügt. Sondern auch, weil diese Mannschaft noch einmal eine allerletzte Chance erhält, eine eigentlich verkorkste Saison zu retten. Die Relegation ist gewissermaßen das „Gummileben“ des harten Fußball-Geschäfts. Der Teilnehmer der unteren Liga droht dagegen eine gute Saison mit einer Enttäuschung abzuschließen.

Dass es die Relegation gibt, ist gewiss ein Spannungselement. Nehmen wir als Beleg die Saison 2013/14: Damals verloren die drei schlechtesten Vereine Hamburger SV, 1. FC Nürnberg und Eintracht Braunschweig samt und sonders ihre letzten fünf Bundesligaspiele. Ohne den Relegationsplatz 16 wäre die Bundesliga also in der Abstiegsfrage ein Langweiler gewesen, weil bereits frühzeitig alle Entscheidungen gefallen wären. Auch in dieser Spielzeit konnte der 1. FC Köln trotz der desaströsen Ausbeute von sechs Punkten nach der Hinrunde lange zumindest auf die Relegation schielen. Auch für den Hamburger SV geht es allein deswegen am Samstag überhaupt noch um etwas – in einer Liga ohne Relegation wäre der Dino bereits am vergangenen Wochenende abgestiegen. Beziehungsweise: Um präzise zu sein, bereits 2014 erstmalig.

In Relegationsspielen verdichtet sich die Spannung noch einmal. Mehr noch als in einem Pokalspiel geht es hier um die Zukunft eines Vereins für mindestens die nächsten zwölf Monate, vielleicht sogar für länger. Wenn sich dann im Rückspiel alles zuspitzt, entstehen oft Thriller, die im Gedächtnis bleiben. Ohne sie hätte der deutsche Fußball trotzdem anders – in jedem Fall gerechter – ausgesehen.

Wolfsburg und Hamburg verdienen die Chance auf Bewährung nicht

Für die viel zitierte „Marke Bundesliga“ ist es nicht gut, dass es demnächst eine Relegation zwischen Holstein Kiel und – je nach Verlauf des 34. Bundesliga-Spieltags – dem SC Freiburg, dem VfL Wolfsburg oder dem HSV gibt. Denn dass sich der VfL oder der HSV noch retten kann, muss jedem aufstoßen, der keine Fangefühle für einen dieser Klubs hegt. Hamburg wie Wolfsburg gehen seit Jahren mit großem Budget in die Saison. Und jedes Jahr aufs Neue enttäuschen diese Millionentruppen ihre Fans durch Nicht-Leistungen. Unglaublich etwa ist, dass Wolfsburg nur eines seiner letzten 13 (!) Spiele gewonnen hat, womöglich sogar am Samstag gegen den als Absteiger feststehenden 1. FC Köln verlieren und trotzdem über den Unweg Relegation auch 2018/19 erstklassig weiterstümpern darf.

Dass so etwas möglich ist, sollte einen zumindest darüber nachdenken lassen, die Zahl der direkten Abstiegsplätze zu erhöhen. Die Bundesliga will die Fans packen, und der Abstiegskampf schafft dies. Aber nur, weil die Spannung künstlich geschaffen wurde. Der Liga täte es gut, wenn moderne Fußballmärchen wahrscheinlicher werden. Sprich: Ein Underdog wie Holstein Kiel dank Platz drei in der 2. Liga aufsteigt. Und nicht am Ende doch von einer abgewichsten Millionärstruppe, die erst dann ihren Job macht, wenn es fast zu spät ist, unten gehalten wird.

Übrigens: Wer sich die Frage stellt, welchen Einfluss die Relegation auf den deutschen Fußball ausgeübt hat, hier die Was-wäre-wenn-Fassung.

Der deutsche Fußball ohne Relegation: So hätte es ausgesehen

Leverkusen nie ein Big Player?

Bayer Leverkusen war der Gewinner der ersten Relegation 1981/82. Im zweiten Jahr nach dem Aufstieg in die 1. Bundesliga rettete sich die Werkself erst in der Relegation gegen Zweitligist Kickers Offenbach (1:0, 2:1). Ohne Relegation wäre Leverkusen damals abgestiegen – und hätte sich womöglich nie als Spitzenkraft im deutschen Fußball etabliert.

Frankfurts verfrühtes „erstes Mal“

Wenn man so will, war Eintracht Frankfurt der drittletzte „Dino“ der Bundesliga. 1996 stiegen die Hessen gemeinsam mit dem 1. FC Kaiserslautern ab, danach waren nur noch zwei Gründungsmitglieder ohne Unterbrechung im Oberhaus: der 1. FC Köln (stieg allerdings 1998 erstmals ab) und der Hamburger SV, der sich seither als „Dino“ feiern lassen darf. Ohne Relegation wäre Frankfurt aber schon 1984 abgestiegen. Die Hessen retteten sich mit 5:0 und 1:1 gegen den MSV Duisburg. 1989 zog die Eintracht erneut in der Relegation den Kopf aus der Schlinge: Beim 1:2 und 2:0 gegen den 1. FC Saarbrücken (mit dem späteren Frankfurter Anthony Yeboah) war es aber schon deutlich knapper für die SGE. Immerhin hat Frankfurt einen inoffiziellen Titel inne: Der Klub nahm dreimal an der Relegation teil und ging dreimal als Sieger hervor (das dritte Mal 2016 gegen den 1. FC Nürnberg).

Fortuna Köln erstklassig: „Schäng“ Löring gefällt das

Fortuna Köln, ewig im Schatten des Stadtrivalen 1. FC Köln, wäre ohne Relegation nach dem Intermezzo 1973/74 zwölf Jahre später noch einmal in die 1. Bundesliga zurückgekehrt. Der Klub aus der Südstadt, der von 1974 bis 2000 unter der Ägide von Sonnenkönig Jean Löring ununterbrochen in der 2. Bundesliga spielte, scheiterte allerdings 1985/86 denkwürdig an Borussia Dortmund: Fortuna gewann das Hinspiel 2:0 und verlor beim BVB 1:3 (damals galt die Auswärtstorregel noch nicht). Im Entscheidungsspiel schoss Dortmund die Kölner 7:0 ab.

Borussia Dortmund: nie Champions-League-Sieger?

Da sind wir bei der anderen Seite der Medaille. Hätte es die 1985/86 Relegation nicht gegeben, wäre Borussia Dortmund vielleicht nie Champions-League-Sieger geworden. Unrealistisch? Nun ja, immerhin hat der damalige und heutige Präsident Reinhard Rauball das 7:0 gegen Fortuna Köln im Entscheidungsspiel der Relegation einst als „wichtigsten Sieg der Vereinsgeschichte“ bezeichnet. Tatsächlich war dieses Spiel so etwas wie die Initialzündung für eine goldene Zukunft: Über die Zwischenstation DFB-Pokalsieg 1989 schwang sich der BVB in den 1990er Jahren unter Ottmar Hitzfeld zwischenzeitlich zur Nummer eins in Deutschland und Europa auf (Meister 1995 und 1996, CL 1997). Auch die goldene Ära Klopp (Meister 2011 und 2012, Pokalsieger 2012, Cl-Finale 2013) wäre so vielleicht nie möglich gewesen.

Gladbach mit Favre in der Versenkung statt in der Königsklasse?

Die Entwicklung von Borussia Mönchengladbach unter Trainer Lucien Favre zwischen 2011 und 2015 war einzigartig. Aus dem Keller der Tabelle führte der Schweizer die Elf vom Niederrhein binnen vier Jahren direkt in die Champions League. Ohne Relegation wäre dieses Fußballmärchen aber nicht möglich gewesen. Denn als Favre im Februar 2011 von Michael Frontzeck übernahm, war Gladbach abgeschlagener Tabellenletzter. Der Taktikfuchs führte das Team in einem Herzschlagfinale noch bis auf Platz 16. Weil es die Relegation gab, war dieser Rang Gold wert. Ohne ihn wäre es aber zum dritten Mal nach 1999 und 2007 in die 2. Liga gegangen. Nix mit der großen Reus-Show 2012 und Platz vier. Und wohl auch nichts mit Platz drei im Spieljahr 2014/15.

Kein Wahnsinn von Düsseldorf

Sportlich gesehen hat die Relegation 2011/12 keinen Unterschied gemacht: Der Dritte der 2. Liga ist aufgestiegen, der 16. der Bundesliga musste runter. Bei diesen Protagonisten der Relegation handelte es sich aber um Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC. Die Szenen hat heute noch jeder Fußballfan vor Augen: Nach dem 2:1-Sieg der Fortunen in Berlin trennen die Rheinländer beim Stand von 2:2 im Rückspiel vor heimischem Publikum nur noch wenige Minuten vom Aufstieg – als die ersten Über-Euphorisierten den Platz stürmen und eine regelrechte Welle lostreten. Das Spiel wird mit Mühe und Not zu Ende gebracht – nur um vor dem DFB-Sportgericht ein wochenlanges Nachspiel zu provozieren. Am Ende stieg Fortuna nach 15 Jahren sportlich wieder auf. Und sofort wieder ab.

Bye, bye Hoffe

Es gibt weiß Gott nicht sehr viele Sympathisanten von 1899 Hoffenheim. Alimentiert vom milliardenschweren Mäzen Dietmar Hopp marschierte der Dorfklub aus dem Kraichgau von der Kreisliga bis in die Bundesliga. War das erste Bundesligajahr 2008/09 noch rauschhaft und spektakulär, entwickelte sich Hoffenheim schnell zur grauen Maus. Nach einer katastrophalen Saison 2012/13 mit drei Trainerwechseln reichte es am Ende dank der Mithilfe von Borussia Dortmund im letzten Saisonspiel (2:1 der TSG im Westfalenstadion) doch noch zur Teilnahme an der Relegation. Dort wurde der 1. FC Kaiserslautern im Duell Neureich gegen Tradition 2:1 und 3:1 geschlagen. Ohne Relegation wäre Hoffenheims Erstliga-Abenteuer zumindest vorläufig beendet gewesen.

HSV: Die Uhr würde seit 2014 nicht mehr ticken

Oben wurde es bereits angerissen: Ohne die Relegation hätte die Stadionuhr des Hamburger SV bereits vor einem Jahr aufgehört zu ticken. Genauer gesagt am 3. Mai 2014 nach dem 1:4 gegen Bayern München am 33. Spieltag. Bei 50 Jahren, 252 Tagen wäre sie stehen geblieben. Wäre… So aber konnte sich der große HSV zweimal hauchdünn gegen die Underdogs Greuther Fürth (0:0, 1:1) und Karlsruher SC (1:1, 2:1 n.V.) retten.

Wolfsburg: 2017 wären in der Autostadt die Lichter ausgegangen

Mit zwei schmucklosen 1:0-Erfolgen beim Niedersachsen-Rivalen Eintracht Braunschweig hielt der VfL im Vorjahr die Klasse. Wohlgemerkt der Verein, der sich nur zwei Jahre zuvor mit berauschendem Fußball die Vizemeisterschaft und den DFB-Pokal gesichert hatte. Doch seither wurde viel Geld den Mittellandkanal hintergespült. Der Retortenklub bettelt um den Abstieg. Dieser täte vielleicht mal gut.

Nur halb so dramatisch: das beste Abstiegsfinale mit Relegation

Wer weiß noch, was am 29. Mai 1999 passiert ist? Genau: das dramatischste Abstiegsfinale der Bundesliga-Geschichte. Damals gab es keine Relegation und der VfL Bochum sowie Borussia Mönchengladbach waren am letzten Spieltag schon längst abgestiegen. Gleich sechs Vereine konnten an jenem sonnigen Samstag noch auf Platz 16 landen. Die schlechtesten Karten hatte Eintracht Frankfurt als Drittletzter mit 34 Punkten und minus 14 Toren. Eigentlich gerettet war der 1. FC Nürnberg mit 37 Punkten und einer um fünf Tore besseren Differenz.

Der Rest ist großes Gefühlskino: Frankfurt holte irre auf, die Teams auf den anderen Plätzen spielten mit und in Nürnberg grüßte Radioreporter Günther Koch um 17.17 Uhr vom „Abgrund“. Mit einer Relegation wäre Fjörtofts 5:1 in Frankfurt nicht so heroisch gewesen, und der Fehlschuss von Frank Baumann in Nürnberg nicht so folgenschwer. Irgendwie gibt es also genug Gründe, das mit der Relegation noch einmal zu überdenken…

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