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Nov
18

Nur ein Fünkchen Hoffnung – Khedira ist kaum zu ersetzen

Wer sich im In- und Ausland nach den besten deutschen Fußballspielern umhört, wird den Namen Sami Khedira vermutlich nicht zu hören bekommen. Der 26-Jährige ist aufgrund seiner Position, seiner Spielanlage und seines Standings nicht mehr als ein Rollenspieler. Allerdings ist dieser Rollenspieler für das DFB-Team kaum zu ersetzen.

Der Kampf gegen die Zeit hat begonnen. Rund sieben Monate sind es noch bis zum WM-Beginn. Auch bei optimaler medizinischer Betreuung und perfektem Heilungsverlauf benötigen Fußballprofis mindestens fünf Monate, um sich von einem Kreuzbandriss zu erholen, wie Khedira ihn am Freitag im Länderspiel gegen Italien erlitten hat. Blieben bestenfalls zwei Monate, um für das Weltturnier in Brasilien wieder in Form zu kommen.

Bundestrainer Joachim Löw sprach am Samstag immerhin von einem „Funken Hoffnung“ auf eine rechtzeitige Genesung. Man muss allerdings kein Prophet sein, um festzustellen, dass Khedira in Brasilien wohl kaum die Schlüsselrolle einnehmen kann, die ihm zugedacht war – und für die er prädestiniert ist wie kein anderer deutscher Spieler.

Der unterschätzte Star

Sami Khedira hat es nicht leicht in der Öffentlichkeit. Er hat vor seinem Wechsel zu Real Madrid nicht für Bayern München gespielt, was ihm in der deutschen Öffentlichkeit ganz natürlich ein paar Prozentpunkte an Renommee kostet. Dieses fehlende Renommee kann man als Offensivspieler vielleicht noch kompensieren, als „Arbeiter“ geht das kaum.

In seiner Wahlheimat Madrid ergeht es Khedira noch schlimmer. Dort bekommt er Woche für Woche von den Medien auf die Socken. Ein guter Khedira-Tag ist, wenn Real haushoch gewinnt und der Mann mit der Nummer sechs in den Beurteilungen kaum Erwähnung findet. Verlieren die Königlichen, hängt sich die Kritik von „AS“ oder „Marca“ dagegen allzu oft am „Maulesel“ auf, der „den Ball misshandelt“ und „mehr spielt, als er verdient hat“.

Khedira hat das gleiche Problem, das vor rund zehn Jahren Claude Makelélé hatte: Er ist ein Arbeitstier im Schatten der Offensivkünstler, noch dazu eines ohne spanischen Pass. Makelélés Wert wurde für die Öffentlichkeit erst deutlich, als er das Team 2003 verließ. Auf einmal fehlte bei Real die Balance zwischen Offensive und Defensive – weil der Mann fehlte, der den Laden zusammenhielt, indem er unermüdlich Löcher stopfte und Bälle eroberte.

Ein nahezu kompletter Box-to-Box-Spieler

In Madrid, wo Khedira seit seiner Ankunft im Juli 2010 unter José Mourinho und unter Carlo Ancelotti seinen Stammplatz in wichtigen Spielen sicher hatte, wird man nun sehen, wie gut (oder schlecht) das Team ohne ihn funktioniert. 40-Millionen-Neuzugang Asier Illarramendi wird nun, wie von vielen Fans gefordert, seine Feuerprobe erleben. Dieser Umstand birgt für Khedira Chance und Risiko: Überzeugt „Illarra“, wird es schwer für den Deutschen nach seiner Genesung. Scheitert der 23-Jährige aber an der Schwere der Aufgabe, wird Khedira vielleicht die Wertschätzung zuteil, die er verdient.

Denn wenn man sich die Fähigkeiten des gebürtigen Stuttgarters anschaut, muss man ihm für einen zentralen Mittelfeldfeldspieler nahezu vollumfänglich ein gutes Zeugnis ausstellen: Zwar gehen ihm Tempo und die Fähigkeit zu einem öffnenden 40-Meter-Pass ab, doch das kompensiert er durch Zweikampfstärke, Laufstärke und taktisches Geschick.

Besonders oft wird die Torgefahr vergessen, die Khedira ausstrahlt: Mit seinen 1,89 Metern ist er ein starker Kopfballspieler; zudem stößt er immer wieder gefährlich aus dem Mittelfeld in die Spitze und kann mit links und rechts besser abschließen, als es so mancher wahr haben möchte. Sein Fernschuss am Freitag an den Pfosten mag als Beleg dienen.

Schlüsselspieler auf seiner Position

In der deutschen Nationalmannschaft ist Khedira mit seinem Gesamtpaket, das durch die Erfahrung von 44 A-Länderspielen und 42 Champions-League-Spielen veredelt wird, momentan unersetzbar. Der Deutsch-Tunesier kombiniert besser als alle anderen gelernten Mittelfeldspieler Zweikampfstärke mit spielerischen Elementen. Zudem wird er vom Trainer und von den Kollegen immer wieder als positiver Typ gepriesen, der auf dem Platz und in der Kabine Verantwortung übernimmt.

Mit Khedira und einem fitten Schweinsteiger oder Gündogan auf der Doppelsechs müsste einem mit Blick auf die WM nicht bange sein. Doch während Löw auf der offensiven Sechserposition mehr Möglichkeiten hat – Toni Kroos ist da auch noch zu nennen -, bleiben für den defensiveren Part hinter Khedira „nur“ die auf internationalem Top-Niveau vergleichsweise unerfahrenen Bender-Zwillinge übrig – und Philipp Lahm.

Domino-Effekt mit Lahm?

Sollte es für Khedira nicht reichen, erscheint die „Bayern-Lösung“ mit Lahm als Abräumer vor der Abwehr nicht unwahrscheinlich. Der Kapitän kombiniert Erfahrung mit Intuition und fußballerischer Klasse. Doch dadurch würde ein Domino-Effekt ausgelöst, weil durch Lahms Vorrücken beide Außenverteidigerpositionen zu den Schwachstellen in der deutschen Aufstellung würden.

An die offensive Alternative mit einer Doppelsechs Schweinsteiger/Gündogan oder Schweinsteiger/Kroos sollte man nicht ernsthaft denken. Lediglich gegen mauernde Underdogs in der WM-Vorrunde kann dieser Schachzug eine ernsthafte Option sein.

Man muss es einfach attestieren: Sami Khedira ist ein Schlüsselspieler im deutschen Team. Im System Löw ist er konkurrenzlos. Schade, dass dies erst unter den aktuellen Umständen für die breite Öffentlichkeit offensichtlich geworden ist.

P.S.: Ich will an dieser Stelle nicht alle Hoffnungen begraben. Bei der WM 2010 sind mit Michael Ballack und René Adler gleich zwei vermeintliche Schlüsselspieler ausgefallen. Am Ende sprangen andere in die Bresche – unter anderem ein gewisser Sami Khedira. Eine Neuauflage im kommenden Juni/Juli wäre nicht unwillkommen…

2 Kommentare

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  1. h.chinaski sagt:

    Der Ausfall wiegt definitiv schwer und ich fürchte für Khedira wird die Zeit zu knapp. Aber ich möchte an dieser Stelle auf zwei Spieler von der falschen Rheinseite verweisen.

    Der offensichtliche ist Lars Bender. Dem ist so eine Rolle definitiv zuzutrauen. Der weiss wo das Tor steht und hat verfügt auch über eine, für 24 Jahre, beachtliche internationale Erfahrung.

    Der weniger offensichtliche ist Gonzalo Castro. Der meiner Meinung nach unterschätzteste Bundesligaspieler. Abgesehen von Torwart kann er jede Position gut bis sehr gut besetzen. Von der grundsätzlichen Ausrichtung her eher offensiver als Khedira, aber dennoch ein unermüdlicher Arbeiter.

    Ansonsten wäre da natürlich nocht Matze Lehmann vom großartigen Ersten Fussballclub Köln. ;-)

    1. Heibel sagt:

      Ich denke auch, dass Lars Bender in diese Rolle hineinwachsen kann – wobei ein Mix aus seinen spielerischen Fähigkeiten und der „Zerstörungskraft“ seines Zwillingsbruders Sven perfekt wäre.

      Castro habe ich bereits mehrfach in der Geschichte dieses Blogs gefordert. Es ist mir ein Rätsel, wie Löw den besten Allrounder der Bundesliga außen vor lassen kann – und dann immer wieder Heiko Westermann beruft, mit dem Verweis, dass der ja so vielseitig einsetzbar sei…

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