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Jan
14

Sahin-Rückkehr zum BVB – Quantensprung oder Verschwendung von Ressourcen?

Die Rückkehr von Nuri Sahin zu Borussia Dortmund ist ohne Zweifel DER Kracher auf dem Bundesliga-Wintertransfermarkt. Der Spielgestalter der Meistersaison 2010/11 verleiht dem Kader der Schwarz-Gelben noch mehr Qualität. Aber auch der ersten Elf?

Real Madrid: Ein Risiko, aber kein Fehler

Dass Nuri Sahin im Frühling 2011 von einem der größten Vereine Deutschlands zu einem der größten Vereine der Welt gewechselt ist, durfte man ihm nicht verübeln. Wenn Real Madrid, José Mourinho und viele Millionen Euro rufen, muss man erst mal widerstehen. Auch sportlich sprach wenig gegen den Transfer: Der damals 22-Jährige hatte sich in Dortmund über Jahre zu einem Mittelfeldspieler internationalen Formats entwickelt. Stand 2011 war die Herausforderung Real Madrid für Sahin gewiss keine Nummer zu groß.

Was den Mittelfeldspieler in der spanischen Hauptstadt ins Straucheln brachte, war in erster Linie Pech: Aufgrund einer hartnäckigen Verletzung verpasste Sahin die Saisonvorbereitung und fast die gesamte zweite Jahreshälfte 2011. Und als er endlich fit war, funktionierte die Mannschaft so gut, dass es die Spieler auf den Position 12 bis 18 schwer hatten. Der türkische Nationalspieler kam so nicht über ein paar „Gnadeneinsätze“ in weniger wichtigen Partien hinaus.

Liverpool und Sahin passten nicht zusammen

Die Leihe zum FC Liverpool im Sommer 2012 war ein Fehler. In der Premier League hat der Klub vor zwei, drei Jahren sportlich endgültig den Anschluss an die Champions-League-Anwärter verloren. Die „Reds“ leben fast nur noch von ihrem Namen. Noch dazu fiel Sahins Wechsel an die Anfield Road in eine Phase des Umbruchs. Nuri Sahin wurde vom umstrittenen Neu-Trainer Brendan Rodgers auf verschiedenen Positionen ausprobiert. Vor allem das Experiment, ihn als Zehner einzusetzen, war von Vornherein zum Scheitern verurteilt, weil die Qualitäten des Deutsch-Türken (Übersicht, Passspiel, Tempoverlagerung) so nah vor des Gegners Tor nicht zum Tragen kommen konnten.

Hinzu kommt, dass Sahins Akklimatisierung an den englischen Fußball schleppend verlief – vermutlich auch, weil sein Spiel besser in die technisch und taktisch geprägten Ligen passt, in denen der Ball nicht per „Route One“ schnellstmöglich vor des Gegners Tor befördert wird. Die eigentlich bis zum 30.6.2013 befristete Leihe vorzeitig abzubrechen und den Spieler bis zum Sommer 2014 nach Dortmund zu verleihen, wo Sahin erwiesenermaßen „funktionierte“, macht aus Sicht von Real Madrid daher absolut Sinn. Und sofern die „Königlichen“ in der Champions League nicht noch einmal mit dem BVB die Klingen kreuzen, ist diese Leihe für sie auch völlig risikolos.

Sahins Rückkehr: Eine brisante Angelegenheit

Auch aus Nuri Sahins Perspektive ist der „Schritt zurück“ trotz erheblicher Gehaltseinbußen nachzuvollziehen: In Dortmund kennt er sich aus, hier wird er anerkannt, wenn nicht sogar geliebt. Hier hat Sahin die Möglichkeit, verloren gegangenes Renommee und Selbstvertrauen zurückzugewinnen.

Allerdings birgt seine Rückkehr auch ein Risiko: Kann Sahin nicht mehr an seine Glanzzeiten anknüpfen, wird er weder für den BVB noch für Real Madrid auf lange Sicht ein Kandidat sein. Es ist allerdings zu erwarten, dass Jürgen Klopp seinem verlängerten Arm auf dem Platz von einst auch heuer viele Chancen geben wird. Und dass ein Nuri Sahin in Top-Form fast jeder Mannschaft der Welt weiterhelfen kann, steht wohl außer Frage.

Die Mannschaft hat sich auch ohne Sahin weiterentwickelt

Dennoch müssen Zweifel und am Sinn des Transfers erlaubt sein: So hat der BVB im Sommer 2011 mit Ilkay Gündogan einen Sahin-Nachfolger geholt, der dessen Rolle nach sechsmonatiger Anlaufzeit auf Top-Niveau ausgefüllt hat. Und auch die gesamte Mannschaft, die auf vielen Positionen der Truppe entspricht, die Sahin vor 19 Monaten verlassen hat, ist in ihrer Entwicklung ein paar Schritte weiter. Anders ausgedrückt: Sie hat sich von ihrem einstigen Spielgestalter emanzipiert.

Jürgen Klopp verspricht sich durch die Sahin-Leihe zwar mehr Flexibilität im Mittelfeld, doch gerade in der Zentrale gab es auch in der Hinrunde schon mehr als genug Kandidaten: Mit Sebastian Kehl und Sven Bender zwei „Zerstörer“, mit Ilkay Gündogan, Moritz Leitner und bei Bedarf auch Mario Götze drei Spieler für den offensiven Sechser-Part. Die Zentrale ist damit qualitativ und quantitativ eigentlich gut besetzt. Wenn überhaupt, hätte in diesem Bereich aus meiner Sicht die Verpflichtung eines weiteren „Abräumers“ Sinn gemacht, weil Kehl und Bender nicht gerade verletzungsunanfällig sind.

Mit Sahin obendrauf hat der BVB natürlich im Mittelfeld unendlich viele Variationsmöglichkeiten: Doppelsechs und drei offensive Mittelfeldspieler davor; Triple-Sechs mit einem Abräumer und zwei „kreativen“ Sechsern plus zwei Flügelstürmern, und noch einiges mehr. So hat Klopp beispielsweise Ilkay Gündogan im Training auch schon im 4-2-3-1-System auf der Zehner-Position ausprobiert. Sollte sich dies als Modell mit Zukunft erweisen, würde die Luft im offensiven Mittelfeld noch dünner: Dann gäbe es nur noch zwei Planstellen für Jakub Blaszykowski, Kevin Großkreutz, Marco Reus und Mario Götze, wobei die beiden Letztgenannten eindeutig in der Pole-Position wären.

Gündogan geschwächt – Schwachstellen auf anderen Positionen

Den größeren Konkurrenzkampf und die hinzugewonnenen Variationsmöglichkeiten kann man aus Trainer-Sicht durchweg positiv sehen. Doch wie sehen das die Betroffenen? Das Mittelfeld des BVB brauchte eigentlich keine Verstärkung auf dem Sahin-Niveau. Zumal Ilkay Gündogan den Verantwortlichen keinen Anlass dazu gegeben hat, ihn künftig mit seinem Vorgänger zu konfrontieren.

Sehr wohl hat der BVB allerdings auf anderen Positionen Bedarf: Dass man mit Robert Lewandowski nur einen Stürmer von Format besitzt (der noch dazu wechselwillig ist), ist hart an der Grenze zum Harakiri. Verletzt sich der Pole, muss Julian Schieber zeigen, dass er mehr ist als eine glasklare Nummer zwei im Sturm.

Auch in der Abwehr wird es dünn. Die Viererkette Schmelzer-Hummels-Subotic-Piszczek spielt seit zweieinhalb Jahren in dieser Formation fast durch. Mit Felipe Santana hat sich nun der einzige Defensiv-Reservist von Format verletzt. Mit Chris Löwe hat der BVB soeben den Backup für die Linksverteidigerposition ohne Not abgegeben, hinten rechts sind Oliver Kirch und der dauerverletzte Patrick Owomoyela – bei allem Respekt – auch nicht gerade Lösungen, die von ihrem Potenzial in ein nationales und internationales Spitzenteam gehören. Und in der Viererkette kann Nuri Sahin bei aller Flexibilität, die er der Mannschaft geben kann, nun wirklich nicht spielen.

Mein Fazit lautet: Der BVB hat mit Nuri Sahin einen Spieler geholt, den er eigentlich nicht braucht. Die tatsächlichen Schwachstellen des Kaders wurden nicht angegangen bzw. sogar noch intensiviert (s. Löwe-Abgang). Wenn sich das nicht mal rächt in einer langen und kräftezehrenden Rückrunde…

6 Kommentare

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  1. Mattes sagt:

    Ich denke, dass du ein paar Varianten vergisst. Löwe war unter Klopp nicht mehr eingeplant, als Schmelzer verletzt war spielten entweder Großkreuz oder Kuba (!) auf der AV Position, zudem ist Bender meines Wissens nach dazu in der Lage.

    Und für die Lewandowski-lose BVB Zeit sehe ich eine andere Variante durch Sahin gegeben: Reus in den Sturm mit einer Dreierreihe Kuba, Götze und Gündogan dahinter. Sahin wäre damit ein Vorgriff auf noch mehr Barcelona weil die hohen Bälle wegfallen würden und Pässe in die Tiefe Sahins täglich Brot sind.

  2. Heibel sagt:

    Hallo Mattes! Was das Löwe-Thema angeht, bist du wohl tiefer in der Materie als ich. Unbestritten ist jedenfalls, dass der BVB viele polyvalente Spieler hat.

    Was den BVB ohne Lewandowski angeht, mag man mich reaktionär und konservativ nennen, aber bei allem Respekt für das, was Barcelona und die spanische Nationalmannschaft spielen, gehört für mich zum Fußball ein „echter“ Neuner immer noch dazu. Es muss ja kein Spieler vom Typ Stefan Maierhofer sein…

  3. Mattes sagt:

    Nur was bleibt dem BVB denn anderes, wenn Lewa wechselt? Als dominantes Team mit nur einer Spitze zu spielen verlangt dem Stürmer alles ab, guck mal nach München und Gomez letzte Saison. Du selbst schreibst ja, dass Schieber eher kein gleichwertiger Ersatz ist. Nur gibt es den zu nem bezahlbaren Preis auf dem Markt- und sei es in der Höhe der Transferentschädigung für Lewandoswki?

    Macht es nicht mehr Sinn, das Spiel nach dem bezahlbaren Personal auszurichten?

  4. Heibel sagt:

    Wirtschaftlich macht es in jedem Fall Sinn, mit dem vorhandenen Personal zu arbeiten oder eben alternative Lösungen zu finden – zumal der Markt guter Mittelstürmer weltweit immer kleiner (und somit teuer) wird

    Ich bin nur nicht sicher, ob der BVB auf lange Sicht ohne einen physisch starken Stürmer auskommt. Andererseits kann Dortmund noch eineinhalb Jahre die Augen offen halten, denn ich glaube nicht, dass man Lewa im kommenden Sommer schon gehen lässt. Für 20 Mio. bekommt man auf der Position jedenfalls keinen gleichwertigen Ersatz mit Perspektive.

  5. zanezd sagt:

    Ich teile durchaus die Meinung, dass Sahin nicht unmittelbar von Noeten ist, sehe aber einen anderen Aspekt an der Geschichte.

    Es zeugt doch von einer gewissen Menschlichkeit, wenn man Sahin „nach Hause“ holt und seinen Worten bei der Verabschiedung Taten folgen laesst.
    Desweiteren ist das grosse Ganze um Sahin als Botschaft an Goetze, Reus und Co zu sehen – getreu dem Motto „Wir wissen was wir an euch haben, aber ihr wisst auch was ihr an uns habt“.

    Fakt ist, Sahin in guter Form kann der Mannschaft durchaus neue (alte) Impulse geben, es ist aber auch unstrittig, dass sich die Mannschaft ohne Sahin weiterentwickelt hat.

    Es wird spannend sein zu sehen, wie Klopp ihn einbaut und ob das ohne Murren der leidtragenden ablaufen wird.

  6. Heibel sagt:

    Ich finde es – unabhängig von der Sahin-Geschichte – außerdem höchst bemerkenswert, dass es Dortmund immer wieder gelingt, mit dem (begehrten) Kern der Mannschaft zu verlängern und so wirklich einen Stamm über Jahre beisammen zu halten.

    Fälle wie Barrios und Kagawa, vermutlich auch Lewandowski, wird es immer wieder geben. Aber der Kern hat langfristige Verträge aus Überzeugung, und von denen geht keiner wegen einer Mio. mehr im Jahr weg, sondern nur, wenn sie ein Angebot bekommen, zu dem man nicht Nein sagen kann. Sahin hat das angenommen, und auch bei Götze oder Reus müssten wohl schon Real und Barca kommen…

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