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Jan
14

Sean Dundee, Paulo Rink & Co. – Einbürgerungen im Fußball Teil 2

In den späten 1990er Jahren, als der deutsche Fußball zielsicher auf seinen Tiefpunkt zutaumelte, machte auch der DFB von der Möglichkeit Gebrauch, Spieler einzubürgern. Aktives Abseits blickt zurück auf „naturalisierte“ Ausländer im Nationaltrikot – und solche, die es fast geworden wären.

Die tatsächlich Eingebürgerten

Sean Dundee (gebürtiger Südafrikaner)

Sean Dundee war so etwas wie der Pionier in Sachen beschleunigte Einbürgerung – und er hatte dabei prominente Unterstützung: Neben Bundestrainer Berti Vogts setzte sich im Jahr 1997 vor allem der damalige Bundeaußenminister Klaus Kinkel (FDP) vehement dafür ein, dass Dundee schnellstmöglich einen deutschen Pass erhielt. Dass Kinkel bekennender Fan von Dundees damaligem Arbeitgeber Karlsruher SC war, war hierbei gewiss kein Hindernis.

In der Tat war das „Torkrokodil“ kein Schlechter. In seiner ersten Bundesliga-Saison 1995/96 traf Dundee 16-mal ins Schwarze, in der Folgesaison sogar 17-mal. In dieser Form wäre er eine echte Verstärkung für die deutsche Nationalmannschaft gewesen. Doch kaum hatte Sean Dundee den deutschen Pass, ging nichts mehr: Nur noch drei Treffer in der Saison 1997/98, Abstieg mit dem KSC, private Querelen und letztlich ein erzwungener Wechsel zum FC Liverpool.

An der Anfield Road kam Dundee nur dreimal zum Zuge und kehrte 1999 als Gescheiterter nach Deutschland zurück, ausgerechnet zum KSC-Erzfeind VfB Stuttgart. Auch dort konnte er nicht mehr an seine alte Form anknüpfen, wurde in Anlehnung an seine neue Nationalität sogar als „Dunde Hans“ verspottet. 2008 beendete Dundee seine Karriere als Reservist bei den Offenbacher Kickers.

Für Deutschland gespielt hat Sean Dundee im Übrigen nie – Berti Vogts nominierte ihn nach der Einbürgerung zwar zweimal, setzte ihn aber nicht ein. Dundee blieb nur der Trostpreis: 2000 trug er einmal das Trikot der „A2“-Nationalmannschaft.

Zumindest an seiner Identifikation hat es nie gehapert: Dundee war ein sympathischer Typ, der hervorragend deutsch sprach und sich sogar brav für den Wehrdienst meldete. Trotzdem: In Südafrika hätte er ein Nationalheld werden können. War’s das wert, Sean?

Sean Dundee Fun Facts:
– Vor seinem geplanten Länderspieldebüt für Südafrika, das nach damaligem FIFA-Reglement einen Nationenwechsel unmöglich gemacht hätte, „verletzte“ sich Dundee im Abschlusstraining und konnte daraufhin nicht eingesetzt werden. Der Gegner im Dezember 1995 in Johannesburg hieß übrigens Deutschland…

– 1997 brachte Ubisoft das Computerspiel „Sean Dundee’s World Cup Football“ auf den Markt. Zumindest auf dem Bildschirm hat es Dundee also zur WM geschafft.

Paulo Rink (gebürtiger Brasilianer)

Bei Paulo Rink war das beschleunigte Einbürgerungsverfahren aus „öffentlichem Interesse“ gar nicht nötig. Der Brasilianer sprach zwar nur gebrochen Deutsch, konnte aber einen Urgroßvater vorweisen, der 1904 von Heidelberg nach Brasilien ausgewandert war.

Dieser Urgroßvater und 10 Tore in 16 Bundesligaspielen für Bayer Leverkusen eröffneten Rink die Möglichkeit, den Tiefpunkt des deutschen Fußballs aus nächster Nähe mitzuerleben: Beim desaströsen Vorrunden-Aus der DFB-Elf bei der Euro 2000 in Belgien und den Niederlanden kam Rink in allen drei Spielen zum Einsatz (einmal von Anfang an, zweimal als Joker). Doch weder er noch seine Sturmkollegen Oliver Bierhoff, Ulf Kirsten und Carsten Jancker brachten ein Tor zustande.

Danach ging es mit dem deutschen Fußball langsam wieder bergauf, mit Rinks Karriere dafür umso abrupter bergab. Im August 2000 absolvierte er sein 13. und letztes Länderspiel (null Tore). Auch seine Zeit bei Bayer Leverkusen war bald darauf abgelaufen. Es folgten Stationen wie Nürnberg, Cottbus, Nikosia, Arnheim oder Jeonju (Südkorea), ehe Rink 2007 die Fußballschuhe an den Nagel hängte.

Neueste Entwicklungen bei Paulo Rink:
Anfang 2011 nahm Rink, mittlerweile Sportdirektor des brasilianischen Erstligisten Atletico Paranaense, am PCA Main Event teil, einem der höchstdotierten Pokerturniere der Welt (15 Mio. Dollar Preisgeld). Rink, der sich über ein Online-Turnier qualifiziert hatte, wurde respektabler 27. und gewann 66.000 Dollar Preisgeld.

Da Capo: Verhinderte Nationalspieler

Ailton

Der Brasilianer Ailton hätte 2004 nur zu gerne die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und mit dem DFB-Team an der EM in Portugal teilgenommen. Mit seinen 28 Saisontoren und dem Selbstvertrauen eines frisch gebackenen Doublesiegers mit Werder Bremen wäre der „Kugelblitz“ sicher auch eine Verstärkung gewesen.

Doch Ailtons Motive waren zweifelhaft: Nur weil es für die brasilianische Nationalmannschaft nicht reichte, kam Deutschland für ihn infrage. Das wusste auch Teamchef Rudi Völler und signalisierte Ailton frühzeitig, dass er ihn nicht nominieren würde. Der wollte daraufhin für Katar (!) spielen. Als ob Ailton damals schon geahnt hätte, dass da mal was gehen würde… Aber auch dieser Wechsel kam letztlich nicht zustande. Vermutlich, weil „Toni“ irgendwann gemerkt hat, dass Katar gar nicht an der EM 2004 teilnehmen würde – was für ein Land in Asien auch eine beachtliche Leistung gewesen wäre.

Berühmtestes Zitat über Ailton: „So einen wie den Ailton kannst du an der Copacabana im Rudel mit ‘nem Lasso einfangen“ (Paul Breitner)

Lincoln

Noch so ein divenhafter Brasilianer, der eigentlich am liebsten für Brasilien gespielt hätte. Doch als der deutsche Fußball vor der WM 2006 ein Kreativproblem hatte, bot sich der Schalker großmütig bei Bundestrainer Jürgen Klinsmann an. Der lehnte ebenso dankend ab wie Vorgänger Völler das Ansinnen Ailtons abgelehnt hatte. 2008, mittlerweile im Trikot von Galatasaray Istanbul, bot Lincoln dann auch dem türkischen Verband seine Dienste an. Ergebnis: Na was wohl?!

Dédé

Auch ein Brasilianer, aber bei Dédé ist der Fall ein wenig anders gelagert als bei Ailton und Lincoln. Zum einen, weil er hinten raus doch noch für die Selecao ran durfte (wenn auch nur einmal, 2004 in einem Freundschaftsspiel in Ungarn). Zum anderen, weil Dede fast schon ein halber Deutscher ist: Er spielt seit 1998 für Borussia Dortmund, ist mit einer Deutschen verheiratet und beherrscht die Sprache hervorragend. Vor allem aber die Tatsache, dass er in seiner Glanzzeit ein mehr als anständiger Linksverteidiger war, ließ den DFB im Vorfeld der EURO 2004 kurz über seine Einbürgerung nachdenken. Mittlerweile hat er, wie Cacau, auf dem regulären Weg auch die deutsche Staatsbürgerschaft erworben.

Berühmtestes Zitat über Dede: „Er soll nicht glauben, dass er Brasilianer ist, nur weil er aus Brasilien kommt.“ (abermals Paul Breitner)

Valérien Ismaël

Bei dem gebürtigen Elsässer war der DFB so dicht vor einer Einbürgerung wie seit Paulo Rink nicht mehr. Im Vorfeld der WM 2006 hatte die deutsche Mannschaft nämlich ein Riesenproblem in der Verteidigung. Nach dem 1:4 bei der Generalprobe in Italien zog man in der Frankfurter DFB-Zentrale alle Register: In Ermangelung tauglich erscheinender deutscher Verteidiger fiel schließlich die Wahl auf den Franzosen Valérien Ismaël.

Der war zu jener Zeit bei Bayern München einer der besten Innenverteidiger der Liga und hatte obendrein einen deutschstämmigen Großvater, weswegen eine schnelle Einbürgerung kein Problem gewesen wäre. Ismaël galt zudem als charakterlich einwandfreier Profi, der sich nach seinem Wechsel zu Werder Bremen 2003 rasend schnell integriert hatte. Außerdem spielte er trotz seiner guten Leistungen in den Planungen des französischen Nationaltrainers Raymond Domenech keine Rolle – scheinbar die Chance für Jürgen Klinsmann und Jogi Löw, zumal Ismaël bereit war für den Nationenwechsel. Der Haken: Valérien Ismaël hatte Jahre zuvor U21- und U23-Pflichtländerspiele für Frankreich absolviert. Was heute kein Problem mehr wäre, weil nur noch Pflicht-A-Länderspiele einen Nationenwechsel unmöglich machen, war damals das K.O.-Argument.

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