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Okt
18

Schweiz und Kolumbien im WM-Topf 1 – Zur Sinnlosigkeit der FIFA-Weltrangliste

Es ist nahezu unmöglich, bei Setzverfahren im Fußball eine gerechte Lösung zu finden. In der jüngeren Vergangenheit hat die FIFA die Lostöpfe für Weltmeisterschaften nach dem Abschneiden bei den letzten Turnieren inklusive der Qualifikation bzw. nach geographischen Faktoren vorgenommen. Bei der WM 2014 entscheidet allein die FIFA-Weltrangliste über die Verteilung auf die Lostöpfe. Dieses Ranking war bislang eine nette bis nichtssagende Spielerei. Nun wird es zum Ärgernis.

Nichts gegen die Schweiz oder Kolumbien. Beide Nationen haben sich überaus souverän und damit verdient für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien qualifiziert. Aber sind diese Teams wirklich verdiente Gruppenköpfe? Kolumbien hat letztmals 1998 an einem Weltturnier teilgenommen und ist bei der Copa America, dem südamerikanischen Äquivalent zur Europameisterschaft, letztmals 2004 über das Viertelfinale hinausgekommen. Laut FIFA-Weltrangliste sind die „Cafeteros“ aber aktuell die viertstärkste Kraft im Weltfußball.

Auch die Schweiz hat in den letzten zehn Jahren bei großen Turnieren nicht sonderlich viel gerissen: 2004 EM-Aus in der Vorrunde, 2006 WM-Aus im Achtelfinale, 2008 EM-Aus in der Vorrunde (als Co-Gastgeber), 2010 WM-Aus in der Vorrunde, 2012 EM-Qualifikation verpasst. In der für die WM-Auslosung 2014 maßgeblichen Weltrangliste vom 17.10.2013 ist die Hitzfeld-Elf aber die Nummer sieben – und damit beim Weltturnier einer der acht Gruppenköpfe, dem vermeintlich „schwächere“ Gegner zugelost werden. Diese könnten beispielsweise Vize-Weltmeister Niederlande oder Vize-Europameister Italien heißen. Beides Länder, die in der jüngeren Vergangenheit bei Großereignissen Ausrufezeichen gesetzt haben.

Auch die Belgier, von vielen aufgrund ihrer extrem talentierten Mannschaft als Geheimfavorit gehandelt, haben im Topf der Besten nichts verloren. Letztmals bei einem großen Turnier dabei waren die Roten Teufel 2002 bei der WM in Japan/Südkorea (Aus im Achtelfinale gegen den späteren Weltmeister Brasilien). Damals stand der heutige Trainer Marc Wilmots noch als Spieler auf dem Feld. Es mag sein, dass Fellaini, Hazard, Courtois, Benteke, Kompany & Co. nach dem Turnier rückwirkend die Einsortierung in Topf eins rechtfertigen, aber noch ist Belgien allein laut FIFA-Weltrangliste (Platz fünf) eine Top-Nation. Der Beweis auf dem Feld steht noch aus. Borussia Dortmund musste sich im Vorjahr in der Champions League schließlich auch aus Topf vier ins Finale arbeiten…

FIFA-Weltrangliste: Ewig hinkender Vergleich

Um den Irrsinn zu verstehen, muss man zwangsläufig auf den Modus der FIFA-Weltrangliste eingehen. Der Weltverband hat dieses Ungetüm im August 1993 eingeführt, um vergleichbar zum Tennis oder Golf dauerhaft das Kräfteverhältnis im Fußball abzubilden und nicht vier Jahre bis zur nächsten Weltmeisterschaft warten zu müssen.

Erster Spitzenreiter des Rankings, das seit ein paar Jahren gewinnbringend von Coca-Cola gesponsert wird, war übrigens Deutschland als seinerzeit amtierender Weltmeister. Mittlerweile hat ein knappes Dutzend Länder den Platz an der Sonne belegt, darunter übliche Verdächtige wie Brasilien, Frankreich oder Spanien, aber eben auch „Exoten“ wie Norwegen (63 Tage lang im Jahr 1994 punktgleich mit Deutschland und Brasilien).

Modus: Willkür trifft Beliebigkeit

Eine Weltrangliste zu schaffen, war definitiv keine Notwendigkeit. Das Ranking war in den vergangenen 20 Jahren eine nette Spielerei und wurde von Trainern sowie Experten kaum für voll genommen. Das liegt an der Unmöglichkeit, die Machtverhältnisse im Fußball objektiv darzustellen. In anderen Sportarten mag das möglich sein, im Fußball finden aber nicht zig Turniere pro Jahr statt, bei denen die Weltelite der Nationalteams geschlossen antritt. Das ist nur alle vier Jahre der Fall, bei den Weltmeisterschaften. Dennoch hat die FIFA auf ihr Ranking bestanden.

Im Lauf der Jahre hat es einige Reformen gegeben. Laut dem seit 2006 gültigen Modus setzt sich die FIFA-Weltrangliste aus allen Länderspielergebnissen der letzten vier Jahre zusammen. In die Berechnung fließt neben dem nackten Ergebnis auch die Stärke des Gegners (natürlich laut FIFA-Weltrangliste), die Wichtigkeit des Spiels (Freundschaftsspiel, Qualifikationsspiel, Spiel bei einer Kontinentalmeisterschaft oder Weltmeisterschaft) sowie der Stärkegrad des Kontinentalverbands ein, aus dem der Gegner kommt.

Dieser Stärkegrad wird von der FIFA festgelegt und gelegentlich angepasst. Aktuell besagt er beispielsweise, dass Siege gegen europäische und südamerikanische Teams (Maximalfaktor 1,0) mehr wert sind als gegen afrikanische Mannschaften (Faktor 0,86). Ein Sieg gegen die Elfenbeinküste oder Ghana wäre in dieser Hinsicht also weniger wert als drei Punkte gegen Färöer oder Liechtenstein. Logisch, oder? Weiterhin werden die Ergebnisse mit zunehmender Aktualität stärker gewichtet. Im Klartext: Je jünger die Erfolge, desto hilfreicher für die Weltrangliste. Hiervon haben Kolumbianer und Schweizer wohl am meisten profitiert.

Sportlich eigentlich längst abgestiegen

Wer sich das Prinzip der Rangliste in Gänze zu Gemüte führen will, kann das gern auf der Seite der FIFA tun. Besser und in allen Facetten beleuchtet wird das Thema aber bei Wikipedia.

Würde man Buch führen über die guten und die schlechten Entscheidungen der FIFA und würde man jede mit einem Tor bzw. Gegentor bewerten, dann wäre der Weltverband längst in einer unterklassigen Liga unterwegs. Die Entscheidung, die unbestritten mit Schwächen behaftete FIFA-Weltrangliste als einzige Referenz für die Verteilung der Lostöpfe bei der nächsten WM zu verwenden, möchte man sogar mit einem Punktabzug bestrafen. Schade, dass für Sanktionen im Weltfußball in letzter Konsequenz die FIFA zuständig ist.

2 Kommentare

2 Pings

  1. ducnobbi sagt:

    tja lieber Herr Hebel, da lagen Sie mit Ihrem Artickel „Schweiz und Kolumbien im WM-Topf 1 – Zur Sinnlosigkeit der FIFA-Weltrangliste“ wohl voll daneben. manchmal haben doch die Profis recht und nicht die selbsternannten Besserwisser.

  2. Heibel sagt:

    Hallo docnubbi, Meinungsäußerung ist ok, aber den Schuh mit dem Besserwisser lasse ich mir nicht anziehen. Ich habe ja nicht Kolumbien, die Schweiz oder Belgien als schlechte Mannschaften bezeichnet. sondern lediglich die FIFA-Weltrangliste kritisiert.
    Dass alle drei Teams eine ordentliche bis starke WM gespielt haben, spricht für sie. Dass sie vor dem Turnier in Topf eins gelandet sind, war aber aufgrund der Vorleistungen der letzten zehn Jahre nicht gerechtfertigt. Dabei bleibe ich.

  1. Warum die Kritik an der WM 2014 Auslosung überzogen ist - WM 2014 sagt:

    […] die Realität richtig abbildet. Mein Co-Blogger Marco hat sich dazu in seinem Blog schon mal ausführlich Gedanken gemacht, die ich an dieser Stelle nicht noch einmal wiederholen […]

  2. Warum die Kritik an der WM 2014 Auslosung überzogen ist sagt:

    […] die Realität richtig abbildet. Mein Co-Blogger Marco hat sich dazu in seinem Blog schon mal ausführlich Gedanken gemacht, die ich an dieser Stelle nicht noch einmal wiederholen […]

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