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Jun
18

Runter vom hohen Ross, Deutschland!

Drei Siege aus drei Spielen in der so genannten „Todesgruppe“ – man sollte meinen, dass allgemeine Zufriedenheit herrscht über den bisherigen Verlauf der EM. Doch weit gefehlt: Es dominieren die Haderer und Nörgler, die den Fußball der WM 2010 sehen wollen. Sorry, Leute. Den kann es nicht mehr geben.

Franz Beckenbauer fordert heute in seiner Kolumne bei Deutschlands größter Boulevard-Zeitung Veränderungen im deutschen Spiel. Zitat: „Ich habe es mir leichter vorgestellt gegen Dänemark, die ja nicht die Erfinder des Fußballs sind. Aber unsere Mannschaft hat in der zweiten Halbzeit nicht zwingend genug gespielt. Da muss auch mal aus der zweiten Reihe geschossen werden.“

Besser zurück zu Kick and Rush?

Zugegeben, wenn der „Kaiser“ als zweifacher Weltmeister etwas von sich gibt, dann gebietet es die Höflichkeit, ihm zumindest zuzuhören. Den Kopf schütteln kann man ja immer noch. Die taktische Anweisung der „Lichtgestalt“ würde Deutschland bei dieser EM allerdings vermutlich nicht zu Siegen – geschweige denn zu Kantersiegen – verhelfen. Aber das Einfordern von dem, was die Elf von Jogi Löw NICHT macht, ist durchaus populär in diesen Tagen. Der Kaiser soll hier nur als „pars pro toto“ (kein Tippspiel; Anm. d. Red.) fungieren.

So wie ich es in den bisherigen Spielen der deutschen Elf wahrgenommen habe, sehen nämlich viele Experten und Fans die Lage so: Wenn man mit gepflegtem Fußball kein Schützenfest zustande bringt, dann muss man es eben anders machen. „Schnell und schnörkellos“ ist die Forderung des Fußball-Volkes. Also Manuel Neuer die Bälle lang nach vorne schlagen lassen, Gomez soll die irgendwie mit dem gut frisierten Kopf ablegen, und wer den Fuß dran bekommt, der hält mal drauf?!?

Mal ehrlich, seht der Realität ins Auge! Offensiv macht die DFB-Elf es genau richtig. Gestern in der ersten Hälfte gab es Chancen im Fünf-Minuten-Takt. Und dass die zweite Hälfte phasenweise zu einer Zitterpartie wurde, hängt auch damit zusammen, dass sich der Gegner wieder einmal extrem weit zurückgezogen hat. Dass die Dänen zu diesem Zeitpunkt allerdings unbedingt ein Tor brauchten und eigentlich ihrerseits mehr für das Spiel hätten tun müssen, wird in dieser Diskussion gerne ignoriert.

Gegner haben sich auf Deutschland eingestellt

Ich stimme ja insofern zu, als dass die deutsche Abwehr gerade bei hohen Bällen anfällig war und nicht europameisterlich agiert hat. Was das angeht, sollte man gegen die Griechen mit ihren Hünen Sokratis und Papadopoulos besonders aufpassen. Und auch offensiv war die zweite Hälfte kein Ruhmesblatt. Doch das hat nicht allein mit deutscher Ideenlosigkeit zu tun, sondern auch damit, dass die DFB-Elf wieder einmal gegen einen Gegner gespielt hat, dessen erste Priorität darin lag, kein Gegentor zu kassieren. Als die Dänen dann mehr riskiert haben – weil sie sich wohl nicht mehr auf Schützenhilfe der Niederländer verlassen konnten und wollten – waren prompt die Räume da zum 2:1-Siegtreffer.

Von diesen Räumen hatte die deutsche Mannschaft bei der WM 2010 mehr als genug – vor allem bei den Kantersiegen gegen Australien, England und Argentinien. Doch weil auch der Rest der Welt sich auf das deutsche Spiel eingestellt hat und nicht sonderlich versessen darauf ist, von Gomez & Co. die Hütte vollzukriegen, spielt jeder Gegner mittlerweile deutlich defensiver gegen Deutschland. Womit wir bei den Ursachen für die latente Unzufriedenheit wären, die man trotz der guten Ergebnisse aktuell verspürt. Vor allem, wer sich zu Deutschland-Spielen in Kneipen tummelt, kann davon ein Lied singen…

Problem #1: Erwartungshaltung

Glanzvolle Siege gegen England, Argentinien, Brasilien oder Holland – zwischen 2010 und 2011 hat die deutsche Mannschaft einige der Größten des Weltfußballs mit Hurra-Fußball geschlagen. Dadurch ist eine Erwartungshaltung entstanden, der man bei der EM kaum gerecht werden konnte.

Problem #2: Verklärung

Im Nachhinein wird alles extremer gesehen, und zwar im Positiven wie im Negativen. Vom 4:0 gegen Argentinien im WM-Viertelfinale 2010 haben die meisten Fans vermutlich nur noch die vier Tore und die Deklassierung des Gegners in der zweiten Hälfte im Hinterkopf. Dass zwischen dem frühen 1:0 durch Müller (3. Minute) und dem 2:0 durch Klose (67.) die Gauchos aber massiv Druck auf das deutsche Tor gemacht haben, ging in der Euphorie unter und ist heute kaum noch jemandem bewusst.

Problem #3: Leistungsdichte

Dass die Breite in der Spitze dichter geworden ist, wusste Ex-Bundestrainer Berti Vogts schon vor 20 Jahren zu berichten. Dieser Trend hat angehalten. Eine Europameisterschaft mit 16 Teilnehmern ist sehr viel schwerer zu gewinnen als eine WM (zumindest noch, denn ab der EM 2016 wird das Starterfeld auf 24 aufgestockt, wodurch es auch wieder „Kleine“ in der Vorrunde geben wird). Abgesehen vielleicht von den Iren, ist jede Mannschaft in der Lage, jeden anderen zu schlagen.

Problem #4: Schwarz-Weiß-Sehen

Nach dem 1:0 gegen Portugal war fast Weltuntergangsstimmung in Deutschland, und nach dem 2:1 gegen die Niederlande waren wir schon gefühlter Europameister. Dabei war die deutsche Mannschaft im ersten Spiel ebenso wenig grottenschlecht, wie sie im zweiten Spiel überragend war. Dieses ewige Schwarz-Weiß-Sehen kann man auch an der Wahrnehmung einzelner Spieler festmachen: Mario Gomez hat es binnen zwei Spielen von Zero zum Hero gebracht. Und Thomas Müller wird aktuell dermaßen kritisch gesehen, dass selbst seine guten Aktionen (ja, die hatte er auch gestern wieder; u.a. die Vorlage zum 1:0) kaum Anerkennung finden und man sich nur auf seine schlechten Szenen konzentriert, vor denen auch die Pelés, Beckenbauers, Maradonas und Zidanes nicht gefeit waren.

Problem #5: Einseitige Wahrnehmung

Man stelle sich nur einmal vor, man wäre Däne und hätte das gestrige Spiel aus der Perspektive eines Dänen wahrgenommen. Ich hätte dann vermutlich einen Herzinfarkt nach dem anderen erlitten angesichts der vielen deutschen Torchancen in der ersten Hälfte und der Ballsicherheit des Gegners im zweiten Abschnitt. Zugleich hätte ich vermutlich einen Wutanfall bekommen, weil „meine“ Mannschaft bis zur 80. Minute auf Halten spielt, obwohl sie zum sicheren Weiterkommen unbedingt ein Tor benötigt. So aber konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass die Dänen das 1:1 halten wollten und darauf gehofft haben, dass die Niederländer im Parallelspiel in Führung gehen – was Dänemark das Viertelfinalticket beschert hätte. Erst nach dem 2:1 der Portugiesen haben die Dänen ihrerseits mehr getan.

Manchmal wäre es wohltuend, wenn deutsche TV-Kommentatoren diesen Kontext beleuchten würden und Spiele nicht nur von einer Seite betrachten würden. Aber dem „heiligen“ Tom Bartels ist ja gestern fast die Hose aufgegangen angesichts der „tollen Ballkontrolle“ und der „phantastischen Leistung“ der Dänen. Man hätte meinen können, da spielen die Könige des Spiels (im rot-weißen Dress) gegen einen Haufen Lahmer (sic!) und Blinder. Überhaupt sollte man William Kvist für die Manndeckung Özils den „Tom Bartels-Innovationspreis 2012“ verleihen. In diesem Sinne: Nicht wundern, wenn wir die Griechen nicht zweistellig nach Hause schicken…

P.S.: Um zu verdeutlichen, dass Deutschland doch ganz gut kicken kann, hier ein paar O-Töne vom gestrigen Gegner:

Morten Olsen (Trainer Dänemark): „Wir haben phantastisch mitgespielt gegen die absolut beste Mannschaft hier. Leider haben wir in der zweiten Halbzeit nicht selbst Zug in die Sache bekommen, obwohl wir den Ball mehr hatten. Aber gegen eine Mannschaft wie die Deutschen kann man nicht viele Chancen herausspielen.“

William Kvist: „Wir haben gut mitgespielt und zwei dumme Tore bekommen. Das war unsere eigene Schuld. Wir müssen akzeptieren, dass die Deutschen sehr gut sind. Sie haben auch heute gut gespielt. Aber wir haben bewiesen, dass wir mithalten können.“

Michael Krohn-Dehli: „Natürlich waren die Deutschen heute besser als wir, teilweise sogar eine Klasse. Sie spielten eine Menge Chancen heraus, aber wir haben auch ein paar gehabt. Wir haben in unserer Gruppe gezeigt, dass wir mithalten können.“

Lars Jacobsen: „Wir müssen einfach einsehen, dass die Deutschen superstark waren. Die spielen toll zusammen, und sie nutzen ihre Chancen – klar die beste Mannschaft. Mit diesem Gefühl sitzen auch die anderen bei uns in der Kabine, glaube ich. Wir haben ja gar nicht schlecht gespielt.“

2 Kommentare

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  1. Bela Rethy sagt:

    Ich gebe dir voll und ganz Recht. Besonders schlimm fand ich das Genörgel von Kommentator Tom Bartels. Wäre man blind und müsste man dem Kommentator „blind“ vertrauen, hätte man glauben können, dass Deutschland unterirdischen Fußball spielt und ausscheidet.

    Der Dummkopf soll wieder Skispringen machen und das Kommentieren anderen überlassen. Negativ sein kann er, wenn es schlecht läuft. Doch das war beileibe nicht der Fall. Sieht man ja auch an den Pressestimmen und den Kommentaren der Dänen. Bartels hat da seine Meinung exklusiv.

  2. Heibel sagt:

    Danke Bela. Finde gut, dass Du als „ZDF-Mann“ die Spiele bei der ARD schaust. Wie ich selbst zu Tom Bartels stehe, hab ich vor über einem Jahr schon einmal dargelegt:

    http://www.aktives-abseits.de/die-nervigsten-fusballreporter-in-deutschland/

    Mittlerweile würde ich ihn aber an Rang 1 setzen, weil er viel häufiger im Einsatz ist als Dahlmann, Welke und Kerner. In diesem Sinne: Sauberer Telemark, Tom! Das bringt dir die Höchstnote ein ;-)

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