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Dez
13

René Adler – Verehrt, verletzt, verabschiedet

Einem bekannten Sprichwort zufolge ist Gesundheit das allerwichtigste.Erst wenn die Gesundheit fehlt, werden wir uns ihrer Bedeutung richtig bewusst. Nachzufragen in diesen Tagen bei René Adler, der aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit den Weg von „Zero“ zu „Hero“ und zurück durchlebt hat.

Vor nicht einmal zwei Jahren erklärte Bundestrainer Joachim Löw den Leverkusener Keeper René Adler zur Nummer eins im Tor der Nationalmannschaft. Damals schien dem Blondschopf eine Dekade als deutsche Nummer 1 bevorzustehen, in bester Tradition eines Sepp Maier, Toni Schumacher oder Oliver Kahn. Auch auf Vereins-Ebene schien Adler freie Wahl zu haben: Bleibe ich bei Bayer, oder wage ich doch den Sprung nach Manchester oder London?

Heute ist René Adler (26) auf dem Abstellgleis. Das liegt nicht daran, dass er auf einmal das Bälle halten verlernt hat (auch wenn er schon in der Saison 2010/11 nicht mehr das Niveau früherer Jahre erreichte). Der Grund für René Adlers Karriereknick ist vielmehr seine Verletzungsanfälligkeit. Keine einzige Sekunde hat der gebürtige Leipziger in der laufenden Saison auf dem Platz gestanden, seit einem halben Jahr laboriert er nun schon an einer Patellasehnenverletzung – es ist seine zehnte Blessur in den letzten 48 Monaten. Das hat René Adler den Job bei Bayer und die Aussicht auf eine bessere Anstellung gekostet.

Verletzungsanfälligkeit rächt sich bei Keepern doppelt

Natürlich sind auch Feldspieler häufig verletzt. Arjen Robben zum Beispiel ist ebenfalls ein Könner der Extraklasse. Der Niederländer wird auch dann noch einen super Verein finden, wenn der FC Bayern mal genug von seinen massiven Ausfallzeiten hat. Robben hat nämlich das „Glück“, dass er viel besser ist als die meisten seiner Kollegen, weil die Leistungsdichte im Offensivbereich international nicht so hoch ist.

Ein fitter René Adler ist zwar ebenfalls herausragend, doch gerade in Deutschland wächst hochkarätige Konkurrenz auf dieser Position quasi auf den Bäumen. So konnte es überhaupt erst passieren, dass der 19-jährige Bernd Leno – der für meinen Geschmack besser gesehen wird, als er ist – René Adler mittlerweile den Rang abgelaufen hat. Leno mag zwar in Top-Form nicht so gut sein wie Adler, dafür ist er jünger und verdient weniger Geld. Vor allem aber ist er weniger verletzungsanfällig, was die Qualitätsunterschiede in der Spitze aufwiegt. Denn was bringt einem schon ein Spieler, der nicht spielt?

Mit dem Stigma, dass seine Verpflichtung ein Risiko ist, wird René Adler für den Rest seiner Karriere zu kämpfen haben: Welcher große Verein wird schon einen Keeper verpflichten, der so oft ausfällt, dass sein Ersatzmann ebenfalls eine „Nummer eins“ sein muss? Weil er so oft verletzt ist, hat René Adler 2010 die WM verpasst, hat 2011 den Wechsel zu seinem Wunschclub Manchester United nicht realisieren können, und wird 2012 Bayer Leverkusen verlassen müssen. Statt Adler weiter zu binden, hat sich Leverkusen lieber die Dienste eines 19-jährigen Talents Bernd Leno für sage und schreibe knapp 8 Millionen Euro gesichert. Dass Bayer dieses „Paket“ vorgezogen hat, lässt tief blicken.

Das Momentum wird immer entscheidender

Die Frage „Was wäre, wenn“ wird von Fußballfans vor allem nach vergebenen Chancen oder nicht gepfiffenen Elfmetern bemüht. Doch auch in den Karrieren einzelner Spieler kann man sich immer wieder fragen, was gewesen wäre, wenn die Dinge etwas anders gelaufen wären. Folgendes Szenario etwa hört sich für mich gar nicht mal unwahrscheinlich an: René Adler bricht sich vor der WM 2010 nicht die Rippe und fährt als deutsche Nummer 1 nach Südafrika. Mit der vollen Rückendeckung des Bundestrainers ausgestattet, spielt Adler ein gutes Turnier. Das Aus im Halbfinale gegen Spanien kann er zwar nicht verhindern, doch er hat sich international einen Namen gemacht.

In der Saison 2010/11 kann René Adler seine Form konservieren. Er ist – mit dem Kredit der WM ausgestattet – nun die eindeutige deutsche Nummer 1 vor Manuel Neuer und Tim Wiese. Mit Bayer kämpft er bis zum letzten Spieltag um die Meisterschaft, rettet seinem Team einige wichtige Punkte. Nach der Saison 2010/11 hat Adler alle Möglichkeiten: Sein Vertrag in Leverkusen läuft in einem Jahr aus. Wenn Bayer mit seinem Star verlängern will, wird es richtig teuer. Doch Adler hat noch mehr Möglichkeiten: So würde ihn sein Leverkusener Trainer Jupp Heynckes nur zu gerne mit zu seinem neuen Club Bayern München nehmen. Der Rekordmeister ist bereit, die Schatulle für Adler richtig weit zu öffnen. Doch der Keeper entscheidet sich für die dritte Option, er wechselt für festgeschriebene 24 Millionen Euro zu seinem Wunschverein Manchester Unided, dem englischen Rekordmeister und Champions League-Finalisten. [Um das „Was wäre wenn“ komplett zu machen: Bernd Leno wäre heute immer noch die Nummer 3 beim VfB Stuttgart, Manuel Neuer wäre womöglich tatsächlich zum FC Bayern gewechselt, aber nicht als „deutscher Übertorwart“, sondern als deutsche Nummer 1b.]

So sind andere die Profiteure des Adler-Aus gewesen. Interessante Randnotiz: René Adler selbst ist übrigens auch erst die Nummer 1 in Leverkusen geworden, nachdem sich Jörg Butt Anfang 2007 verletzt hat. Adler überragte in dieser Zeit – vergleichbar wie jetzt Bernd Leno – und blieb im Kasten. So läuft’s halt im Fußball, und vor allem auf der Torwartposition.

Was nun, René Adler?

Wenn er fit ist, kann René Adler so ziemlich jeder Fußballmannschaft der Welt weiterhelfen. Doch René Adler ist mittlerweile teuer und vor allem verletzungsanfällig. Deswegen ist klar, dass sich die Top-Vereine aktuell nicht gerade die Klinke in die Hand geben. So weit, dass René Adler seine Brötchen wegen der unverkennbaren Ähnlichkeit aber künftig als Owen Wilson-Double verdienen muss, wird es kaum kommen – abgesehen davon, dass er dazu erst wieder seinen Haarschnitt von 2008 bräuchte…

Der Hamburger SV, ebenfalls ein großer Name in der Krise, zeichnet sich immer mehr als Adlers Arbeitgeber ab Juli 2012 ab. Die Voraussetzungen würden „stimmen“: Mit Jaroslav Drobny hat man dort bereits einen starken Konkurrenten, der für den Fall einer Verletzung bedenkenlos einspringen könnte. Der Haken: Sobald René Adler fit ist, wäre der Knatsch vorprogrammiert. Dann wollen beide spielen, vermutlich würde Drobny dann das Nachsehen haben und auf der Bank schmollen. Dann hätte man beim HSV wieder das Szenario der vergangenen Saison, als sich mit Drobny und Frank Rost zwei ähnlich starke Keeper um den Platz im Tor stritten. Am Ende war jeder Patzer der Auslöser für hektisches Rascheln im Blätterwald.

Nüchtern betrachtet täte sich der HSV also keinen Riesengefallen mit René Adler. Und das ist die Krux. Wenn er fit ist, gibt es wenige bessere. In diesem Fall reicht auch eine klare Nummer zwei à la Marc Ziegler in Stuttgart oder Mitchell Langerak in Dortmund. Sobald verletzt, braucht man aber einen starken Ersatz, der am besten keine Ansprüche stellt, wenn die Nummer 1 wieder fit ist. Momentan ist René Adler also in keiner komfortablen Ausgangsposition. Doch niemand sollte besser wissen als er, wie schnell sich das Blatt wieder wenden kann.

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