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Jul
25

Podolski kein Kapitän mehr – Solbakken auf dünnem Eis

Er hat es tatsächlich gewagt: Stale Solbakken, der neue Trainer des 1.FC Köln, hat Lukas Podolski die Kapitänsbinde abgenommen. Der Norweger mag seine Gründe haben, doch er hat mit dieser Entscheidung ein Sakrileg begangen. Mit Lukas Podolski legt man sich in Köln nicht an. Das hat noch nie zu etwas Gutem geführt.

Wir schreiben den Oktober 2005. Der 1.FC Köln taumelt nach gutem Saisonstart zielsicher der Abstiegszone entgegen. Bei den Trainingskiebitzen am Kölner Geißbockheim regt sich Unmut gegen Trainer Uwe Rapolder. Nicht nur wegen der sportlichen Talfahrt, sondern vor allem, weil der es gewagt hat Lukas Podolski zu kritisieren, in seiner Freiheit auf dem Platz zu beschneiden und ihn in letzter Instanz sogar auf die Bank zu setzen. In jedem erfolglosen Spiel – und das ist der Regelfall – fordern die Fans fortan den Kopf des Trainers. Keine zwei Monate später ist Uwe Rapolder schon wieder Geschichte. Dessen Nachfolger Hans-Peter Latour ist nur unwesentlich erfolgreicher, weiß sich aber mit Lukas Podolski zu arrangieren, gibt dem 20-jährigen sogar die Kapitänsbinde, und hat trotz des Abstiegs lange Zeit ein erstaunlich ruhiges Trainerleben in Köln.

Wer gegen Poldi ist, hat die Fans gegen sich

Diese Episode zeigt eines: Solange Lukas Podolski den Geißbock auf der Brust trägt, ist er die absolute Nummer eins in Köln. Kein anderer FC-Spieler hat vom Anhang in dieser Form Zuneigung und (blinde) Liebe erfahren, kein Hans Schäfer, kein Wolfgang Overath, kein Toni Schumacher und kein Pierre Littbarski. Für viele ist „Poldi“, obwohl sie ihn nicht persönlich kennen, quasi ein Familienmitglied. Ihm die Kapitänsbinde zu geben (bzw. sie ihm zu lassen), wäre nicht nur die einfachste, sondern auch die einzig logische Lösung gewesen – zumal Podolski mit Binde so stark war wie nie. Und doch heißt der neue Kapitän Pedro Geromel.

Auch wenn Stale Solbakken erst seit gut einem Monat das Traineramt in Köln bekleidet, wird er um den Stellenwert des 89-maligen Nationalspielers wissen. Und selbst wenn nicht, werden ihn Präsident Wolfgang Overath oder Sportdirektor Volker Finke darüber unterrichtet haben. Dass er sich trotzdem gegen Podolski entschieden hat und sich damit sehenden Auges auf ein Pulverfass gesetzt hat, muss also Gründe haben.

Was sind Solbakkens Gründe?

These 1: Die Binde ist für Solbakken nur ein Stück Stoff

Diesen Eindruck konnte man in der Vorbereitung gewinnen, als fast die halbe Mannschaft einmal die Kapitänsbinde überziehen durfte. Indem der neue Coach den seit Jahr und Tag zwischen Bank und Startelf pendelnden Kevin Pezzoni im Test gegen Moskau mit der Binde auflaufen ließ, verhöhnte er deren Bedeutung fast. Sollte die Kapitänsbinde für Solbakken wirklich nicht mehr sein als ein Stück Stoff, hat er aber eines vergessen: Im deutschen Fußball ist es etwas ganz Besonderes, als Spielführer auflaufen zu dürfen. Und für Lukas Podolski war es noch viel spezieller, weil er der Kapitän SEINES und nicht irgendeines Vereins war.

These 2: Die Binde ist ein Instrument

Beim FC Kopenhagen wechselte Stale Solbakken fast im Jahresrhythmus den Spielführer. Und zwar nicht, weil der alte Kapitän abgewandert war, sondern weil er den Spieler X in der Situation Y für die beste Lösung gehalten hat. Beispielsweise, um einen einzelnen Spieler mehr in die Verantwortung zu nehmen. Oder aber, um ihm seine Wertschätzung zu zeigen. In Köln scheint dieser Spieler Pedro Geromel zu sein. Der brasilianische Innenverteidiger ist seit nunmehr drei Jahren absoluter Leistungsträger, die sportliche Rechtfertigung ist also gegeben. Weiterhin spekuliert die kölsche Journaille, dass Solbakken Geromel auf diese Weise von einem Abgang abhalten möchte. Doch mal ernsthaft: Kann man einen Spieler mit einem Stück Stoff an den Verein binden, wenn der – wie zu lesen ist – von ukrainischen Petro-Dollars angelockt wird und diesem Reiz zu erliegen droht? Und wie stünde der Trainer da, wenn er nächste Woche einen neuen Kapitän ernennen muss, weil Geromel sich doch „verändert“ hat? Dann Lukas Podolski zum Kapitän zu erklären, käme einer Demütigung gleich. Einen anderen Spieler zum Käpt’n zu erklären, wäre für Poldi aber fast noch schmerzhafter.

These 3: Podolski ist nicht der Kapitän der Mannschaft

Kevin McKenna, Faryd Mondragon, Milivoje Novakovic, Petit, Youssef Mohamad, Lukas Podolski – in den letzten vier Jahren hatte die Kapitänsbinde in Köln viele Träger. Fast immer wurde der FC-Käpt’n vom Trainer bestimmt, weswegen man nicht sagen kann, wer der wirkliche „Kapitän der Mannschaft“ ist. Doch Lukas Podolski ist es vermutlich nicht. „Poldi“ sieht sich seit seiner Rückkehr dem Neid einiger Mitspieler ausgesetzt, weswegen Solbakken möglicherweise der großen Fraktion der Poldi-Skeptiker durch die Geromel-Entscheidung ein Zugeständnis machen wollte.

Neid innerhalb einer Mannschaft ist zwar nicht gerade ein charakterliches Gütesiegel, allerdings in gewisser Weise nachvollziehbar, wenn man bedenkt, wie sehr sich in Köln alles auf Lukas Podolski fokussiert. Das ist vor allem ein „Verdienst“ der Medien, darf aber unter Sportlern eigentlich keine Rolle spielen – sofern man mit sich im Reinen ist und weiß, wie man die Berichterstattung einzuordnen hat. Dennoch: Ein Lukas Podolski in der Form der letzten Saison trägt so viel zum Erfolg der gesamten Mannschaft bei, dass Neid keine Rolle spielen darf.

These 4: Podolski ist einigen zu mächtig

FC-Sportdirekter Volker Finke ist ein Freund flacher Hierarchien, einen echten Platzhirsch hat es in seiner Zeit als Freiburger Trainer nie gegeben. Stattdessen hatte der SC stets vier, fünf Spieler von mittelgroßem Einfluss, die die Strömungen im Team regulierten. In Köln war das bislang nicht so. Lukas Podolski ist zwar nicht der Inbegriff des Platzhirschs, doch aufgrund seiner Bedeutung für den Verein, die Stadt, die Sponsoren und die Fans überstrahlte er den Rest der Mannschaft – mit der Kapitänsbinde noch umso mehr. Ihm diese zu entreißen, schwächt seine Position ein Stück weit und stärkt im Umkehrschluss die der anderen.

Solbakkens erste Niederlage schon vor Saisonstart – Die Konsequenzen der Entscheidung

Ob nun eine dieser Thesen zutrifft oder nicht, ist im Grunde bedeutungslos. Fest steht jedoch, dass Stale Solbakken mit einer riesigen Hypothek in die Saison geht, ohne dass das erste Pflichtspiel überhaupt absolviert ist. Seine Sympathiekurve beim Anhang dürfte schon jetzt gewaltig gesunken sein. Seine Vorschusslorbeeren werden schnell aufgebraucht sein, wenn sich nach dieser umstrittenen Entscheidung keine Erfolge einstellen.

Volker Finke, der immer wieder beteuerte, dass die Kapitänsfrage allein vom Trainer beantwortet wird, ist nun ebenso in der Schussbahn. Er kann niemandem weißmachen, dass sein Einfluss bei dieser Entscheidung gleich Null war.

Lukas Podolski, der als überaus pflegebedürftiger Spieler gilt, droht aufgrund dieser Entscheidung entweder wieder ins alte Frust-Muster der Hinrunde 2010/11 zurückzufallen oder sich zurückzuziehen. Eine andere Reaktion würde überraschen, wenn man ihn länger beobachtet hat.

Last but not least Pedro Geromel: Der Brasilianer steht nun gleich mehrfach in der Verantwortung. Sollte er sich doch noch für einen Wechsel ins Ausland entscheiden, gibt er seinen Trainer zum medialen Abschuss frei. Sollte er bleiben, muss er beweisen, dass Solbakken die richtige Wahl getroffen hat. Von der Leistung her kann er das, aber auch von seinem Naturell? Sein Deutsch soll mittlerweile durchaus passabel sein, doch kann er die Mannschaft auch mitreißen, wenn es schlecht läuft? Fakt ist, dass auch Lukas Podolski nicht der geborene Leader ist, doch ihn hatte die Binde im letzten halben Jahr sichtlich beflügelt. Welcher andere FC-Kapitän der letzten Jahre konnte das schon von sich behaupten?

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