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Feb
10

Politik der richtigen Schritte – der 1. FC Köln erwacht

Positive Nachrichten, wohin man sieht. Die Top-Talente Yannick Gerhardt und Kevin Wimmer haben sich bis 2018 bzw. 2019 an den 1. FC Köln gebunden, auch Geschäftsführer Alexander Wehrle bleibt mindestens bis 2017. Noch dazu hat der Verein nach einem über einjährigem Hickhack eine Lösung bei der Stadionpacht gefunden. 21 Monate nach dem Tiefpunkt der Vereinsgeschichte geht in Köln vieles in die richtige Richtung.

Auch aufgrund meines doch schon recht fortgeschrittenen Lebensalters von 32 Jahren habe ich bereits schon so manche schlechte Saison des 1. FC Köln miterlebt – genau genommen waren es weit mehr schlechte als gute. Fünf Abstiege aus der 1. Bundesliga seien als Beleg angeführt. Für mich mit Abstand am schlimmsten war das Spieljahr 2011/12.

Damals war wirklich alles dabei: der Kleinkrieg zwischen Sportdirektor Volker Finke und seinem (einstigen) Wunschtrainer Stale Solbakken; der impulsive Rücktritt des Präsidiums um Wolfgang Overath; der höchste Schuldenstand der Klubgeschichte von rund 30 Millionen Euro; eine überforderte Interimsführung um den damaligen Geschäftsführer Claus Horstmann; eine kopflose Mannschaft, die nicht nur durch Nicht-Leistung, sondern zu allem Überfluss auch noch durch Alkoholeskapaden Schlagzeilen machte; und nicht zuletzt ein abtrünniger Teil der Anhängerschaft, der den Verein mit Drohgebärden und Gewaltexzessen deutschlandweit in Verruf brachte.

Auferstehung aus Ruinen in vollem Gange

Man muss es so drastisch sagen: Im Mai 2012 lag der 1. FC Köln in Trümmern. Doch es scheint so, als hätte der einstige deutsche Vorzeigeklub (lang ist’s her) die „Chance“ genutzt, die sich in der dunkelsten Stunde geboten hat. Mittlerweile hat der FC eine junge Mannschaft, ja sogar eine in Teilen kölsche Mannschaft (u.a. mit Timo Horn, Thomas Kessler, Yannick Gerhardt, Patrick Helmes, Marcel Risse, Adam Matuschyk), die durch ihr Engagement und ihre Lernfähigkeit begeistert.

Auch wenn Trainer Peter Stöger in diesen Tagen zurecht viele Schulterklopfer für seine Arbeit erhält, muss man an dieser Stelle auch seinen im Mai 2013 zurückgetretenen Vorgänger Holger Stanislawski für seinen guten Job würdigen. Der war im Juli 2012 nach dem Totalumbruch (53 Transferbewegungen) nämlich quasi bei null gestartet. Spieler wie Timo Horn, Jonas Hector, Kevin Wimmer oder Anthony Ujah waren unter „Stani“ noch grün. Mittlerweile haben sie ihre Unerfahrenheit abgelegt und sind herausragende Kräfte in der 2. Bundesliga – mit Potenzial für mehr.

Zunächst einmal muss die Truppe aber beweisen, dass sie aufsteigen kann. Trotz der 0:1-Pleite zum Jahresstart gegen Paderborn:  Das Polster von immer noch fünf Punkten nach 20 Spieltagen zeugt von der Leistungsfähigkeit des Zweitliga-Spitzenreiters. Sollte die Mannschaft den Sprung ins Oberhaus schaffen, wären gewiss ein paar Verstärkungen vonnöten. Ein weiterer starker Abwehrspieler, Mittelfeldspieler und Angreifer täten der Mannschaft gewiss gut. Doch der Kern steht, und er könnte durchaus noch ein paar Jahre zusammenbleiben.

Führung mit ruhiger Hand

Natürlich ist Erfolg auf dem Platz die wichtigste Zutat für ein ruhiges und zufriedenes Umfeld. Doch auch abseits des Spielfelds hat der 1. FC Köln die Wende zum Positiven geschafft. Trotz Anlaufschwierigkeiten hat das Präsidium um Werner Spinner, Toni Schumacher und Markus Ritterbach den Verein tatsächlich wieder geeint. Die Knallköpfe von einst sind gewiss nicht verschwunden, doch scheinbar haben sie Teile ihrer Vernunft wiedergefunden.

Im Tagesgeschäft hat die Führung fähige Leute an die Schlüsselstellen gesetzt. Der bereits 2012 gekommene Jörg Jakobs hat mit seinen Top-Transfers wie Daniel Halfar oder Marcel Risse die Kritiker seiner ersten Saison verstummen lassen. Seit sein alter Kompagnon Jörg Schmadtke als Sportdirektor im Amt ist, kann Jakobs wieder seine Lieblingsrolle im Hintergrund einnehmen. Schmadtke ist seit Juli der Mann für die Front. Der 49-jährige Düsseldorfer, der bereits Alemannia Aachen und Hannover 96 zu ihren glanzvollsten Zeiten seit Menschengedenken geführt hat, scheint auch beim FC die in ihn gesetzten Erwartungen als „Königstransfer“ zu rechtfertigen.

Ein Königstransfer im Bereich der Zahlen scheint auch Geschäftsführer Alexander Wehrle zu sein. Als gebürtiger Schwabe prädestiniert für die Rolle mit dem Rotstift, hat der 38-Jährige mittlerweile einige „abenteuerliche Vertragskonstrukte“ (O-Ton) seiner Vorgänger Horstmann, Michael Meier und Oliver Leki entwirrt. Nachdem die Personalie Milivoje Novakovic mittlerweile abgewickelt ist, steht mit dem derzeit nach Brasilien verliehenen Pedro Geromel nur noch ein Großverdiener vergangener Tage auf der to-do-Liste. Obwohl die finanzielle Situation weiterhin angespannt ist, sieht man auch in wirtschaftlicher Hinsicht wieder Licht am Ende des Tunnels.

Mit 66 Jahren so attraktiv wie lange nicht

Am 13. Februar begeht der 1. FC Köln seinen 66. Geburtstag. Wie der große Philosoph Udo Jürgens schon wusste, fängt in diesem Alter das Leben erst so richtig an. Im Zusammenhang mit dem FC wäre das übertrieben, weil besonders die Jugendjahre zwischen 1948 und 1978 nur so voller Leben waren, doch wenigstens die mehr als 20 Jahre andauernde Midlife-Crisis könnte bald beendet sein.

Mit seinen knapp 66 Lenzen ist der Geißbockklub nämlich auch für Sponsoren wieder so attraktiv wie lange nicht mehr. Jung, erfolgreich, bodenständig – damit lassen sich Unternehmen gern assoziieren. Hauptsponsor REWE etwa, der nach dem Tiefpunkt 2012 aus Imagegründen phasenweise sogar einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Sponsorenvertrag erwogen haben soll, hat sich vor kurzem mindestens bis 2015 zum Klub bekannt.

Was den offiziellen Kölsch-Lieferanten im Stadion angeht, konnte die FC-Führung neulich sogar genüsslich beobachten, wie sich Gaffel, Reissdorf und die Radeberger-Gruppe gegenseitig beim Preis hochtrieben. Am Ende fiel die Wahl auf den bisherigen Partner Gaffel, der für weitere drei Jahre deutlich tiefer in die Tasche greifen muss als bislang. Was Ruhe, Kontinuität und Erfolg alles ausmachen können…

Ein Trainer ist nicht ein Idiot

Trainer Peter Stöger soll natürlich nicht zu kurz kommen. Für die Chance, in der (Zweiten) deutschen Bundesliga zu trainieren, hat der 47-Jährige im vergangenen Sommer seinen sicheren Job bei Österreichs Überraschungsmeister Austria Wien aufgegeben und damit auch die Chance auf die Champions League sausen lassen.

Bislang hat sich der Gang nach für ihn Köln gelohnt – der immanenten Warnung von 20 Cheftrainern und 7 Interimstrainern in den letzten 23 Jahren zum Trotz. Stöger hat es geschafft, die unter Stanislawski gewachsene gute Stimmung in der Mannschaft zu halten und weiterzuentwickeln. Er hat die „echten“ Sommer-Neuzugänge wie Daniel Halfar und Marcel Risse ebenso gut integriert wie die Rückkehrer Patrick Helmes und Slawomir Peszko. Zudem hat er die Talente Gerhardt und Wimmer in nur sieben Monaten zum international beachteten Tafelsilber des Klubs gemacht.

Stögers Stärke sind seine Unaufgeregtheit und Authentizität. Er ist kein Showman und trotzdem bei Fans und Medien beliebt. Bis auf den aussortierten Adil Chihi hat er zudem offenbar jeden Spieler erreicht. Keiner ist leistungsmäßig total hintendran. Wer in die Mannschaft kommt, funktioniert. Das ist mit das größte Kompliment für einen Trainer. Der Erfolg hat ihm natürlich einiges erleichtert, für diesen Erfolg sind Stöger und sein Team aber auch ursächlich mitverantwortlich.

Vorbild Augsburg

Golden glänzt die Zukunft des 1. FC Köln bei all den positiven Entwicklungen der letzten Jahre natürlich trotzdem nicht. Die finanzielle Lage ist nach wie vor prekär, der Aufstieg in dieser Saison quasi Pflicht. Und erst wieder im Oberhaus angekommen, dauert es Jahre, sich zu etablieren. Im Fußball geht es nun einmal schneller von oben nach unten als umgekehrt. Nachzufragen bei Werder Bremen und dem Hamburger SV, die ebenfalls große Traditionsvereine sind wie der FC.

Der möge sich, sofern es mit dem Aufstieg klappt, seine neue Besonnenheit bitte schön bewahren. Das ist total unkölsch, was in diesem Fall aber mal ausdrücklich positiv gemeint ist. Klubs wie der FC Augsburg und – Gott bewahre, dass ich das anführe – Borussia Mönchengladbach beweisen eindrucksvoll, dass Kontinuität im Arbeiten und Kompetenz auf den Schlüsselpositionen die Hauptelemente für Erfolg sind.

Die Karte „Tradition“ sollte man in Köln zunächst einmal nicht mehr ausspielen. Der gern angeführte Vierklang „toller Verein, tolle Fans, tolle Stadt, tolles Stadion“, der exemplarisch für die Visionen, aber auch für die kreative Inhaltsleere der Overath-Ära steht, soll bitte in der Mottenkiste bleiben. Er hat dem FC jahrelang den Blick auf die Realität versperrt.

1 Kommentar

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  1. h.chinaski sagt:

    Ich kann hier nur zu 100% zustimmen!

    In der Vergangenheit haben Mannschaften wie Bremen (auch wenn das aktuell nicht mehr gilt), Glabach, Mainz und Augsburg ganz klar aufgezeigt welchen Weg ein Durchschnittsverein gehen muss um längerfristig erfolgreich zu sein.

    Die aktuellen Zeichen aus dem Geißbockheim sind jedenfalls sehr gut. Ich bin allerdings vorsichtig. In der Vergangenheit wurden schon zu viele Neuanfänge ausgerufen die dann kläglich an den „Automatismen des Geschäfts“ gescheitert sind. Vielleicht hat man aber auch (endlich!!!) was aus der Vergangenheit gelernt.

    Den handelnden Personen mag man nur ein „Halte Kurs Seemann!“ zurufen.

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