«

»

Dez
01

Schweinchen Schlau vs. Rotbäckchen: Hält die Solidargemeinschaft Bundesliga?

Der deutsche Fußball steht vor einer Zerreißprobe. Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge hat den eigentlich in eine andere Richtung abzielenden Vorstoß von Manager Andreas Rettig (FC St. Pauli) aufgegriffen und fordert mehr TV-Gelder für den Branchenprimus. Das Ende der Solidargemeinschaft droht.

Die Klubchefs der 1. und 2. Fußball-Bundesliga beraten am Mittwoch bei der DFL-Versammlung in Frankfurt über nicht mehr und nicht weniger als die Zukunft des Wettbewerbs im deutschen Vereinsfußball. Alle sind sich einig, dass der nächste Schritt darin bestehen muss, mit dem nächsten Fernsehvertrag pro Jahr die Schallmauer von einer Milliarde Euro zu durchstoßen und damit zumindest in Ansätzen mit der englischen Premier League mitzuhalten, die ab der kommenden Saison sage und schreibe 3,2 Milliarden Euro erhält.

Die nächste Frage aber lautet, wie das Geld unter den 36 Vereinen aufgeteilt wird. Das bisherige Modell mit einem rein leistungsbezogenen Schlüssel – wobei 80 Prozent an die 18 Erstligisten und 20 Prozent an die 18 Klubs der 2. Liga gehen – findet wohl nur noch unter den Werksklubs und den kleinen Vereinen Unterstützer. Generell haben sich vier Fronten gebildet, die es irgendwie zu vereinbaren gilt.

Fraktion 1: Die Bayern

Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge macht mittlerweile keinen Hehl mehr daraus, dass er im Sinne der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Vereins am liebsten aus der Solidargemeinschaft ausscheren und den deutschen Rekordmeister selbst vermarkten würde. Der Klub sei zwar grundsätzlich bereit, „sich der zentralen Vermarktung unterzuordnen. Aber es gibt Grenzen, die hier nicht überschritten werden sollten“, sagte der 60-Jährige zuletzt dem kicker.

Derzeit kassieren die Bayern über den Solidarschlüssel etwa 50 Millionen Euro Fernsehgeld pro Saison, bei einer Selbstvermarktung wären vorsichtig geschätzt 150 bis 200 Millionen drin. Die Folgen: Wirtschaftlich bräuchte der FCB die Millionen aus England und Spanien nicht mehr zu fürchten – zugleich wäre aber die ohnehin erdrückende Überlegenheit in der Bundesliga zementiert. Der Wettbewerb wäre de facto tot. Auch müsste man sich eine Folgefrage stellen: Welcher Sender zahlt den Bayern in fünf Jahren noch 200 Millionen für Bundesligaspiele, bei denen es nur noch darum geht, ob es 5:0 oder 10:0 endet?

Fraktion 2: Die Traditionsvereine

Nicht ganz so attraktiv wie die Bayern, aber starke Marken sind Klubs wie Borussia Dortmund, Schalke 04, der Hamburger SV, der 1. FC Köln, Werder Bremen oder Eintracht Frankfurt. Sie würden von einem Modell profitieren, das die viel zitierte Tradition und alles was damit einhergeht, stärker berücksichtigt. Würden bei der Verteilung der TV-Gelder „weichere“ Faktoren wie Zuschauerzahlen, Fanaufkommen und Reichweite der Klubs im Pay-TV stärker berücksichtigt, würden die Traditionsvereine auch ohne Auflösung der Solidargemeinschaft deutlich mehr als bislang einheimsen.

Fraktion 3: Die Werksklubs/Investorenklubs

Vereine wie Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsburg, 1899 Hoffenheim oder bald auch Hannover 96 profitieren derzeit am stärksten vom aktuellen Modell, das allein auf sportlichen Ergebnissen fußt – und nicht danach fragt, mit welchen Mitteln diese zustande kamen.

Die Popularität der Werksklubs ist äußerst überschaubar, was man neben den Zuschauerzahlen in den Stadien auch Reichweite-Statistiken des aktuellen Pay-TV-Rechteinhabers Sky entnehmen kann. Wer schaut sich schon das Einzelspiel Hoffenheim gegen Wolfsburg an?

Würden sich alle Vereine einzeln vermarkten oder die oben genannten weichen Faktoren greifen, wäre die Einbuße für die Werksvereine und Investorenklubs immens. Genau diese Vereine wollte Rettig mit seinem Antrag treffen – was ihm den mittlerweile allseits bekannten Spitznamen „Schweinchen Schlau“ durch Leverkusen-Sportdirektor Rudi Völler eingebracht hat.

Fraktion 4: Die kleinen Klubs und die Zweitligisten

In der 2. Bundesliga wird kein Verein besonders reich. Auf der anderen Seite kommt jede Saison in der 1. Bundesliga für kleine Klubs wie Darmstadt 98, den FC Ingolstadt, den SC Paderborn, Eintracht Braunschweig oder Greuther Fürth, aber auch den SC Freiburg oder den FC Augsburg der Entdeckung von Eldorado gleich. Sie alle leben vom Solidarsystem und können sich finanziell sanieren, selbst wenn sie nur eine Saison lang im Oberhaus bleiben.

Eben diesen Klubs aber drohte Rummenigge kürzlich, als er sagte: „Ich habe grundsätzlich kein Problem mit der 2. Liga. Sie ist Bestandteil der DFL.“ Allerdings sollten sich die Zweitligisten „nur etwas realistischer einschätzen“. Sonst „braut sich was zusammen.“ Anders ausgedrückt: Für Rummenigge ist der Anteil der kleinen Klubs am TV-Kuchen bereits jetzt groß genug – wenn nicht gar zu groß.

Wie kann eine Lösung aussehen?

Rummenigge wird sich weiter ins Solidarsystem fügen, wenn für den FC Bayern mehr Geld als bislang abfällt. Dies würde automatisch dann geschehen, wenn die DFL im nächsten TV-Vertrag mehr Geld an Land zieht, wovon derzeit alle ausgehen. Aber die Gier der Bayern würde das nur kurzfristig stillen.

Alternativ käme die Möglichkeit in Betracht, jedem Verein beispielsweise die TV-Vermarktung im Ausland und im Internet in die eigenen Hände zu geben. 50 Prozent könnte jeder Klub behalten, der Rest würde in einen Pool fließen, an dem alle 36 Klubs nach einem leistungsbezogenen Schlüssel partizipieren. Auch dies könnte zum Vorteil aller sein – auch der Werksklubs. Andreas Rettig dürfte das kaum gefallen.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*