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Jun
18

Schland unter – Der Weltmeister wankt

Das 0:1 gegen Mexiko war die erste deutsche Auftaktniederlage bei einer WM seit 36 Jahren. 1982 in Spanien führte der Weg des DFB-Teams trotz des Fehlstarts noch ins Finale. Eine Wiederholung erscheint nach den Eindrücken von Sonntag doch ziemlich unwahrscheinlich. Es droht gar das blamable Ausscheiden in der Gruppenphase.

Bundestrainer Joachim Löw und sein Trainerstab haben sich lange Jahre vom Fußball Spaniens, Frankreichs und Italiens inspirieren lassen. Keine schlechte Idee, mag man meinen, wenn es um Technik, Taktik und Spielphilosophie geht. Doch in einem Punkt wollte und sollte Löw den drei genannten Top-Nationen nicht nacheifern: Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014 sind als Titelverteidiger jeweils in der WM-Vorrunde gescheitert. Die deutsche Mannschaft hat am Sonntag einen großen Schritt getan, es den „Vorbildern“ nachzumachen.

Kein Esprit, kein Plan B

Nicht nur die deutschen Spieler, Löw und auch die Fans nahmen das 0:1 des viermaligen Weltmeisters gegen den zweimaligen WM-Viertelfinalisten Mexiko mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis. Die Gazzetta dello Sport brachte das Ausmaß der Überraschung auf den Punkt – na ja, vielleicht war ein bisschen Ironie dabei: „Die Päpste können hinschmeißen, einer wie Trump kann Präsident werden und Deutschland kann das erste Spiel bei einer WM verlieren: Die moderne Welt hat keine Gewissheiten mehr“, schrieb Italiens Sportorgan Nummer eins am Montag.

Tatsächlich war kaum verständlich, was sich in den 90 Minuten auf dem Rasen des Moskauer Luschniki-Stadions ereignete. Der Weltmeister, der im Vorfeld zumindest in Worten keinen Zweifel am festen Willen zur erfolgreichen Titelverteidigung gelassen hatte, spielte in der Form der letzten Vorbereitungsspiele. Kein Tempo, keine Ideen, kein Konzept – und hatte noch dazu keinen Plan B in der Tasche, als Mexiko vor allem dem zentralen Mittelfeld um Sami Khedira weh tat und die Defensive ein uns andere Mal entblößte. Letztlich mag man einwenden, dass Deutschland in der Drangphase am Ende des Spiels auch hätte ausgleichen können, doch Mexiko hätte genauso gut auch 3:0 gewinnen können, wenn „El Tri“ seine Konter besser ausgespielt hätte.

Vorne und hinten Standfußball

Bedenklich stimmt, dass in Khedira, Rechtsverteidiger Joshua Kimmich, Offensiv-Freigeist Thomas Müller und dem von Löw dauerprotegierten Mesut Özil vier gesetzte Spieler (davon drei Weltmeister) zu den größten Enttäuschungen gehörten. Offensiv wurde Standfußball mit Flanken aus dem Halbfeld geboten, die allzu oft im mexikanischen Fünfmeterraum wirkungslos verendeten. Defensiv waren die Abstände gigantisch, gegen die pfeilschnellen Mexikaner mussten Jerome Boateng, Mats Hummels und Torwart Manuel Neuer mehrfach in höchster Not retten.

Die hochgelobte deutsche Trainerbank war sichtlich überrascht vom eigentlich schlüssigen Konzept der Mexikaner, die ballsicheren und erfahrenen, aber nicht gerade antrittsstarken Zentrumspieler Toni Kroos und Sami Khedira gezielt zu attackieren und so bei den zahlreichen Ballgewinnen mindestens Gleichzahlsituationen zu schaffen. Mexiko-Trainer Juan Carlos Osorio sagte auf der anschließenden Pressekonferenz, er haben diesen Matchplan bereits vor einem halben Jahr ausgetüftelt.

Löws System ist dechiffriert

Das zeigt, wie ausrechenbar Löws Taktik ist. Der Weltmeister will dem Gegner mit Ballbesitzfußball sein Spiel aufzwingen. Das klappt oft, weil die meisten Mannschaften aus Respekt vor dem deutschen Team vor allem auf das Verhindern von Gegentoren aus sind. In solchen Spielen werden die Ruhe und Übersicht des Duos Kroos/Khedira zum großen Plus. Wie schwer es aber bei dieser WM sein dürfte, aus der Position des permanenten Bespielens heraus zum Erfolg zu kommen, zeigte die letzte halbe Stunde gegen Mexiko.

Zwar wurde das deutsche Spiel durch die Einwechslungen von Marco Reus und Julian Brandt deutlich lebendiger, doch Tore gegen die am Ende nur noch verteidigenden Mexikaner schienen lediglich durch Standards oder Fernschüsse möglich. Gegen Schweden am Samstag und Südkorea am übernächsten Mittwoch müssen nun zwingend Siege her, doch nach der deutschen Auftaktniederlage werden beide Mannschaften den Fokus vermutlich noch stärker auf die Defensive legen.

Was tun mit Özil, Kimmich und Khedira?

  • Mesut Özil hat am Sonntag keinerlei Empfehlung dafür abgegeben, auch gegen die Tre Kronor die Kreativabteilung anführen zu dürfen. Özil schob die Verantwortung weiter, wie es oft seine Art ist in kritischen Situationen. Keine Eins-gegen-eins-Duelle, keine Risikopässe, nur fünf Meter nach rechts oder links wurde der Ball geschoben. Leon Goretzka wäre eine Alternative, auch Reus oder Julian Draxler könnten auf die Zehn rücken. Sie alle sind hinter der Spitze aber im DFB-Team unerfahren – weil Löw seit fast einem Jahrzehnt blind auf Özil (29) vertraut. Schade, dass Leroy Sané nicht dabei ist, der als Linksaußen für unkonventionelle Aktionen sorgen könnte.
  • Khedira ist beim Bundestrainer ebenso unumstritten. Der 30-Jährige bringt Ruhe, Ausstrahlung und Erfahrung mit. Doch der ohnehin nicht schnelle Turiner ist in den letzten Jahren noch langsamer geworden. Erste Alternative auf der Sechs ist Ilkay Gündogan, der aber ebenfalls eher über die Ballsicherheit und weniger über das Tempo kommt. Sebastian Rudy oder Leon Goretzka dürften Löw in der Rolle als Seitenmann des unumstrittenen Kroos zu unerfahren sein – eine logische Folge dessen, dass Löw seinen verbliebenen Weltmeistern von 2014 im letzten Jahr fast einen Persilschein ausgestellt hatte.
  • Thomas Müller ist immer für eine Überraschung gut. Der Münchner, dem bei zwei vorherigen WM-Endrunden mit seinem unkonventionellen Spiel insgesamt zehn Tore gelangen, lebt aber davon, Schussoptionen zu erhalten. Hierfür braucht er Dynamik im Spiel der gesamten Mannschaft. Wenn dieses da ist, wird auch der am Sonntag schwache Müller sofort wieder zur Waffe.
  • Sein 23 Jahre junger Klubkollege Joshua Kimmich machte am Sonntag wohl sein schwächstes von bislang 29 Länderspielen. Einen klassischen Ersatzmann hat Löw nicht im Kader, Rudy und der Gladbacher Matthias Ginter wären Verlegenheitslösungen. Der sonst so cool wirkende Kimmich war nervös in seinem ersten WM-Spiel. Wenn es den Trainern und Mitspielern gelingt, ihn aufzurichten und die Mannschaftsteile insgesamt kompakter stehen, wird Kimmich wieder zur Bank.
  • Im Angriff braucht Timo Werner viel Raum, um seine Schnelligkeit ausspielen zu können – und mit dem Gegner quasi das zu machen, was die Mexikaner mit den Deutschen gemacht haben. Gegen kompakte Defensivreihen kommt der Leipziger aber kaum zu Chancen. Dennoch sollte und wird Löw weiter auf ihn setzen. Ein Startelfeinsatz von Strafraumstürmer Mario Gomez gegen Schweden wäre auch an den Gegner das Zeichen, dass der Bundestrainer nicht mehr von seinem präferierten Spielstil überzeugt wäre.
  • Auf die Position des linken Außenverteidigers wird Jonas Hector nach überstandener Grippe zurückkehren. Der Kölner sorgt nicht für Spektakel, erledigt aber seine Aufgaben in Offensive und Defensive unaufgeregt und verlässlich. Weiter haben die Mitspieler offenkundig mehr Vertrauen in ihn als seinen Ersatzmann Marvin Plattenhardt, der am Sonntag kaum gesucht wurde und ohne Selbstsicherheit mit unterging.

P.S.: Sorgenfrei war das DFB-Team vor allem in der zentralen Defensiven. Innenverteidiger Jerome Boateng rettete in vielen kritischen Situationen. Auch der lange fragliche Manuel Neuer war sicher bei Paraden, im Herauslaufen und im Mitspielen. Zudem hat der bei vollkommener Fitness weltbeste Torhüter nichts von seiner Ausstrahlung eingebüßt.

1 Kommentar

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  1. Thomas Obermüller sagt:

    Wenn jeder so viel gelaufen wäre wie Özil, hätten wir weniger Probleme gehabt. Er war es auch, der versucht hat unseren eigentlichen Spielstil durchzusetzen.
    Die mangelnde Defensivarbeit von Müller und Draxler in der 1. Halbzeit, wegen zu ballferner Positionierung sollte auch erwähnt werden.

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