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Mai
12

Scherben, Adler, Schokolade – Die kuriosesten Motivationstricks im Fußball

In der heißen Phase einer Saison entscheidet nicht mehr allein die Qualität einer Mannschaft über Sieg oder Niederlage, sondern auch der Kopf. In der Geschichte des Fußballs hat es den einen oder anderen kuriosen Motivationstrick gegeben. Aktives Abseits stellt ein paar von ihnen vor.

Gerd Müller visualisiert seine schönsten Treffer

Man mag es kaum glauben, aber auch Gerd Müller hatte im Verlauf seiner Karriere die eine oder andere Tor-Flaute zu überwinden. Als es beim „Bomber der Nation“ in der Saison 1975/76 so gar nicht lief, ließ der damalige Bayern-Trainer Dettmar Cramer seinen Starstürmer im Zwiegespräch einfach von seinen schönsten Toren erzählen. Cramer beschrieb später, wie Müllers Augen mit jedem visualisierten Treffer mehr und mehr leuchteten. Der Kniff verfehlte seine Wirkung nicht, es folgten auch in der Realität bald wieder Tore am Fließband.

Christian Gross verteilt Leckerlis in Pokalform

Der Schweizer Christian Gross, von 2009 bis 2010 Trainer des VfB Stuttgart, hat sich Mitte der Neunziger Jahre etwas ganz Originelles – man könnte auch sagen „typisch Schweizerisches“ – einfallen lassen, um seine Spieler vor dem wichtigsten Spiel des Jahres heiß zu machen: Um seinen Grasshoppers aus Zürich vor dem entscheidenden Champions League-Qualifikationsspiel gegen Maccabi Tel-Aviv den letzten Kick zu geben, ließ Gross für jeden Spieler einen Mini-Champions League-Pokal aus Schokolade anfertigen. Die Botschaft lautete: „So süß ist die Champions League“. Der Motivationstrick glückte, die Grasshoppers schafften es in die Gruppenphase. Dort waren sie allerdings gegen Ajax Amsterdam und Real Madrid chancenlos. Vielleicht hätte Gross die Pokalproduktion noch einmal anwerfen sollen…

Klaus Toppmöller und ein Maskottchen zum Anfassen

In der Hinrunde der Bundesliga-Saison 1993/94 bot die Mannschaft von Eintracht Frankfurt um Uwe Bein, Anthony Yeboah, Jay-Jay Okocha und Uli Stein phasenweise Traumfußball. Das Team stand nach 11 Spieltagen mit neun Siegen und zwei Unentschieden souverän an der Tabellenspitze, die Meisterschaft schien der SGE kaum noch zu nehmen sein. In dieser Phase lieferte Trainer Klaus Toppmöller ein anschauliches Beispiel für den Wahrheitsgehalt des Sprichworts „Hochmut kommt vor dem Fall“. Vielen noch in guter Erinnerung sind seine flotten Sprüche („Bye bye, Bayern“) und seine eigenwilligen Motivationsmethoden. So überraschte „Toppi“ seine Spieler in der Kabine mit einem leibhaftigen Steinadler, dem Eintracht-Wappentier. Bald darauf folgte der Absturz in der Tabelle, die Eintracht gewann bis zum Saisonende nur noch sechs weitere Spiele, handelte sich jedoch elf Niederlagen ein und beendete die Saison „nur“ auf Rang fünf. (Und falls es so etwas wie Nemesis gibt: Bereits nach dem 30. Spieltag hieß es „Bye bye, Toppi“.)

Christoph Daum – Allein übers Wasser ließ er sie (noch) nicht laufen

Im Verlauf seiner langen Karriere hat Um-ein-Haar-Bundestrainer Christoph Daum auf unzählige Motivationstricks zurückgegriffen. So hat der „Zampano“ in seiner ersten Kölner Amtszeit (1986-1990) vor einem Spiel gegen den FC Bayern München seiner Mannschaft die Siegprämie von 13.000 DM nicht nur versprochen, sondern – damit es wirklich jeder versteht – die Scheine auch noch an die Kabinentür genagelt.

Wirklich berühmt wurde Christoph Daum jedoch erst für zwei andere Motivationstricks, die er in seiner Zeit bei Bayer Leverkusen (1996-2000) aus dem Ärmel schüttelte. Dort ließ er seine Spieler gegen Anfang seiner Amtszeit über glühende Kohlen und gegen Ende seiner Amtszeit über Glasscherben laufen. Ein weiterer Leckerbissen ist die „Staubsaugervertreter-Geschichte“, mit der Daum die Ladehemmung von Ulf Kirsten (erfolgreich) und Theofanis Gekas (erfolglos) beheben wollte.

Traurige Beispiele für „Negativ-Motivation“: Mussolini und Mobutu

Dass es an dem folgenden „Motivationstrick“ nichts gutzuheißen gibt, versteht sich von selbst. Der Vollständigkeit halber gehe ich trotzdem darauf ein…

Mittlerweile hat sich der Fußballweltverband FIFA jeglichen Einfluss der Politik auf den Sport verbeten. Das war bei den Weltmeisterschaften 1934 und 1974 noch nicht der Fall. Damals versuchten die Diktatoren Mussolini (1934/Italien) und Mobutu (1974/Zaire), den kickenden Vertretern ihrer Länder mit einer knappen, aber unmissverständlichen Botschaft Beine zu machen: Beide schickten ihrem Team vor Turnierbeginn einen Brief mit der unmissverständlichen Botschaft „Sieg oder Tod“. Der Effekt war höchst unterschiedlich: Im Falle der Italiener sollte es tatsächlich für den WM-Sieg reichen – wobei einige skandalöse Schiedsrichterentscheidungen der Squadra Azzurra zu Hilfe kamen. Nicht ausgeschlossen, dass Mussolini, der den Titel bei der Heim-WM aus Prestige- und Propaganda-Gründen um jeden Preis wollte, seine Finger im Spiel hatte.

Bei der Mannschaft von Zaire war dagegen bereits frühzeitig abzusehen, dass es nicht für den WM-Titel 1974 reichen würde: Die Mannschaft verlor zum Auftakt gegen Schottland mit 0:2, im zweiten Gruppenspiel gegen die Jugoslawen setzte es sogar eine 0:9-Klatsche. Jahre nach der WM erzählten einige Spieler, dass Diktator Mobutu ihnen für den Fall einer 0:4-Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Brasilien mit dem Tod gedroht hatte. Das würde auch das Verhalten einiger Spieler in dieser Partie erklären. Als die Brasilianer nämlich kurz vor Schluss beim Stand von 3:0 einen Freistoß aus aussichtsreicher Position zugesprochen bekamen, stürmten gleich mehrere Afrikaner noch vor der Freigabe des Balls panisch aus der Mauer und busgierten das Leder auf die Tribüne. Letzten Endes retteten sie das 0:3 über Zeit und somit ihr Leben. Wobei niemand sagen kann, ob Mobutu mit seiner Drohung ernst gemacht hätte. Zum Glück haben es die Spieler aus Zaire aber auch nicht darauf ankommen lassen…

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