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Jun
25

Noch nicht weltmeisterlich

Dank der sympathischen Isländer geht derzeit ein „Huuuuuh“ durch Russland. Deutschland konterte am Samstagabend um kurz vor 22 Uhr mit einem kollektiven „Jaaaaaa!“. Durch den Last-Minute-Siegtreffer von Toni Kroos im zweiten WM-Gruppenspiel gegen Schweden ist Deutschland endlich angekommen im Turnier.

Im Fußball neigt man ja zu Extremen. Superheld oder Oberdepp, Megaerfolg oder totale Katastrophe. Es gibt wenig dazwischen, könnte man meinen. Doch, gibt es: Nach dem 2:1 gegen Schweden ist die deutsche Mannschaft weder mit einem Schlag zum WM-Favoriten Nummer eins aufgestiegen, noch liegt die 12-jährige Arbeit von Bundestrainer Joachim Löw in Scherben – auch wenn Toni Kroos in der fünften Minute der Nachspielzeit den Ball nur ein wenig hätte anders treffen müssen, und im DFB-Lager würde Depression statt Aufbruchstimmung herrschen.

Doch auch das ist Fußball: Nuancen entscheiden über Sieg oder Niederlage, Weiterkommen oder Ausscheiden. In diesem Fall hat das Kroos-Tor dem Weltmeister wieder die Fäden in die Hand gegeben. Ein Sieg mit zwei Toren Unterschied am Mittwoch in Kasan gegen Südkorea, und das Achtelfinale ist unabhängig vom Ausgang der Parallel-Partie Schweden gegen Mexiko sicher. Wenn Schweden die Mexikaner besiegt, Deutschland aber gegen die Asiaten noch höher gewinnt, dann zieht die Löw-Elf sogar als Gruppenerster in die K.o.-Runde ein. Dort beginnt das Turnier sowieso von vorn, man muss einfach jeden schlagen.

Die Initialzündung für Deutschland?

Die Frage ist nun, was dieses späte Siegtor ausgelöst hat. Ist eine angeblich zerstrittene Truppe mit einem mal wieder ein verschworener Haufen? Wenn die Stimmung im Team tatsächlich so schlecht war wie teilweise berichtet wurde, dann dürfte sich an der Chemie nicht viel verändert haben. Wahrscheinlicher ist, dass eine vielleicht nicht ganz homogene Gruppe gemerkt hat, was möglich ist.

In großen Turnieren erlebt man diese Momente immer wieder. Bei der Heim-WM 2006 gab das späte 1:0 gegen Polen ebenfalls im zweiten Gruppenspiel der Mannschaft und den Fans den festen Glauben, dass es etwas werden kann mit dem Titel (wurde es nicht, allerdings entschieden Nuancen; siehe oben). Bei der WM 2014 kam das Team nach dem überaus glücklichen 2:1 nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Algerien zur Erkenntnis, dass man kaum zu schlagen sein dürfte, wenn man erst mal gut spielt (damals wurde es was mit dem Titel, wie einige vielleicht wissen).

2016 bei der wiederum bot die DFB-Elf taktisch einen starken Fußball, war auch im Halbfinale gegen EM-Gastgeber Frankreich die bessere Mannschaft. Deutschland schied aber aus, weil man seine Überlegenheit nicht in Tore ummünzte, sich kurz vor der Halbzeit einen unnötigen Elfmeter leistete und in der Schlussphase noch einmal ausgekontert wurde. C’est la vie.

Immer noch viel Luft nach oben

Was ich damit sagen will: Ohne Glück hat man bei einer WM oder EM keine Chance auf den Titel. Guter Fußball begünstigt aber ein gutes Ergebnis. Und von gutem Fußball war das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Schweden immer noch ein gutes Stück entfernt. Natürlich hatte die DFB-Elf mehr Spielanteile. Sie ist Weltmeister und hatte vor der Partie drei Punkte weniger auf dem Konto als die Schweden, die sich angesichts dieser Basis auf Konter verlegen konnten. Das Spiel an sich war aber immer noch schwerfällig.

Thomas Müller, 2010 und 2014 mit je fünf Toren und vielen starken Aktionen ein unumschränkter Leistungsträger, hatte auch am Samstag kaum gute Szenen. Der für den engagierten Sebastian Rudy (Nasenbeinbruch) noch vor der Halbzeitpause eingewechselte Ilkay Gündogan ließ den Vorschusslorbeeren keine Taten folgen. Ohne Dynamik, spielte der Star von Manchester City fast nur Sicherheitspässe. Die Defensive war in der Abstimmung nach wie vor nicht perfekt. Abwehrchef Jerome Boateng musste sich in der 82. Minute gewissermaßen für die Mannschaft opfern, als er ein Foul im letzten Drittel beging und Gelb-Rot sah.

Wie es für den weiteren Turnierverlauf besser werden könnte, deutete die Schlussphase an. Der etatmäßige Mittelstürmer Timo Werner entfachte mit seiner Schnelligkeit und präzisen Zuspielen in die Mitte viel Gefahr. Im Angriffszentrum hing er zuvor dagegen in der Luft, weil er gegen die tiefstehenden Schweden seinen Antritt kaum ausspielen konnte. Der eingewechselte Julian Brandt traf auch bei seinem zweiten Kurzeinsatz den Pfosten. Der Leverkusener bringt eine schnörkellose Forschheit mit, die erfrischt. Warum also nicht gegen die Südkoreaner mit der Dreierreihe Werner – Marco Reus – Julian Brandt hinter dem Mittelstürmer Mario Gomez beginnen? Eine Frage, die sich der Bundestrainer vermutlich auch stellt.

P.S.: Das Schlechteste am Auftreten war allerdings das tumbe Gehampel von zwei DFB-Funktionären aus der zweiten Reihe vor der schwedischen Bank. Emotionen hin oder her, ein solches Verhalten ist vom Bolzplatz bis zur WM-Bühne einfach nur unsportlich. Auch in diesem Punkt ist Die Mannschaft™ noch nicht titelreif.

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