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Jul
10

SC Freiburg: Runderneuert auf Kurs geblieben

Dass der SC Freiburg in der Saison 2013/14 ein komplettes Facelifting würde vollziehen müssen, war bereits im vergangenen Winter abzusehen, als mit Jan Rosenthal der erste Stützpfeiler der Mannschaft seinen Abschied zum Saisonende verkündete. Damit setzte ein regelrechter Exodus ein, bei dem nahezu alle SC-Stammspieler in den Fokus anderer Vereine gerieten.

Wenn diese Abwanderungswelle etwas Gutes hatte, war es, dass man früh um den Handlungsbedarf auf mehreren Positionen wusste. Auch die Tatsache, dass die Kriegskasse aufgrund der Ausstiegsklauseln um rund zehn Millionen Euro angeschwollen ist, hat den Interimsmanagern Klemens Hartenbach und Jochen Saier zumindest frühzeitig Planungssicherheit geliefert.

Mit 1,7 Millionen Euro alle Baustellen geschlossen

Was der Überraschungsfünfte der Vorsaison aber bislang auf dem Transfermarkt auf die Beine gestellt hat, ist schon aller Ehren wert. Ziemlich genau einen Monat vor dem Ligastart sind sämtliche Abgänge quantitativ aufgefangen worden. Und auch die Qualität der Neuen scheint zu stimmen. Der Clou dabei: Für ihre sieben Neuzugänge haben Hartenbach und Saier gerade einmal 1,7 Millionen Euro ausgeben müssen.

Freilich muss man einwenden, dass die Breisgauer mehrere Leihgeschäfte eingegangen sind und dass der eine oder andere Neuzugang in seiner Karriere schon bessere Tage hatte. Doch in einem Punkt sind alle Neuen gleich: Sie besitzen ein enormes Potenzial. Die Aufgabe von Trainer Christian Streich ist es nun, dieses Potenzial zu aktivieren und für die Mannschaft nutzbar zu machen. Dass der Coach mehr als drei Wochen Zeit hat bis zum ersten Pflichtspiel, der 1. Runde im DFB-Pokal bei Viertligist TSG Neustrelitz, muss als komfortabel gelten. So mancher Ligakonkurrent dürfte seine Kaderplanungen erst am 31. August abgeschlossen haben.

Zentrales Mittelfeld: Gelson Fernandes und Francis Coquelin

Cédric Makiadi (29) folgte seinem Ziehvater Robin Dutt für festgeschriebene drei Millionen Euro Ablöse zu Werder Bremen, Edeljoker Johannes Flum (25, letzte Saison 16 Einwechslungen) schloss sich ebenfalls dank einer Klausel für 2,2 Millionen Euro der Frankfurter Eintracht an. Der Verlust von Kapitän Julian Schuster konnte gerade noch verhindert werden. Der 28-Jährige dürfte damit in der kommenden Saison als Kopf der Doppel-Sechs gesetzt sein. Um den Platz neben ihm streiten sich die Neuzugänge Gelson Fernandes (26, kam für 400.000 Euro von Sporting Lissabon) und Francis Coquelin (22, bis 2014 ausgeliehen vom FC Arsenal).

Fernandes ist ein Wandervogel, Freiburg ist bereits seine siebte Profistation des Schweizers im sechsten Land. Der 42-fache Nationalspieler galt vor einigen Jahren als Riesentalent, erlebte zuletzt aber eine sportliche Odyssee. Seine größte Stunde hatte der Mittelfeldspieler bei der WM 2010, als er im Vorrundenspiel gegen Spanien das goldene 1:0 für die Eidgenossen erzielte. Seine Verpflichtung verdient das Prädikat „Typisch Freiburg“: Fernandes‘ Potenzial ist unbestritten, bei geradlinigem Karriereverlauf würde er gewiss bei einem Top-Klub spielen.

Von einem solchen Top-Klub kommt Francis Coquelin. Der Sechser, der auch auf den Außenpositionen verteidigen kann, kam für den FC Arsenal in den letzten beiden Spielzeiten zu 39 Einsätzen. Aufgrund der großen Konkurrenz im Kader hat sich Arsène Wenger allerdings entschieden, den 22-jährigen Franzosen an einen Verein zu verleihen, in dem er Spielpraxis sammeln kann. Dass der Gunners-Coach Freiburg für die richtige Adresse hält, ist ein Kompliment, zugleich aber auch nur logisch. Immerhin spielt der SC einen technisch anspruchsvollen Fußball, welcher Ähnlichkeiten mit der Arsenal-Philosophie aufweist.

Außenbahn offensiv: Vaclav Pilar und Felix Klaus

Lange sah es so aus, als würde die Streich-Elf nicht nur Linksaußen Daniel Caligiuri (25, per Ausstiegsklausel für 2,5 Millionen Euro nach Wolfsburg) verlieren, sondern auch dessen Pendant auf der rechten Seite, den Franzosen Jonathan Schmid (23). Der elffache Torschütze der vergangenen Saison hat jedoch die vielen guten Angebote ausgeschlagen, sodass der SC auf den offensiven Flügeln in Vaclav Pilar (24, bis 2014 ausgeliehen vom VfL Wolfsburg) und Felix Klaus (20, kam für 1,3 Millionen von Greuther Fürth) gewissermaßen sogar einen Überhangspieler verpflichtet hat.

Pilar war eine der Entdeckungen der EM 2012. Der Tscheche wirbelte auf dem linken Flügel und erzielte in vier Spielen zwei Tore. Damals rieb man sich beim VfL Wolfsburg gewiss die Hände, hatte man den Dribbler doch bereits im Frühjahr für schlappe 1,5 Millionen Euro verpflichtet. Pilar schien bei den Wölfen auch gleich einzuschlagen, überzeugte in Vorbereitungsspielen auf die Saison 2012/13 – ehe ihn ein Kreuzbandriss stoppte. Wie bei Coquelin ist mangelnde Spielpraxis der Grund, warum Freiburg diesen Akteur überhaupt bekommen hat. Und wie bei Coquelin ist allerdings auch ungewiss, wie lange Pilar benötigen wird, um seine Form zu finden. Bei seinem Potenzial müsste er in dieser Mannschaft eigentlich ein Fixpunkt sein.

Gewiss hat Freiburg gut daran getan, in Felix Klaus einen zweiten offensiven Flügelspieler zu verpflichten. Der 20-jährige rechte Mittelfeldspieler zählte in der Vorsaison bei Absteiger Greuther Fürth zu den positiven Erscheinungen und hat trotzdem noch jede Menge Luft nach oben. Abgesehen davon, dass er nicht aus der exzellenten Freiburger Nachwuchsschule kommt, ist Klaus eigentlich ein typischer Streich-Spieler: jung, technisch stark, schnell, lernfähig, mannschaftsdienlich.

Angriff: Mike Hanke und Admir Mehmedi

Max Kruse (25, per Ausstiegsklausel für 2,5 Millionen Euro nach Mönchengladbach) erzielte in der Vorsaison als Halbstürmer respektive „falsche Neun“ elf Tore für den SC und wurde zum vierten Freiburger Nationalspieler nach Jörg Heinrich, Jens Todt und Sebastian Kehl. Sein Abgang galt als der schmerzlichste unter den fünf Stars, die den Verein verließen. Fünfter im Bunde ist Kruses Sturmpartner Jan Rosenthal (27, ablösefrei zu Eintracht Frankfurt), der in Freiburg nach Jahren der Stagnation wieder an alte Zeiten anknüpfte.

Mit dem Ex-Gladbacher Mike Hanke (29, ablösefrei) ist dem SC im Preis-Leistungs-Verhältnis ein echter Coup geglückt. Der Ex-Nationalspieler, der nach seinen Stationen Schalke, Wolfsburg und Hannover Anfang 2011 von allen abgeschrieben war, fand in Mönchengladbach zurück in die Spur und entwickelte sich von einem arbeitenden zu einem mitspielenden Stürmer. Dass die Borussia seinen Vertrag trotz 27 Scorerpunkten in zweieinhalb Jahren auslaufen ließ, ist wohl vor allem auf eine Laune von Gladbachs Trainer Lucien Favre zurückzuführen, der polyvalentere Spielertypen bevorzugt – wie zum Beispiel den Ex-Freiburger Kruse. Im Breisgau dürfte Hanke sofort funktionieren und in der jungen Mannschaft eine Führungsrolle einnehmen.

Mit Admir Mehmedi (22, Dynamo Kiew) stößt ein weiterer Leihspieler zum SC Freiburg. Der Schweizer Offensivallrounder war im Januar 2012 für 4,1 Millionen Euro vom FC Zürich nach Kiew gewechselt, kam aber nur zu 25 Ligaeinsätzen. Hierzulande rückte Mehmedi erstmals beim 3:5 der DFB-Elf im Testspiel gegen die Schweiz kurz vor der Euro 2012 in den Blickpunkt. Als Rechtsaußen bot er gegen Marcel Schmelzer eine starke Partie und erzielte den Endstand. Auch für ihn gilt das Prädikat „Großes Talent mit Leistungsdelle“. Die Bundesliga ist seine Bühne, eine Rückkehr in die Ukraine nicht unbedingt das Ziel.

Innenverteidigung: Christopher Jullien

Aus der starken Viererkette der Vorsaison hat der SC keinen einzigen Spieler abgeben müssen. Selbst die heftig umworbenen Innenverteidiger Matthias Ginter (19) und Fallou Diagne (23) konnten trotz Angeboten im Bereich von fünf Millionen Euro gehalten werden. Dennoch hat Freiburg personell nachgelegt. Mit dem französischen U-20-Nationalspieler Christopher Jullien (20, ablösefrei von AJ Auxerre) hat sich die Streich-Elf noch einmal in der Breite verstärkt und den Abgang des chancenlosen Beg Ferati vermutlich überkompensiert.

Transferzeugnis

Nachdem davon auszugehen war, dass der SC Freiburg keinesfalls die kompletten zehn Millionen Transfereinnahmen (zuzüglich des Europa-League-Startgelds von rund 1,3 Millionen Euro) in neue Spieler und erst recht nicht in „Stars“ investieren würde, haben die Breisgauer aus heutiger Sicht gute bis sehr gute Transfers getätigt. Da man nie absehen kann, wie ein Neuzugang tatsächlich einschlägt, ist freilich eine gewisse Vorsicht geboten. Auch die Tatsache, dass bis auf die Position des rechten Mittelfeldspielers sämtliche Offensivpositionen im 4-4-2-System neu besetzt werden mussten, sollte man nicht unterschätzen. Alles in allem muss man dem SC aber ein gutes bis sehr gutes Transferzeugnis ausstellen. Was Mannschaft und Trainer daraus machen, steht auf einem anderen Blatt.

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